Zukunftswerkstatt

Falls Sie schon immer einen wirklich kompetenten Experten sehen wollten, dann haben Sie genau jetzt die Chance dazu: Gehen Sie ins Badezimmer und blicken Sie dort aufmerksam in den Spiegel. Gestatten: Sie, Experte für Verbesserungen in Ihrem Lebensumfeld.

Dass jeder Mensch ein Experte für die ihm vertrauten Dinge ist, das ist eines der drei Grund­prinzipien der Zukunftswerkstatt – einer Methode, die eine Gruppe um den Zukunftsforscher und Träger des Alternativen Nobelpreises Robert Jungk in den 1960er und -70er Jahren erfand und fortentwickelte. Auch wenn die Zukunftswerkstatt am häufigsten in der Bürgerbeteiligung zum Einsatz kommt, ist ihr Ansatz universell: Eine Gruppe Menschen mit Alltagserfahrung zum relevanten Thema trifft sich und entwickelt gemeinschaftlich und auf Augenhöhe Lösungsansätze für ein oder mehrere Probleme, wobei sie ihrer Kreativität freien Raum lässt. Unterstützt werden die Teilnehmer von einem Moderator, der die Zukunftswerkstatt an das Thema und die Teilnehmer anpasst und den Mut zur Kreativität fördert. Da die praktische Erfahrung im Mittelpunkt steht und unkonventionelle Ideen erwünscht sind, ist die Zukunftswerkstatt für Menschen jeden Alters, Berufs und Bildungsstandes geeignet.

Um auch das Entwickeln von Lösungen zu ermöglichen, die anfangs wenig offensichtlich sind, gliedert die Zukunftswerkstatt den Ideenprozess in folgende Phasen:

  1. Vorphase/Einleitung
  2. Kritikphase
  3. Fantasiephase
  4. Verwirklichungsphase

1. Vorphase

„Meine Art ist es, am Anfang zu beginnen." (Lord Byron, englischer Dichter der Romantik)

Die Vorphase bereitet die wesentlichen Teile der Zukunftswerkstatt vor: Üblicherweise stellen sich die Teilnehmer kurz vor und äußern sich zu ihren Wünschen und Erwartungen an die Veranstaltung. Der Moderator erläutert dann den Ablauf und die Organisation der Zukunftswerkstatt und stimmt die Teilnehmer auf das Themengebiet ein.

2. Kritikphase

„Man soll die Kritiker nicht für Mörder halten. Sie stellen nur den Totenschein aus." (Marcel Reich-Ranicki, polnisch-deutscher Literaturkritiker)

In der Kritikphase benennen die Teilnehmer so präzise wie möglich alle Missstände, die sie aus ihrem Themengebiet kennen. Hier soll alles auf den Tisch, was den Teilnehmern auf dem Herzen liegt – nicht als Verurteilung, sondern als schonungslose Bestandsaufnahme. Der Moderator hilft in dieser Phase dabei, diese Missstände zu finden und genau zu definieren. Abschließend werden die Kritikpunkte thematisch geordnet und die entstehenden Themen von den Teilnehmern nach ihrer Wichtigkeit geordnet.

Das Benennen der Kritikpunkte wird von Teilnehmern oft als zugleich befreiend („jetzt nennen wir die Dinge endlich beim Namen"), deprimierend („so viel liegt also im Argen"), aber auch als motivierend („da gibt's einiges, was besser werden muss!") beschrieben. Genau diese Motivation gibt dann auch den Schub für die nächste Phase.

3. Fantasiephase

„Hätten sich etwa die protestierenden BürgerInnen in der DDR nach Expertenprognosen gerichtet, dann hätten sie erkennen müssen, dass – aus Expertensicht – ihr Protest keine realistische Chance gehabt hätte." (Olaf-Axel Burow, Pädagogikprofessor und Autor zum Thema Zukunftswerkstatt)

Die Fantasiephase hat eine ungewohnte Regel: ‚Geht nicht' gibt's nicht. In dieser Phase kommt der Zeitpunkt, zu dem alle Träume, Wünsche und Visionen genannt werden können. Dabei ist es ganz egal, wie kostspielig ihre Umsetzung wäre oder ob man sie sonst als Spinnerei abtun würde. Das ist meist eine größere Herausforderung als im ersten Moment vermutet.

Pragmatisch und realistisch, so sind wir es gewohnt zu sein. Und manch einer zitiert gar gleich Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen." Beim Überwinden dieser Vorbehalte hilft der Moderator; oft auch, indem er am Anfang ungewohnte Kreativtechniken einbringt. Zum Beispiel können die Teilnehmer aufgefordert werden, sich vorzustellen, wie ihr Ort in hundert Jahren dank futuristischer Technologie und unbegrenztem Budget aussehen könnte. Zudem ist die Zukunftswerkstatt gerade in dieser Phase ein ‚geschützter Raum': Keine Äußerung wird verlacht oder beiseite geschoben, nichts wird veröffentlicht, niemand muss befürchten, für eine hier getätigte Äußerung schief angesehen zu werden. Kreativität geht in diesem Moment vor Seriosität.

Aber wozu soll das gut sein? Ist es nicht besser, sich auf das Machbare zu konzentrieren? Für das ‚muntere Herumspinnen' gibt es gute Gründe. Erstens: Bleibt man beim offenkundig Machbaren, denkt man oft in gewohnten Bahnen und übersieht ungewohnte und neue, aber sehr wohl realisierbare Ansätze und Möglichkeiten. Zweitens: Es geht in dieser Phase auch darum, zu ergründen, was man tatsächlich möchte. Und drittens: Mit etwas Geschick ist es oft möglich, etwas Besseres zu erreichen, wenn man sich wirklich genug anstrengt. Würde man das Bessere von vornherein als utopisch ausschließen, so könnte es logischerweise auch nicht erreicht werden.

Die Fantasiephase soll kreative Ideen aus den Teilnehmern hervorbringen, sowohl bezüglich der Wünsche als auch der Ansätze, diese umzusetzen. Erst wenn das erreicht ist und die Teilnehmer den Wünschen verschiedene Prioritäten zugeordnet haben, beginnt die nächste Phase.

4. Verwirklichungsphase

„Der vernünftige Mensch passt sich der Welt an. Der unvernünftige Mensch besteht darauf, dass sich die Welt nach ihm zu richten hat. Deshalb hängt jeder Fortschritt von dem unvernünftigen Menschen ab." (George Bernard Shaw, irischer Schriftsteller)

Entsprechend beginnt die Verwirklichungsphase nicht damit, alle Ideen und Visionen aus der Fantasiephase vom Tisch zu wischen und zu sagen: ‚Jetzt werden wir aber mal wieder realistisch.' Vielmehr ist nun der Zeitpunkt gekommen, sich umsetzbare Schritte in Richtung der Wünsche zu überlegen und Lösungen für Hindernisse auf dem Weg dorthin zu finden. Ein Helikopter auf Abruf für jeden älteren Menschen, der einkaufen will, mag eine Fantasie sein – aber wie sieht es mit einem Fahrdienst aus? Und wenn ein normaler Fahrdienst nicht bezahlbar ist, können die Bürger selbst einen auf die Beine stellen? Vielleicht können die freiwilligen Fahrer ja sogar entlohnt werden, zum Beispiel, indem sie über ein Punktesystem garantiert bekommen, dass Ältere mit mehr frei verfügbarer Zeit eine Gegenleistung erbringen.

Auch in dieser Phase sind Kreativität und Ideenreichtum wichtig: Welche Sachzwänge lassen sich doch umgehen? Welche Kooperationspartner wären denkbar? Gibt es eine günstigere Alternative? Wenn es am Ende lediglich an etwas Geld fehlt, wo könnte man dieses herbekommen?Auf diese Art kann gründlich überlegt werden, welche Projekte sich vielleicht doch ganz oder in etwas kleinerem Umfang umsetzen lassen und welche konkreten Schritte wann unternommen worden müssen. Hier weist der Moderator gegebenenfalls auf mögliche Schwachstellen in den Konzepten hin, damit keine Fallstricke entstehen. Außerdem motiviert er zum Durchhalten, wenn die Umsetzung schwierig, aber nicht unmöglich scheint. Auch klärt er ab, wie weit sich die Teilnehmer oder andere Betroffene realistischerweise einbringen wollen und können.

Der Verwirklichungsphase kann sich eine Nachbereitung anschließen, die die Ergebnisse der Zukunftswerkstatt und ihre Umsetzung überprüft und begleitet. Sie kann zu gegebener Zeit auch Anlass für eine neue Zukunftswerkstatt sein.

Neue Entwicklungen – Zukunftswerkstatt und neue Medien

„Ich bin im Grunde immer dafür eingetreten, dass nicht eine Methode Zukunftswerkstatt da sein soll, sondern Zukunftswerkstatt beinhaltet eine Haltung, die eben viele Methoden möglich macht, sonst widerspricht sie sich selbst." (Robert Jungk, Begründer des Konzepts Zukunftswerkstatt)

Das gemeinsame Diskutieren und Entwickeln ist ein unverzichtbarer Teil der Zukunftswerkstatt. So nimmt es nicht Wunder, dass mancherorts der Gedanke zum Ausdruck gebracht wird, die Zukunftswerkstatt sei mit neuen Medien wie dem Internet nicht vereinbar. Sicherlich ist eine rein "virtuelle" Zukunftswerkstatt nur schwer umsetzbar. Doch in jeder der genannten Phase kann eine passend gestaltete Internet-Plattform die Präsenzveranstaltungen ergänzen – sei es als Nach­schlagewerk mit Kommentar­funktion für die Protokolle der letzten Termine, sei es als Ideen- und Informationssammlung nach dem Wiki-Prinzip, in der detaillierte Ausarbeitungen zu einem Projekt Gestalt annehmen können, sei es durch ein Forum, in dem auch zwischen den einzelnen Treffen und Terminen diskutiert werden kann. Auch der beschriebene geschützte Raum lässt sich ohne weiteres herstellen, wenn der entsprechende Bereich der Plattform nur für die Teilnehmer der Zukunftswerkstatt zugänglich ist. Teilnehmer und Moderator können bereits vorhandene Projekte und Lösungsansätze recherchieren und sie der gesamten Gruppe über Links zugänglich machen, so dass die Diskussion bei den Präsenzterminen fundierter und fokussierter geführt werden kann.

Die Zukunftswerkstatt hat sich seit ihrer Erfindung viele Techniken der Moderation und Präsentation zueigen gemacht, um ihre Aufgabe noch besser und wirksamer zu erfüllen. Sie wird es auch weiterhin tun – online wie offline.

Text: Achim Lorenz

Bildnachweis: Future City (Sam Howzit, bezogen am 15.12.2014, CC BY 2.0), Mushroom House (Fotolia), Kelley Historical Agricultural Museum 03 (Jim Hammer, bezogen am 16.12.2015, CC BY 2.0)

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