​Expertenforum Bürgerbeteiligung: Die Ergebnisse

Eine spannende Keynote, vier intensive Workshops und eine prominent besetzte Podiumsdiskussion: Lesen Sie mal, welche Kernpunkte das Expertenforum Bürgerbeteiligung 2018 herausgearbeitet hat.

Die richtigen Werkzeuge finden - bunt und lebendig gestalten

Kommunale Vertreter und Experten aus Wissenschaft und Praxis diskutieren Wege in die Stadt der Zukunft. Bericht vom Expertenforum Bürgerbeteiligung 2018.

Text: Torge Ziemer
Fotos: Elisa Söll

Am Freitag, 09. März 2018, war es endlich wieder soweit: Zum insgesamt fünften Mal richteten die Human IT Service GmbH (HIT) und die Integrata-Stiftung das Expertenforum Bürgerbeteiligung in Tübingen aus. Angesichts des diesjährigen Themas, die Stadt der Zukunft, versprach das Expertenforum den Teilnehmern in diesem Jahr, weitreichender und visionärer als sonst die Zusammenführung einer effizienten Governance auf kommunaler Ebene mit dem Anspruch möglichst weitgehender Partizipation der Bürger beleuchten und diskutieren zu können. 

"Wie können sich Kommunen heute schon erfolgreich für die nächsten 20, 30 Jahre rüsten?" - entlang dieser Ausgangsfrage führte Anni Schlumberger in das Expertenforum ein. Im Zuge vielfältiger Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft, denen sich Kommunen zu stellen haben - von Veränderungen der Mobilität, dem Demographischen Wandel, neuen Bau- und Wohnformen bis hin zu den gewaltigen Folgen der Digitalisierung - müsse über neue Konzepte nachgedacht werden, mit deren Hilfe Kommunen ein nachhaltiges und erfolgreiches Zusammenleben in den kommenden Dekaden gestalten können. Dabei, so Schlumberger, sind die Konzepte von Gestern nicht unbedingt die adäquaten Rezepte für Morgen. Ziel des Expertenforums 2018 sei es daher, neue Erkenntisse aus dem Erfahrungsaustausch der Teilnehmer zu gewinnen, denen wiederum Impulse für das Gestalten des Morgens entspringen können.

"Wir brauchen frühe Entscheidungen, ohne dass wir wissen, was die Zukunft bringt"

"Frühe Entscheidungen sind erforderlich, ohne dass man weiß, was die Zukunft eigentlich bringt." Für Jens Hasse vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu), dessen Keynote Kern des Vormittagsprogramms des diesjährigen Expertenforums war, stellt dies die Crux dar, mit der Kommunen bei Zukunftsfragen- und planungen konfrontiert werden. Das Difu als größtes deutschsprachiges Institut im Bereich Stadtforschung beschäftigt sich schon seit längerer Zeit mit den Herausforderungen städtischer Entwicklungsplanung. Diese bewegen sich in einem breiten Themenfeld: vom Bereich Städtebau und Infrastruktur über Klima-,Umwelt- und soziale Fragen bis hin zu politischen und rechtlichen Sachzwängen. Hinzu kommt, dass jene Herausforderungen nie in immer gleicher Form bestehen bleiben, sondern einem ständigen Veränderungsprozess unterworfen sind.

Die Stadt der Zukunft - dieses Thema ist nicht auschließlich eines der Gegenwart. Schon im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit gab es Überlegungen, wie die ideale Stadt der Zukunft aussehen und wie man die Probleme der Gegenwart lösen könnte - mit visionären oder upotpisch anmutenden Ideen. Auch heute findet man auf der ganzen Welt ähnlich ambitionierte Konzepte, zum Beispiel die einer schwimmenden Stadt als Antwort auf einen steigenden Meeresspiegel. Doch dies sind nicht die Ansätze, mit denen sich europäische oder deutsche Städte und Gemeinde beschäftigen sollten, so Hasse. Vielmehr gelte es, Zukunftsplanungen unmittelbar entlang der eigenen Stadtgeschichte, an den Menschen und ihren Bedüfnissen auszurichten.

Auf Seiten der Forschung steht laut Hasse ein Begriff im Zentrum der Debatte um die Stadt der Zukunft: Smart City. Dies müsse nach Aufassung des Redners zufolge jedoch mehr sein als ein rein technisches, die Möglichkeiten der Digitalisierung ausschöpfendes Projekt. Vielmehr müsse eine Kommune, die sich dem Ziel Smart City unterwirft, nicht nur fragen, was man alles machen kann, sondern wem welche Maßnahmen konkret nützen und wie man diese auf transparente Art und Weise umsetzen könne. Insbesondere das Thema Datenschutz und Datennutzung müsse offen an den Bürger herangetragen werden. Smart City müsse mehr als ein Elitenprojekt sein, es gelte daher den Bürger in die Planungen einzubeziehen und eine neue Kommunikationskultur in den Kommunen zu etablieren. Flexibilität, Offenheit, Vertrauen und Kooperation seien die Elemente, die langfristige Plaungsprozess ergänzen müssen.

Workshops, Basar und Podium: Diskutieren und Netzwerken auf allen Ebenen

Im Zentrum des diesjährigen Expertenforums stand die zweigliedrige Workshopsphase. Einmal vormittags und einmal nachmittags hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, aus insgesamt vier Workshops mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten zu wählen.

Zwischen den Workshopsphasen fand der alljährliche Basar der Efahrungen statt. Insgesamt zehn Austeller stellten an verschiedenen Ständen Projekte aus der kommunalen Praxis vor, die einen Weg in die Stadt der Zukunft weisen könnten. Inhaltlich war das Angebot der Aussteller breit gefächert: vom Digitalen Dorf Nordbayern, ein Modellprojekt über den Umgang ländlicher Kommunen mit den Herausforderungen der Digitalisierung, bis hin zur Agenda Rosenstein, ein Projekt zur Etablierung eines Künstlerviertels in Stuttgart. 

Das große Finale des Expertenforums bildete die am Nachmittag stattfindende Podiumsdiskussion unter dem Motto "Wie viel Zukunft passt in den kommunalen Alltag?". Mit von der Partie waren neben den zwei Moderatoren Anni Schlumberger und Sascha Blättermann, Karin Engelhardt von der Stadt Coburg, Michael Hoppe von kommune.digital, Prof. Dr. Daniela Winkler von der Universität Stuttgart sowie Karin Kontny, Journalisten und Initiatorin des Kleinkunstpreises Tübinger Fröschle.

Deutschland als digitales Entwicklungsland?

Deutschland als digitales Entwicklungsland - eine Gefahr für die Wirtschaft auf lokaler Ebene? Michael Hoppe warnt vor einem solchen Szenario. Insbesondere die Defizite im Bereich Breitbandausbau im ländlichen Raum seien ein großes Problem. Ohne eine flächendeckend gute Versorgung mit schnellem Internet können Kommunen nicht von den unterschiedlichen Möglichkeiten und Instrumenten der Digitalisierung profitieren. Welche Systeme und Konzepte eine Stadt im Konkreten umzusetzen versucht, um fit für die Zukunft zu sein, stellt dann eine weitere Herausforderung dar. Was in vielen Kommunen fehlt, sind ganzheitliche Zukunftskonzepte. Vielfach wird nur über einzelne, fragmentierte Probleme nachgedacht. Gerade die Digitalisierung mache jedoch deutlich, dass es bei der Beschäftigung mit der kommunalen Zukunft um die Entwicklung ganzheitlicher Konzepte geht. Dazu benötige man in erster Linie digitale Bildung in den Kommunen.

Der Aspekt der Bürgerbeteiligung bei kommunalen Zukunftsprojekten ist unbedingt notwendig, meint die Journalistin Karin Kontny. Sie trage zu einer verstärkten Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt bei, indem die Menschen die Möglichkeit erhalten, ihre Stadt lebendig  und bunt zu gestalten. Es komme dabei darauf an, auch Randgruppen der Gesellschaft in die Prozesse zu integrieren. Genau diese Identifikationserfahrung hat Karin Engelhardt von der Stadt Comburg im Rahmen ihres Projekts, der digitalen Einkaufsstraße GoCoburg, gemacht. Hierbei haben Bürger die Möglichkeit, sich im Vorfeld eines möglichen Einkaufs in der Innenstadt über die Angebote der städtischen Einzelhändler zu informieren. Der Mehrwert dieses Projekts, so Engelhardt, bestehe unter anderem in einem stärkeren städtischen Zusammenhalt. Man entdeckt neue Läden, tauscht sich enger mit dem Gegenüber aus und spricht offener über die Probleme, mit denen sich der Einzelhandel in den städtischen Einkaufsstraßen konfrontiert sieht.

"Bürgerbeteiligung bei kommunalen Zukunftsprojekte ist unbedingt nötig"

Fragen der Bürgerbeteiligung stehen auch im Zentrum des Studiengangs Planung & Partizipation an der Universität Stuttgart. Studiengangsleiterin Prof. Dr. Daniela Winkler versucht, ihre Studierenden, von denen später viele in kommunalen Strukturen arbeiten, Werkzeuge in die Hand zu geben, um einerseits zukunftsgerichtete Standentwicklungskonzepte zu erarbeiten, anderseits um möglichst viele Bürger in Beteiligungsprozess einzubinden. Aufgrund der Interdisziplinarität des Studiengangs werden die Studierenden zu Experten in den verschiedenen Bereichen bei der Entwicklung von Zukunftskonzepten - von der Stadtplanung über rechtliche Fragen bis hinzu Kommunikationsstrategien und politische Partizipation. Dieses breit gestreute Wissen ist auch notwendig, so Winkler, denn meist fehlt es in den Stadtverwaltungen an Brückenbauern, die den Planungsprozess so koordinieren, dass je nach konkreter Problemlage auch die richtigen Werkzeuge zur Anwendung kommen.

Um Zukunft zu gestalten, muss aber nicht immer großen Zusammenhängen gedacht werden, meint Prof. Dr. Winkler. Oft kann man schon dann etwas bewegen, wenn man den einzelnen Bürger dazu ermutigt, seinen Verhalten zu verändern. Zum Beispiel, indem man es macht wie Karin Kotny, die die Gäste ihres Kleinkunstpreises wiederholt dazu ermutigt hat, mit dem ÖPNV oder einer Fahrgemeinschaft zur Veranstaltung zu fahren, anstatt wie sonst auch allein ins eigene Auto zu steigen. Diese Art der Kommunikation, die dem Bürger ein konkretes Angebot macht, sei Winkler zufolge eine nachhaltigere Form der Problemlösung als jedes (Fahr-)Verbot.

Jens Hasse: So sieht die Stadt der Zukunft aus

Die Podiumsdiskussion zum Nachschauen

Carlo Schöll: Warum Digitalisierung jetzt in der Kommune ankommen muss

Thorsten Puttenat: Darum brauchen wir die Agenda Rosenstein

So wird das Expertenforum Bürgerbeteiligung 2018

Dr. Marc Zeccola: Das ist der Studiengang Planung und Partizipation in Stuttgart

Prof. Daniela Winkler: Meine Beteiligungswünsche für Stuttgart

Jens Hasse: Warum Stadtklima immer wichtiger wird

Jens Hasse: 3 Schritte zur Stadt der Zukunft

Workshop Demographischer Wandel

Wolfgang Wähnke von der Bertelsmann-Stiftung behandelte mit seinen Workshopteilnehmern das Thema „Demographischer Wandel". Insgesamt, so die Erfahrungen kommunaler Vertreter, bestehe in diesem Bereich ein Mangel an zukunftsträchtigen Gesamtkonzepten. Dies stelle vor allem für Kommunen aus dem ländlichen Raum ein Problem dar, da diese durch das Wachstum der Städte stetig an Einwohnern verlieren. Besonders belastet viele Kommunen die Lücke im Bereich Pflege. Personalmangel besteht schon jetzt, die Zukunft sieht angesichts der demographischen Entwicklung umso düsterer aus.

Workshop Digitalisierung in der Kommune

Im Workshop "Digitalisierung in der Komune " unter der Leitung von  Michael Hoppe (kommune.digital) und Carl Schöll (bächle & spree) wurde positiver in die Zukunft geschaut. Digitalisierung, so eines der Erkenntisse des Workshops, eröffne Gemeinden ganz neue Möglichkeiten, um ihre Städte und Dörfer attraktiver zu machen. Allerdings wurden auch kritische Stimmen laut: Es fehle den Kommunen an Arbeitskräften, die fähig wären, die Digitalisierung voranzutreiben. Außerdem herrsche oft eine Wissenslücke im Bereich Datenschutz. Probleme dieser Art seien nur in enger Zusammenarbeit aller Gemeinden in einem bestimmten Raum zu überwinden.

Workshop Mobilitätskonzepte der Zukunft

Dr. Marco Sonnberger von der Universität Stuttgart und Nora Fanderl vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) diskutierten mit den Teilnehmern ihres Worshops die Trends, Herausforderungen und Chancen im Themenbereich "Mobilitätskonzepte der Zukunft". Im Zuge von Entwicklungen wie dem Klimwandel, der zeitlichen Flexibilisierungen der Arbeit, demographischen Veränderungen oder der in alle Lebensbereiche wirkenden Digitalisierung sind Kommunen gezwungen, neue Mobilitätskonzepte zu entwickeln und dabei die Bedürfnisse ihrer Einwohnerschaft nicht aus den Augen zu verlieren. Maßnahmen wie Bürgerbusse, Radschnellwege oder eine engere Vernetzung unterschiedlicher ÖPNV-Angebote seien hierzu ebenso geeignet wie neuartige Beteiligungsformate unter Verwendung von Virtual Reality.

Workshop Nachhaltige Stadtplanung

In seinem Workshop zum Thema "Nachhaltige Stadtplanung" stellte Prof. Dr. Franz Pesch den Aspekt der Bürgerbeteiligung als ein wesentliches Element der Nachhaltigkeit heraus und schlug den Teilnehmern dieses Thema zur näheren Erörterung vor. Im Rahmen des sich entfaltenden Gedankenaustauschs zu den Bedingungen erfolgreicher Partiziption schilderte Professor Dr. Pesch anschaulich seine positiven Erfahrungen mit einem mehrstufigen Beteiligungsprozess während der städteplanerischen Entwurfsphase. Den Bürgern werde dabei nicht nur die Möglichkeit zur Information und Meinungsäußerung gegeben, sondern ihre Ideen maßgeblich bei der Weiterentwicklung der Entwürfe berücksichtigt. Die Workshop-Teilnehmer brachten ihrerseits die Herausforderungen in die Diskussion ein, denen sie sich in ihren Kommunen bei der Gestaltung von Beteiligunsgprozessen gegenübersehen.

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Aktuelles

03. April: Alle Ergebnisse zum Expertenforum Bürgerbeteiligung mit Fotos und Videos finden Sie hier.

06. Februar 2018: Wir haben mit einigen Experten vor dem Forum kleine Videointerviews geführt. Schauen Sie mal!

23. Januar 2018: Lernen Sie unseren Haupt­referenten Jens Hasse im Video kennen.


15. Januar 2018: Die Diskussion zur Stadt der Zukunft auch in unserem Blog:

Diskutieren Sie mit - und melden Sie sich jetzt an für das Expertenforum Bürgerbeteiligung!


1. April 2017: Ein aus­führ­licher Ergebnis­bericht zum XF17 ist online.