​Ergebnisse des Expertenforum Bürgerbeteiligung 2017

"Der Dialog kann online funktionieren!"

Beim Expertenforum Bürgerbeteiligung sprechen kommunale Vertreter über den Einsatz von Social Media in der Kommune und Kommunikation bei schwierigen Themen.

Voll ist es geworden, sie stehen hinten noch an den Tischen. Die modernen Möglichkeiten führen sie hierher, die digitalen Geschichten, die Unsicherheit. Sie suchen nach Antworten auf die Frage, wie man umgeht mit den sozialen Medien, wie und wo man als Kommune kommuniziert, wenn das Thema schwierig wird: Bürgermeister, kommunale Vertreter, Mediatoren, Studenten. Über die Hälfte der Anwesenden sagt, dass man ohne Facebook die Menschen nicht mehr erreicht und knapp die Hälfte nutzt Social Media täglich für die Kommunikation.

Nur ist Social Media nicht nur Facebook und das wissen sie hier alle. Social Media ist Twitter, Instagram, Snapchat. Inzwischen nutzen manche Kommunalpolitiker sogar den Datingdienst Tinder für ihre Politik. „Facebook", wird später am Tag der junge Student Tobias Ilg sagen, „ist etwas für ältere Menschen." Das deutet auch Anni Schlumberger an: „Kanäle diversifizieren sich", sagt die Geschäftsführerin der Human IT Service GmbH zur Einführung. „Man erreicht immer weniger Menschen über einen Kanal." Die Schwierigkeit sei herauszufinden, welchen Kanal man für sein Thema nutze – und auch mal neu anzufangen, wenn es schiefgeht.

Hans-Dieter Zimmermann ist einer, der es wissen muss. Seit Jahren begleitet er Bürgerbeteiligung in der Schweiz, kennt sich aus mit Twitter, weiß was Microblogs sind, Wikis und Mängelmelder. Der Professor für Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule St. Gallen wird gleich ein paar Beispiele vorstellen und einordnen, aber zuerst sagt er: „Transparenz ist wichtig für Partizipation und Kollaboration." Die Schweiz sei weiter im Miteinander von Bürger und Staat: Klassische Medien wie das Amtsblatt oder die Tageszeitung bieten nur einen Weg der Kommunikation und funktionieren alleine nicht mehr. Die Digitalisierung hat den Dialog in die kommunale Kommunikation gebracht – und Werkzeuge geliefert für die transparente und offene Verwaltung. Man twittert in St. Gallen jetzt aus dem Stadtparlament, diskutiert dort mit Bürgern und anderen Politikern. Man setzt auf Mängelmelder und setzt bewusst auf den Druck, dort gemeldete Missstände schnell auszubessern, weil sonst ein schlechter Eindruck entstehe. Das sei eine echte Herausforderung: „E-Partizipation", sagt Zimmermann, „braucht starke aktive Moderation und regelmäßiges, zügiges Feedback." Und nicht nur das: Kommunen brauchen einen Plan, sie müssen dahinterstehen und sie müssen wissen, wie sie mit den Ideen aus der Bürgerschaft umgehen und wie sie die Bürger aktivieren, deren Ideen nicht umgesetzt werden und die Enttäuschung in neue Motivation wandeln. „Und dann", ergänzt Zimmermann, „gibt es natürlich Möglichkeiten der Manipulation und des Missbrauchs." Dem müsse man sich bewusst sein. Manche Meinungen gehen durch die Kultur des Likes unter, manchmal enden Meinungen in richtigen Shitstorms. Es gibt sie nicht mehr, die Öffentlichkeit – heute gibt es stattdessen viele verschiedene Öffentlichkeiten in Social Media & Co. Auch Rollenfragen stellen sich: twittert ein Politiker jetzt eigentlich privat oder als Abgeordneter?

Haltung, Respekt und Ruhe

Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hat diese Frage für sich schon beantwortet. Er nutzt die sozialen Medien als öffentliche Person. Palmer kennt das Phänomen des Shitstorms, weiß um die Wirkung von Postings in sozialen Medien. Er postet an der Bushaltestelle, in der Pause, von einer Ladeneröffnung in Tübingen, über die große Politik und auch einfach mal nur die kleine Geschichte des Tages. Palmer sagt, dass Anfeindungen von Kommunalpolitiker nicht erst seit Facebook und Twitter auftreten. Früher habe es die per Post gegeben. Wer ihn beleidige, werde geblockt. Dann gibt es zwar noch mehr Aufregung, auch in kleinen Gruppen, die sich aber wieder lege. Palmer sagt, man müsse nur entsprechend schnell reagieren – und stellt dann die guten Seiten der Plattform in den Vordergrund: Man erreicht vor allem jüngere Leute. Man erreicht Menschen mit einem anderen Meinungsspektrum. Man bekommt eine schnelle Rückmeldung bei lokalen Fragen. Die Filterblase kennt Palmer zwar auch – aber genauso Diskussionen und Kommentare, die seiner Meinung diametral widersprechen. Palmer glaubt, dass Facebook mehr Bürgernähe bedeutet – und als er als Aprilscherz einmal postete, dass er Facebook aufgebe, haben seine Freunde ihn aufgefordert, weiterzumachen – natürlich auf Facebook.

„Facebook", sagt das baden-württembergische Städtetagsmitglied Martin Müller, „ist für mich ein Mittel, alte Freunde aufzuspüren." Auch er hält Facebook eher für ein Medium für ältere Menschen. „Meine Kinder sind inzwischen zu Instagram gezogen, weil so viele ältere Menschen bei Facebook sind." Müller sagt, dass Kommunikation dann gelingt, wenn man eine Beziehung zu seinem Gegenüber aufbaut. Das braucht Transparenz und Vertrauen. Schon bei E-Mails gehe in der Kommunikation etwas verloren. Findet man das dann erst recht im Netzwerk Facebook wieder? Partizipation entstehe über ehrlichen Austausch mit anderen Menschen. Man muss sich Punkte setzen, auf die man sich konzentriert. Haltung zeigen, Respekt bewahren und sich auch Ruhe gönnen. „Es ist nicht wichtig, ob man online oder offline kommuniziert", sagt Müller, „sondern die Art der Kommunikation." Er redet über Authentizität, über Ehrlichkeit. Müller sagt: „Der Dialog kann online kann funktionieren, wenn man die persönliche Ebene weglässt."

Es ist Pause jetzt. Man redet miteinander, twittert nicht, schaut nicht auf das Smartphone. Ein großer Basar wird vorbereitet: Stellwände werden im Raum verteilt, Plakate angepinnt, Beamer zeigen Webseiten und Präsentationen. Der lokale Umgang mit Social Media ist so unterschiedlich wie Social Media selbst. Da ist das Staatsministerium, dass per althergebrachten Newsletter zum Thema Flüchtlinge kommuniziert. Da ist die Journalistin, die ihre Reportage über Flüchtlinge via Facebook vermarktet – und sich Kritikern offen entgegenstellt. Da ist der Bundestagswahlkämpfer, der für seine Partei nur noch im Netz um Stimmen wirbt. Und da ist Wolfgang Heinecker von der Bürgerbeteiligungswerkstatt Heidenheim. Er zündet an seinem Stand erst einmal eine Kerze an. „So viel Zeit muss sein", sagt er und hält seine Kerze nach oben. Heinecker und die anderen Basaristen haben ihre Strategien mit oder in den sozialen Medien gefunden. Sie stehen vor großen Stellwänden. Nachhaltigkeit, Zwangsprostitution, Lärmschutz am Flughafen – der Basar deckt viele schwierige Themen ab. Und die Händlerinnen und Händler dieses Basars sind nun bereit für Fragen, Anregungen, Neugier, und natürlich für den praktischen Austausch mit anderen kommunalen Vertretern.

Transparenz und Verantwortung

Strategien für Social Media finden ist wichtig. Das findet auch Tobias Ilg, der junge Student, der Facebook als Social Network für ältere Menschen empfindet. Ilg sagt, dass man in den sozialen Medien vor allem transparent sein muss. Damit beuge man jeglichen Gerüchten vor. „Wer mit einer Salami-Taktik agiert, verliert online auf jeden Fall", sagt er auf der Podiumsdiskussion zum Abschluss der Tagung. Dem stimmt auch der Prozessanalytiker Dr. Raban Daniel Fuhrmann zu und ergänzt: „Der Kern der Frage ist die Verantwortung. Verantwortung heißt, dass ich bereit bin, auch Antworten zu geben."

Antworten geben – das kennt die Journalistin Katharina Thoms: Für ihre Flüchtlingsdokumentation erntete sie auf Facebook nicht nur Lob, sondern auch Gegenwind. Sie habe sich entschieden, erzählt sie, auf jede Kritik zu antworten – und manchen Kritiker sogar zu Hause zu besuchen. Kritiker persönlich trifft auch Veronika Kienzle: Sie habe mal einen Shitstorm auf Facebook geerntet und trat diesem entgegen, obwohl sie gar kein Facebook nutzt und kein eigenes Profil besitzt. Durch das persönliche Gespräch mit einem Kritiker löste sie eine Gegenwelle aus – und beendete die Kritikwelle. „Das hat viel Energie und auch Ressourcen gekostet", erzählt sie. Die Journalistin Thoms stimmt ihr zu: „Begegnung ist wichtig – egal in welchem Raum."

„Kommen Sie gut nach Hause, kommen Sie nächstes Jahr wieder", verabschiedet Anni Schlumberger zum Abschluss die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Tagung und Podiumsdiskussion und verrät schon mal: Im Jahr 2018 wird das Expertenforum am 9. März stattfinden.

Bericht: Sascha Blättermann 

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Aktuelles zum Expertenforum

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April 2017: Ein aus­führ­licher Ergebnis­bericht zum XF17 ist online.


01.03.2017: Endspurt: Die finale Version des Programm­flyers ist online!