Interview mit Prof. Dr. Ing. Dr. Christian Berg

Das Problem beim Klimaschutz ist, dass Verursacher und Leidtragende nicht diesselben sind.

Im Rahmen der Auftaktveranstaltung wird Prof. Dr. Ing. Dr. Christian Berg einen Impuls geben zum Thema Klimaschutz und Bürgerengagement. Grund genug, ihm vorab schon einmal ein paar Fragen zu stellen.

Frage: Klimaschutz ist ja ein globales Thema: Was können einzelne Städte und Gemeinden für den Klimaschutz tun?

Christian Berg: Immer mehr Menschen leben in Städten, insofern sind Städte ein wichtiger Hebel. Einige Bereiche fallen sofort ins Auge: Energie- und Wasserversorgung, Abfall-Entsorgung, Baumaßnahmen und Transportsysteme. Es ist aber auch wichtig, dass wir uns Gedanken machen, wie der Wettbewerb zwischen Kommunen nachhaltig gestaltet werden kann. Wie können wir zum Beispiel vermeiden, dass im Wettbewerb um Gewerbesteuereinnahmen die Ausweitung von Gewerbeflächen voranschreitet, womit die Flächenversiegelung beschleunigt wird?

Frage: Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, die Bürgerinnen und Bürger auch in Sachen Klimaschutz umfassend zu beteiligen?

Christian Berg: Machen wir uns nichts vor: ich lasse mich doch leichter zur Mitarbeit bewegen, wenn ich merke, dass mich das etwas angeht. Umgekehrt werden Vorbehalte geschürt, wenn Entscheidungen über meinen eigenen Kopf hinweg getroffen werden, obwohl ich hätte eingebunden werden können. Gerade auf kommunaler Ebene ist eine Bürgerbeteiligung relativ einfach, um damit auch berechtigte Anliegen von Bürgerinnen und Bürgern aufzunehmen.

Frage: Glauben Sie, dass die Verbraucher wissen, was Klimawandel für sie konkret bedeutet? Wie könnte dies besser vermittelt werden? Aufforderungen zum Energie sparen reichen offenbar nicht aus (Stichwort: SUV sind Verkaufsschlager der Autoindustrie).

Christian Berg: Das Problem beim Klimawandel ist: er geschieht langsam und Verursacher und Leidtragende sind nicht dieselben. Wir sollten die Debatte einerseits weniger ideologisch führen, zugleich aber auch deutlich machen, dass nicht jeder Mensch auf dem Planeten so verschwenderisch mit Ressourcen umgehen kann wie wir. Und generell sollten wir jeder für sich und wir als Gesellschaft die Frage beantworten, welche Wirtschaft wir wollen. Ich habe den Eindruck, Konsum ist für viele zur Ersatzreligion geworden. 

Frage: Ist Ihrer Meinung nach ein nachhaltiges Konsumverhalten für das Gelingen notwendig?

Christian Berg: Auf jeden Fall! Denn über den Konsum setzen wir Signale an die Unternehmen, die wiederum ihre Produktstrategien danach ausrichten. Leider scheitern immer wieder gute Initiativen daran, dass die entsprechenden Produkte, die anfangs notwendigerweise etwas teurer sind, am Markt einfach nicht nachgefragt werden. Und niemand kann einem Unternehmen vorwerfen, dass es nicht dauerhaft am Markt vorbeiproduzieren möchte. Deshalb ist es wichtig, auch beim Einkaufen auf die guten Produkte zu achten.

Frage: Welche Rolle spielen die Unternehmen beim Klimaschutz? Was können Unternehmen tun, um nachhaltiger zu wirtschaften?

Christian Berg: Unternehmen sind Schlüsselfiguren – denn die Produkte, die wir kaufen, werden von Unternehmen hergestellt und gehandelt. Es gibt sehr viel, was Unternehmen tun können, von der Produktstrategie über die eigenen Betriebsabläufe bis zu Lieferanten und Mitarbeitern – nur leider scheitert es oft daran, dass zu kurzfristig gedacht und operiert wird.

Frage: Müssen wir als Bürgerinnen und Bürger künftig mit noch schärferen Gesetzen oder auch finanziellen Belastungen - nicht nur im Baubereich - rechnen, wenn sich die CO2-Emissionen nicht deutlich reduzieren lassen? Können Kommunen hier eigene Wege gehen?

Christian Berg: Wenn wir das wichtige 2-Grad-Ziel erreichen wollen, wird der Preis für CO2-Emissionen sehr bald deutlich ansteigen müssen. Solange die Tonne CO2-Emission so billig zu haben ist (derzeit etwa 6 Euro), rechnet sich der Emissionshandel nicht. Da sich die Weltgemeinschaft aber verpflichtet hat, das 2-Grad-Ziel einzuhalten, werden wir sicherlich weitere Verschärfungen seitens der Politik erleben – seien es Steuern oder Abgaben, aber auch weitere Verbote sind denkbar (wie bei den Glühbirnen). Gerade bei den o.g. Bereichen Energie, Wasser, Entsorgung und ÖPNV haben Kommunen oft gute Möglichkeiten, langfristige und zukunftsfähige Projekte zu realisieren.

Frage: In der Region Oberrhein, also auch in Bühl, haben wir schon jetzt eine Zunahme um 1,5 Grad der Jahresdurchschnittstemperaturen. Hilft es, hier noch Anstrengungen zum Klimaschutz zu unternehmen oder wären Bemühungen zur Klimaanpassung wichtiger?

Christian Berg: Beim Klimawandel sind ja leider Verursacher und Leidtragende nicht dieselben, wie schon gesagt. Einerseits haben wir in Deutschland Glück, weil wir wohl nicht am schlimmsten betroffen sein werden – andererseits würde es kaum einen Unterschied machen, selbst wenn wir überhaupt nicht mehr CO2 emittieren. Deshalb können Strategien zur Anpassung an den Klimawandel lokal sogar noch dringlicher sein als die zur Vermeidung.

Frage: Wie gelingt es, dass Klimaschutz abseits von einzelnen Aktionen nachhaltig das städtische Leben und Handeln prägt?

Christian Berg: Gerade die langfristig wirkenden Maßnahmen sollten dem Prinzip der Nachhaltigkeit verpflichtet sein: allen voran bei der Infrastruktur; zum Beispiel bei der Energieversorgung, beim ÖPNV und den Entsorgungskonzepten, aber auch bei den Bebauungsplänen und den Investitionen in die Bildung. Das ist sicher oft schwierig in Zeiten knapper Kassen, aber wenn man die Menschen „mitnimmt" und einbindet, werden sich dafür auch Mehrheiten ergeben – denn der Erhalt einer lebenswerten Welt für unsere Kinder und Enkel ist vielen Menschen in Baden-Württemberg zum Glück nach wie vor sehr wichtig.

Zur Person: Prof. Dr. Ing. Dr. Christian Berg ist Physiker, Theologe und Philosoph. Das Thema Nachhaltigkeit beschäftigt ihn seit vielen Jahren, zunächst beim Softwarehersteller SAP, mittlerweile als Berater verschiedener Unternehmen,  als Honorarprofessor (u.a. TU Clausthal) und als Mitglied beim Club of Rome.  http://www.christianberg.net 

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