Individuelle Meinungsbildung und Meinungsbildung in Gruppen

In Zusammenarbeit mit dem Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen wurde der Prozess der Meinungsbildung für Polit@ktiv wie folgt beschrieben:
Wir danken den Mitarbeitern: Juergen Buder, Kristin Knipfer, Christina Schwind, Institut für Wissensmedien, Tübingen, 2011. Ihr Beitrag steht hier als pdf zum download bereit.

1. Individuelle Meinungsbildung

Grundlage für einen konstruktiven Meinungsaustausch auf PolitAktiv ist die individuelle Meinungsbildung. BürgerInnen sollen eine begründete Entscheidung pro oder kontra treffen, um dadurch ihre Position für andere nachvollziehbar artikulieren zu können.

Idealerweise basiert die individuelle Meinungsbildung auf Fertigkeiten, die in der pädagogischen Literatur unter dem Konzept des „kritischen Denkens" zusammengefasst werden: Dazu gehören die Fertigkeiten und die Bereitschaft, vorhandene Argumente zu prüfen, Positionen zum Thema kritisch zu hinterfragen, widersprüchliche Informationen zu integrieren und sein Urteil gegebenenfalls zu revidieren.

Die Graphik skizziert den zugrundeliegenden Prozess der Meinungsbildung. Die drei wichtigsten Punkte – (Vor-)Einstellung, Informationssuche und aktive Partizipation – sowie deren Randbedingungen werden im nachfolgenden Text erläutert.

 

(Vor-)Einstellung

Individuelle Meinungsbildung beruht selten auf einer sorgfältigen Abwägung von Für und Wider. Bei einer ersten Konfrontation mit einem unbekannten Thema resultiert (oft unbewusst) eine schnelle, erste Einschätzung des Themas, eine Vor-Einstellung. Diese Vor-Einstellung bestimmt, ob wir dem Thema eher positiv oder negativ begegnen und wird i.d.R. vor dem Hintergrund übergeordneter Werte und genereller sozio-politischer Einstellungen vorgenommen. (Erst-)Urteile erfolgen also zunächst oft „aus dem Bauch heraus" und sind selten die Folge einer bewussten Auseinandersetzung mit Für und Wider.

Ob wir uns mit einem Thema weiter auseinandersetzen oder nicht, wird maßgeblich beeinflusst von Faktoren wie Relevanz, Betroffenheit und Interesse. Nur wenn wir also wahrnehmen, dass wir von einem Thema persönlich betroffen sind, das Thema für uns relevant und/oder interessant erscheint, werden wir uns weiter damit beschäftigen.

Informationssuche

Die Suche nach bzw. die Offenheit für neue Informationen wird bestimmt durch das Ausmaß an Sicherheit, dass wir in Bezug auf unsere (Vor-)Einstellungen erleben, also der Frage, wie sicher wir mit unserer Einschätzung sind. Sind wir uns unsicher, was insbesondere bei kontroversen Themen mit vielfältigen Meinungen leicht der Fall sein kann, führt das häufig dazu, dass man weitere Informationen aufsucht. Die Informationssuche führt dann entweder zu einer Bestätigung und damit Festigung unserer Voreinstellung oder aber zu einer Revidierung unserer Einschätzung. Resultat diese Vorgangs ist eine bewusste, reflektierte Meinung, also eine begründete Position, die wir ggf. auch explizieren können.

Allerdings unterliegen wir auch unter optimalen Bedingungen – wenn alle notwendigen Informationen verfügbar sind – (Selbst-)Täuschungen; unser Denken und Urteilen ist oftmals einseitig und von Vorurteilen bestimmt. Beispielsweise suchen wir vor allem nach denjenigen Informationen, die unserer Einstellung entsprechen; Gegenargumente werden hingegen systematisch vernachlässigt.

Aktive Partizipation

Die Verarbeitung von Informationen führt in der Regel auch dazu, dass wir sicherer in unserer Position werden. Dies wiederum kann die Tendenz begünstigen, unsere Meinung öffentlich zu äußern. Doch nicht allen Leuten fällt es gleichermaßen leicht, sich zu artikulieren – es gibt Hürden der Partizipation: Selbstsicherheit, Furcht vor Ausschluss, oder sozialer Vergleich sind Randbedingungen, an denen Meinungsäußerung scheitern kann.

Insbesondere auch die Auseinandersetzung mit konträren Positionen und möglichen Gegenargumenten ist nicht als „Selbstläufer" zu erwarten. Die Berücksichtigung von Gegenargumenten kann aber durch die Konfrontation mit anderen Meinungen gefördert werden. Durch Meinungsaustausch und die Reflexion der Meinungen anderer lernt der Einzelne weitere Positionen kennen, was zu neuen individuellen Erkenntnissen führt. Dem Forumsteilnehmer wird der kontroverse und offene Charakter des Themas bewusst und die aufgezeigte Multiperspektivität sollte ihn zu einem Hinterfragen der eigenen Meinung anregen.

2. Meinungsbildung in Gruppen

Meinungsbildung vollzieht sich einerseits als ein Prozess, bei welchem ein Individuum durch die Suche nach Informationen eine Meinung neu bildet bzw. verändert. Andererseits lässt sich Meinungsbildung aber auch als ein Gruppengeschehen auffassen, in welchem mehrere Beteiligte versuchen, zu einer geteilten Meinung zu kommen. Dies gilt z.B. für Gremien, die versuchen, eine gemeinsame Stellungnahme zu erarbeiten.

Individuelle Fertigkeiten und die Bereitschaft, sie auszuüben

Damit die Meinungsbildung in Gruppen gelingt, sollten die beteiligten Individuen eine Reihe von Fertigkeiten einbringen. Aus psychologischer Sicht sind hier vor allem drei Fähigkeiten von Bedeutung:

1)      Perspektivenübernahme: Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, trägt wesentlich dazu bei, gute Ergebnisse beim Meinungsaustausch zu erzielen. Perspektivenübernahme bedeutet nicht nur, die Meinungsäußerungen von anderen in ihrem Kontext wahrzunehmen (Äußert sich ein Betroffener? Was motiviert den anderen zur Äußerung?), sondern zeigt sich auch, indem eigene Äußerungen an den Wissensstand, die Motivation und die Emotion der Adressaten angepasst werden. Psycholinguisten nennen diesen Vorgang audience design, das Anpassen der Äußerungen an ein Publikum.

2)      Argumentieren: Je besser ein Individuum argumentiert (und auch auf die Argumente anderer reagiert), desto mehr Einfluss wird es bei der Meinungsbildung in Gruppen haben. Ein gutes Argument besteht aus drei Teilen: einer Behauptung (z.B. „Projekt X ist sinnvoll"), einer Begründung (z.B. „Es wird die Verkehrssicherheit erhöhen"), und Belegen (z.B. „in Region Y ist die Unfallgefahr daraufhin um 5% zurückgegangen").

3)      Aushandeln: Argumente sollten nicht für sich stehen, sondern in ein Netzwerk aus Argumenten, Gegenargumenten und Kompromissen eingebunden sein. Dazu bedarf es der Fähigkeit zu verhandeln. Beim Verhandeln geht es einerseits darum, die eigenen Interessen strategisch durchzusetzen, andererseits aber auch die Interessen anderer zu berücksichtigen. Nur so können Kompromisslösungen gefunden werden.

Gruppenstruktur

Aus der Zusammensetzung der Individuen in einer Gruppe können sich sehr unterschiedliche Strukturen ergeben. Je nach Gruppenstruktur stellt sich Meinungsbildung anders dar, und es gibt unterschiedliche Faktoren, die man berücksichtigen sollte:

1)      Meinungsverteilung: Je nachdem, wie viele Positionen es zu einem Sachverhalt gibt, resultieren aus den individuellen Meinungen heraus Meinungsverteilungen in einer Gruppe. Beispielsweise können Mehrheits- oder Minderheitspositionen entstehen. Hier ist zu beachten, dass charakteristische Einflussprozesse auftreten können. Minderheiten tendieren oft dazu, sich einer Mehrheitsmeinung anzuschließen, um den Gruppendruck, der auf ihnen lastet, zu reduzieren. Allerdings ist diese Meinungsänderung meist nicht von Dauer. Umgekehrt neigen Mehrheiten oft dazu, Minderheitenmeinungen zu ignorieren – wenn sie allerdings einer Minderheitsmeinung Beachtung schenken, hat dies oft erstaunliche Effekte: Mehrheiten können dauerhaft überzeugt werden, oder sie werden dazu angeregt, kreativ nach Kompromissen zu suchen.

2)      Informationsverteilung: Nicht jeder in einer Gruppe verfügt über dieselben Informationen. Allen Beteiligten die relevanten Informationen verfügbar zu machen, ist in der Praxis oft schwerer als man denkt. Gruppenmitglieder neigen dazu, nicht alle Informationen mitzuteilen, insbesondere, wenn diese Informationen nicht ihrer eigenen Meinung entsprechen. Das führt dazu, dass manche Informationen, zu denen nur eine Person Zugang hat, nicht zum Gegenstand des Meinungsaustauschs werden. Selbst wenn ungeteilte Informationen eingebracht werden, neigen Gruppen dazu, solche Informationen nicht stark zu berücksichtigen.

3)      Normen: Die Meinungsbildung ist stark von den Normen einer Gruppe abhängig. Normen können auf sehr unterschiedlichen Ebenen ansetzen: Wie gleichberechtigt sind die Mitglieder? Welcher Umgangston herrscht beim Meinungsaustausch? Herrscht eher Konkurrenz oder Zusammenarbeit vor? Normen können durch Moderation beeinflusst werden, aber letztlich entstehen sie immer aus den Verhaltensweisen der regulären Teilnehmer heraus.

Gruppenprozesse

Die Meinungsbildung in Gruppen ist von der Gruppenstruktur abhängig, und sie lässt sich zudem durch bestimmte Prozesse charakterisieren:

1)      Bezugnahme: In manchen Diskussionen stehen viele Einzelaussagen gegenüber. Besser ist es hingegen für den Meinungsaustausch, wenn sich die Beiträge aufeinander beziehen, so dass nicht nur agiert, sondern interagiert wird.

2)      Wissensbildung: Man kann Meinungsbildung in Gruppen als einen Lernprozess auffassen. Aus Sicht der Lernforschung ist es günstig, wenn in Diskussionsbeiträgen Ideen enthalten sind, die dann von anderen Gruppenmitgliedern aufgegriffen, weiterentwickelt und verfeinert werden. Diese Weiterentwicklung von Ideen wird als Wissensbildung (knowledge building) bezeichnet.

3)      Diskussionsverlauf: Beim Meinungsaustausch tendieren manche Gruppen dazu, urteilsgetrieben vorzugehen, das heißt, sie versuchen erst festzustellen, zu welcher Meinung die Gruppe tendiert, und anschließend suchen sie Belege, dieses Urteil zu begründen. Das führt dann oft zu so genannter Gruppenpolarisierung: nach der Diskussion ist die Durchschnittsmeinung der Gruppe extremer als vor der Diskussion (was manchmal erwünscht sein kann, oft aber nur durch verzerrte Diskussionen zustande gekommen ist). Viel besser hingegen wäre, erst einmal alle verfügbaren Belege zu erörtern, bevor dann die Gruppe versucht, ein Urteil zu fällen.

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