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Polit@ktiv macht Bürger­beteiligung. Online und vor Ort, von der Planung ganzer Prozesse bis zur Durch­führung. Darüber schreiben wir hier. Und wir fragen Experten zu über­geordneten Themen rund um Bürger­beteiligung, Parti­zi­pation und Demo­kratie.

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Einträge mit dem Schlagwort stadtderzukunft .

Ideen für die Bürgerbeteiligung 2030

Wir haben gefragt, was Sie sich für die Bürgerbeteiligung im Jahr 2030 wünschen - und Sie haben geantwortet.

Zusammengestellt von Sascha Blättermann

Jürgen Ertelt
Beteiligungsplattform jugend.beteiligen.jetzt

Vorweg: "Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen" (zitiert nach Karl Valentin)

  • Internet und digitale Medien werden selbstverständliche Basis von Open Government und Bürger*innenbeteiligung.
  • Offene Daten und deren verständliche Interpretationsvarianten werden selbstverständliche Informationsleistung der Verwaltungen.
  • Bürger*innenbeteiligung wird unabhängig vom Wahlalter zugänglich, Jugendbeteiligung immanenter Bestandteil der Demokratiestärkung.
  • Das Modell Liquid Democracy (flüssiger Wechsel von repräsentativen und direkten Formen der Demokratie) erfährt eine attraktive Renaissance und Akzeptanz.
  • Verbindliche Onlineabstimmungen werden sicher und damit ein Instrument direkter Entscheidungsfindung.
  • Räumliche Treffen bleiben uns erhalten. Anreise mit Flugtaxis oder alternativ als projiziertes Hologram.
  • Sensoren in Smart City -  Infrastrukturen liefern Informationen zu Aggregatzuständen von Verkehr und Umwelt, und bieten damit eine aktuelle Informationsbasis für valide Bürger*innenentscheidungen.
  • Künstliche Intelligenzen helfen bei der Folgenabschätzung von Maßnahmen, die zur Entscheidung anstehen.
  • Virtual Reality - Anwendungen ermöglichen für Bürger*innenbeteiligung ein Eintauchen in alternative Szenarios der Städteplanung.
  • Augmented Reality - Anwendungen erweitern die Informationsbasis für Bürger*innenbeteiligung.

 

Andreas Beck
Referent beim Landesjugendring Mecklenburg-Vorpommern

2030 ist Deutschland mehr Europa als heute hier wahrgenommen wird. Junge Menschen aus aller Welt lernen und studieren überall in Europa und so auch in Deutschland. Ihre gemeinsame Sprache ist Englisch, ihre gemeinsame Einstellung ist Internationalität in Verantwortung für den Planeten, Solidarität mit allen Menschen und im subsidiären Sinn auch Nationalität. Der Alltag und auch die lokalen Entscheidungen finden in der Landessprache Deutsch statt.

Immer dann, wenn wichtige politische Entscheidungen anstehen, entscheiden die Menschen, die dort leben und arbeiten, wo die Auswirkungen dieser zu entscheidenden Politik voraussichtlich am stärksten eintritt. Das können die Menschen von ganz jung bis ganz alt, weil sie es gelernt und geübt haben. Mitzubestimmen am eigenen Leben und den umgebenden Bedingungen daran gehört in der Familie, beim Spielen, Lernen und Studieren, beim Arbeiten, im Engagement und in der kommunalen Entscheidungsstruktur nach bestem Können selbstverständlich dazu.

Dem kann man sich auch von Fall zu Fall entziehen, aber das wollen nur wenige. Es ist einfach zu wichtig und macht zu viel Spaß, mitentscheidend an der Sache zu sein; das ist mit der früher üblichen Form der Delegierung aller Entscheidungen einer Wahlperiode auf wenige andere Personen nicht zu vergleichen.

Allerdings gehören auch Expertengremien auf dem Weg der Alternativenfindung dazu, aber auch nur dann, wenn die Entscheidung zur Vorbereitung zu ihnen überwiesen wird. Ansonsten ist #Bürgerbeteiligung2030.

 

Elisa Söll
Projekt PolitAktiv

Wir müssen uns klarmachen, dass wir der Zukunft nicht machtlos gegenüberstehen. Es geht vielmehr darum, sich an diese Entwicklungen anzupassen und sie als Chancen zu sehen. Und dass das kein aussichtsloses Unterfangen ist, zeigt ein Blick in Deutschlands Städte und Gemeinden.

Denn bereits heute gibt es in Deutschland Bürgermeister, die sich der Herausforderung des demographischen Wandels stellen. Beispielsweise, indem sie sich entsprechende Infrastruktur wie schnelles Internet und Handyempfang bemühen, um ihre Kommune so auch für junge Leute und Familien attraktiv zu halten. Manche Gemeinden bieten in leerstehenden Gebäuden attraktive Konditionen für Start-Ups, also junge Unternehmen, oder freischaffende Künstler an. Auch dem Klimawandel stehen Kommunen nicht machtlos gegenüber. Es haben sich beispielweise bereits Initiativen gegründet, die einheimische Bauern gegen mögliche Ernteausfälle finanziell absichern und so gleichzeitig regionale Landwirtschaft unterstützen – so werden lange und umweltschädliche Transportwege minimiert.

 

Michael Mörike
Integrata-Stiftung für humane Nutzung der Informationstechnologie

Innerhalb der nächsten zwei Jahre sollten wir:

  • Bürgerbeteiligung unterhalb der kommunalen Ebene als selbstverständlich ansehen, also auf Ebene von Anwohnern einer Straße oder einer öffentlichen Einrichtung. Digitale Nachbarschaftsnetze sind hier ein erster Schritt.
  • Bürgerbeteiligung auf höherer Ebene als selbstverständlich ansehen: Nicht nur auf kommunaler Ebene, sondern landes-, bundes- oder sogar europaweit. Anlässe hierfür könnten zum Beispiel die jeweiligen Gesetzgebungen sein.
  • Mit Hilfe von KI automatisch Kernaussagen aus den vielen Bürgerstimmen extrahieren: Dies verhindert einen Zusammenbruch der Beteiligung durch mögliche Unübersichtlichkeiten, wenn sehr viele Teilnehmer bei einer Bürgerbeteiligung mitmachen.
  • automatisch Argumente aus den sozialen Netzen übernehmen und auf Online-Plattformen wie Polit@ktiv darstellen, damit sie nicht verloren gehen.
  • Nachrichten und Unterlagen aus dem Netz automatisch überprüfen auf ihren Wahrheitsgehalt, durch Kombination von Big Data und KI.

Innerhalb der nächsten zehn Jahre sollten wir:

  • gezielte automatische Einladungen an Interessenten am jeweiligen Thema über die sozialen Netze, Social Bots oder per nutzerorientierter Werbung versenden.
  • gezielte Fragen an diesen Personenkreis stellen und nachverfolgen, ob diese beantwortet wurden.
  • einen automatisierten Dialog mit diesem Benutzerkreis führen.

Und über die nächsten zehn Jahre hinaus?

  • Soziale Simulationen werden üblich. Mit Hilfe von Big Data und der Spieltheorie werden Szenarien durchgespielt. Sie werden automatisch durchgerechnet und grafisch dargestellt.
  • Animierte, virtuelle 3D-Darstellung von Vorschlägen der Bürger in der Stadtplanung.

 

Henning Witzel
Wir Kommunalen

In einer repräsentativen Demokratie werden politische Sachentscheidungen im Regelfall nicht direkt, sondern durch gewählte Vertreter getroffen. Zur Durchsetzung von Bürgerinteressen sind die gewählten Vertreter in den Parlamenten, sowie die Kandidatinnen und Kandidaten daher auch die ersten Ansprechpartner. Umgekehrt ist es auch für die Gewählten wichtig, die Interessen der Bürger entsprechend in Ihre Arbeit einzubringen. Dazu bedarf es eines kontinuierlichen Austausches zwischen Wählern und Gewählten.

Mehr direkte Beteiligung der Bürger an der Demokratie über Volksbegehren und Bürgerentscheide können helfen, entstandenes Misstrauen in die Politik zu überwinden und auch Vertrauen in die Demokratie wiederherzustellen und so die Legitimation demokratischer Entscheidungen zu stärken. Neue Formen der Partizipation sind daher notwendig, um dem Anspruch einer zeitgemäßen Demokratie entsprechen zu können.

Der klassische Volksentscheid hat jedoch mindestens ähnliche Legitimationsprobleme wie Entscheidungen von Politik und Parteien. Die überwiegende Zahl der Volksentscheide hatte  bisher eine Wahlbeteiligung deutlich unter 50%. Auch erschweren Abstimmungen über „Dafür“ oder „Dagegen“ mögliche Kompromisse und führen eher zu einer Verhärtung der Fronten, auch nach der Abstimmung. Sachfrage können massiv von sachfremden Themen überlagert werden (Denkzettel), oder, was ist wenn sich finanzstarke Interessenvertreter massiv in Abstimmungen einmischen? Auch Fragen zum Thema Minderheitenschutz, oder wer vertritt die, die sich nicht selbst vertreten sind bisher nur unzureichend beantwortet.

Erfolgversprechender erscheint mir die stärkere Einbeziehung der Bürgerinteressen durch weichere Formen der Partizipation, wie Befragungen, Bürgerversammlungen etc die die Entscheidungen der gewählten Vertreter besser vorbereiten. Auch neue technische Möglichkeiten der ePartizipation können hier wertvolle Hilfe sein, so lange sie seitens der Mandatsträger ernst genommen werden.

 

Ute Kinn
Büro Grips

Seit dem 1. Dezember 2015 sind in Baden-Württemberg die Hürden für ein Bürgerbegehren gesenkt. Der Gemeinderat kann auch selbst einen Bürgerentscheid beschließen und so die Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger Entscheidungen proaktiv nutzen.

Oft ist gerade die Ausweisung neuer Wohnbauflächen oder Gewerbeflächen für die Bürgerinnen und Bürger mit großen Bedenken verbunden, z.B. hinsichtlich des zusätzlichen Verkehrsaufkommens, der ökologischen Auswirkungen, der neu entstehenden Nachbarschaften und je größer die unmittelbare Betroffenheit ist, auch hinsichtlich eines möglichen Wertverlustes des eigenen Hauses oder der Einbußen an bislang erlebter Wohnqualität. Dementgegen steht der Druck auf den Wohnungsmarkt und die Ansprüche z.B. an bezahlbarem Wohnraum, an Wohnraum für Familien oder im Zuge des demografischen Wandels an altersgerechtes Wohnen. Häufig ist das Einfordern an Mitentscheidung über ein Bürgerbegehren mit einem tiefen Riss in der Kommune verbunden.

Die Empfehlung kann nur lauten, frühzeitig die Bürgerinnen und Bürger zu informieren und in die Entscheidungsfindung einzubinden. Zunehmend spielt dabei die Online-Beteiligung eine wichtige Rolle, um möglichst viele Bürgerinnen und Bürger zu erreichen und eine breite Grundlage für einen anschließenden Bürgerdialog schaffen. Die Verzahnung mit einem anschließenden Beteiligungsformat, wie z.B. Zukunftswerkstätten, Runde Tische, Planungszellen, Bürgerhaushalte, Stadteilkonferenzen, Konsensus-Konferenz, Informations- und Dialogveranstaltungen u.a.m. muss dem jeweiligen Erfordernis angepasst werden. In der weiteren Entscheidungsfindung kann dann bei Bedarf mit dem Instrument der direkten Demokratie, einem Bürgerentscheid, das Votum von frühzeitig und gut informierten und beteiligten Bürgerinnen und Bürgern eingeholt werden.

 

Stimmensammlung auf dem Netzwerktreffen der Allianz für Beteiligung

  • Bürgerbeteiligung 2030: Gibt es Bürgerbeteiligung dann überhaupt noch?
  • Folgende Fragen müssen intensiver geklärt werden: Wer beteiligt wen? Wer wird von wem erreicht - und wer nicht? Warum nicht?
  • Stärkere Bürgerbeteiligungsstrukturen müssen geschaffen werden durch praktizierte Bürgerbeteiligung
  • Beteiligung und Bürgerentscheide müssen stärker zusammen gedacht und verbunden werden

Zum demographischen Wandel

  • Nutzung des Potentials von Rentnern: Haben Zeit-, Lebens- und Berufserfahrung, durch gezieltes Ansprechen von geeigneten Personen
  • bei Quartiersplanung sollten alterssensible Themen integriert werden (altersgerechte Wohnformen / Versorgungsstruktur der Menschen)
  • an die gezielte Teilhabe und Teilnahme von Menschen mit Demenz und deren Angehörige denken
  • Primärversorgung der Bevölkerung sicherstellen (Stichwort: Hausärztemangel), Handlungsoptionen suchen und bereits vorhandene wissenschaftliche Erkenntnisse umsetzen
  • Ältere sind bereits jetzt überall präsent: Wir gestalten die Zukunft für die Jugend

 

Serie #StadtderZukunft

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Meine Vision für die Kommune 2030

Wie sieht die Stadt der Zukunft aus? Wir haben unsere jüngste Mitarbeiterin um ihre ganz persönliche Vision gebeten. Teil 3 der Serie #StadtderZukunft.

von Elisa Söll

Ausgestorbene Spielplätze, leere Kindergärten und einsame Senioren in verfallenen Fachwerkhäusern. Werden unsere Dörfer und Städte in Zukunft wirklich so aussehen? Dieses düstere Bild zeichnete zumindest meine Phantasie, als ich neulich über die Zukunftsprognosen der Bertelsmann-Stiftung für Deutschlands Kommunen stolperte: Die Wissenschaftler nehmen an, dass die Anzahl der über 80-Jährigen in den nächsten 15 Jahren um 47,2 % steigen werde. Außerdem werden in Deutschland bis dahin, Schätzungen zufolge, mehr als eine halbe Million Einwohner weniger leben als heute, trotz massiver Einwanderung. Was bedeutet das konkret für uns alle?

Ein paar Beispiele: Der Bevölkerungsrückgang wird, so die Studie, vor allem Gemeinden auf dem Land betreffen. Die Alteingesessenen bleiben auf dem Dorf, die Jungen zieht es vermehrt in die Städte. Pflegekräfte sind schon jetzt knapp, dieser Engpass wird sich in Zukunft weiter verschärfen (siehe auch das Interview mit Pflegeexpertin Susanne Schwarz). Diesen Problemen wird sich wohl so gut wie jede ländliche Kommune in Zukunft stellen müssen.

Globale Einflüsse auf die Kommune vor Ort

Doch das allein ist nicht alles: Mit abnehmender Bevölkerungsdichte wird es für Gemeinden nämlich auch zunehmend schwieriger eine zufriedenstellende Infrastruktur zur Verfügung zu stellen: Schulen, Krankenhäusern, Schwimmbädern und Bäckereien droht die Schließung. Der Weg zum nächsten Kreissaal droht für schwangere Frauen zur Tortur zu werden. Gleichzeitig herrscht in vielen Städten bereits jetzt große Wohnungsnot. Zuzug vom Lande wird daher eher mit einem sorgenvollen Stirnrunzeln zu Kenntnis genommen. Wie der Bedarf an zusätzlichen Wohnungen gedeckt werden soll, weiß noch keiner so recht.

Aber auch globale Entwicklungen haben einen Einfluss auf die eigene Kommune: Zum Beispiel wird sich auch hier, in unseren Städten und Dörfern, der nachlässige Umgang mit der Umwelt in Zukunft rächen. Das Klima wird wärmer, das Wetter extremer. Die Folgen sind bereits hier und heute zu spüren: In Süddeutschland breiten sich bereits heute tropische Mückenarten aus, die Krankheiten wie Dengue oder Malaria übertragen können. Ältere Menschen kämpfen zunehmend mit gesundheitliche Belastungen, bedingt durch immer heißere Sommer.

Entwicklungen, die sich nicht mehr umkehren lassen. Und Entwicklungen, die erahnen lassen, was auf uns zukommen wird, wenn wir als Kommunen diese Probleme nicht jetzt und gemeinsam anpacken. Keinem von uns wird es möglich sein, den demographischen Wandel zu stoppen, geschweige denn die globale Erwärmung.

Entwicklungen als Chance sehen

Aber wir müssen uns klarmachen, dass wir der Zukunft nicht machtlos gegenüberstehen. Es geht vielmehr darum, sich an diese Entwicklungen anzu-passen und sie als Chancen zu sehen. Und dass das kein aussichtsloses Unterfangen ist, zeigt ein Blick in Deutschlands Städte und Gemeinden: Denn bereits heute gibt es in Deutschland Bürgermeister, die sich der Herausforderung des demographischen Wandelns stellen: Beispielsweise, indem sie sich entsprechende Infrastruktur wie schnelles Internet und Handyempfang bemühen, um ihre Kommune so auch für junge Leute und Familien attraktiv zu halten. Manche Gemeinden bieten in leerstehenden Gebäuden attraktive Konditionen für Start-Ups, also junge Unternehmen, oder freischaffende Künstler an. Auch dem Klimawandel stehen Kommunen nicht machtlos gegenüber. Es haben sich beispielweise bereits Initiativen gegründet, die einheimische Bauern gegen mögliche Ernteausfälle finanziell absichern und so gleichzeitig regionale Landwirtschaft unterstützen – so werden lange und umweltschädliche Transportwege minimiert (siehe auch das Interview mit Jan Lutz)
    
Das sind nur kleine Beispiele, aber sie zeigen: Mit viel Kreativität lassen sich Lösungen für die Folgen dieser scheinbar übermächtigen Probleme finden und die sind bitter nötig, denn wir und unsere Kinder werden in einer Zukunft mit all diesen Herausforderungen leben müssen.

Serie #StadtderZukunft

Diskutieren Sie mit uns über die Stadt der Zukunft: Auf dem Expertenforum Bürgerbeteiligung:

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Udo Wenzl: Meine Beteiligungswünsche für die nächsten Jahre

Kommunalberater Udo Wenzl formuliert seine Wünsche für die kommenden Jahre - und erzählt von seiner Vision: Kinder- und Jugendbeteiligung ist in Baden-Württemberg flächendeckend angekommen. Teil 7 und Schluss unserer Serie über Jugendbeteiligung.

von Udo Wenzl

Stellt Euch vor, es ist 2030. In allen Regionen von Baden-Württemberg, in allen Gemeinden und Städten findet eine aktive Beteiligung von Kinder- und Jugendlichen statt. Nicht nur die Gemeinden haben den Mehrwert einer lebendigen Kinder- und Jugendbeteiligung erkannt, die Landkreise sind auch aktiv mit dabei. Die Grundschulen und alle weiterführenden Schulen haben bezogen auf die Kinder- und Jugendbeteiligung ihr Bildungskonzept weiterentwickelt. Wäre das schön? Ist das möglich?

Startpunkt für diesen Traum waren bereits die Jahre 2015 und 2016: Die Gemeindeordnung Baden-Württemberg wurde mit Blick auf die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen verändert: „Die Gemeinde soll Kinder und muss Jugendliche bei Planungen und Vorhaben, die ihre Interessen berühren, in angemessener Art und Weise beteiligen“ (§ 41a Gemeindeordnung Baden-Württemberg). Auch die schulischen Bildungspläne wurden 2016 weiterentwickelt und bis 2030 erfolgreich umgesetzt.

 

Der fünfte Tag in der Schule wird zum Beteiligungstag

 

Es gibt jetzt in der Schule eine „4-Tage-Woche“ mit Lehrer*innen. Der fünfte Tag ist zu einem selbstorganisierten Bildungs- und Beteiligungstag geworden. Dort finden Schulversammlungen, Beteiligungsverfahren und Projekttage im Bereich gesellschaftlichen Engagements regelmäßig statt. Eine engere Vernetzung zur außerschulischen Jugendbildung hat sich ebenso entwickelt wie eine vertiefte Zusammenarbeit mit den Kommunen. Zum Schuljahresbeginn findet in allen baden-württembergischen Schulen mit allen Schüler*innen eine Schulversammlung statt, bei der alle relevanten Themen für die Schule und die Kommune formuliert und diskutiert werden. Die Schüler*innen sind es gewöhnt, Projekte zu planen, zu organisieren und umzusetzen. Sie entwickeln Verfahren und bestimmen Schwerpunkte zur Umsetzung ihrer Anliegen und Themen.

Sogenannte 8er-Räte sind in allen weiterführen Schulen etabliert. Im 8er-Rat setzen sich die Jugendlichen für ein Jahr selbst ihre Agenda, werden in einem strukturierten Verfahren unterstützt und beraten die politisch Verantwortlichen einer Gemeinde. Das Bildungs- und Beteiligungskonzept knüpft eng an den Bildungsplan für Gemeinschaftskunde und Politik an. Damit trägt das Modell zu einer eher projektbezogenen Beteiligungsform bei und ermöglicht die intensive Einarbeitung in einen konkreten Beteiligungsgegenstand. Der 8er-Rat hat einen klaren Rhythmus und eine verlässliche politische Verankerung im Gemeinwesen.

Neben den 8er-Räten hat sich im schulischen Kontext eine nachhaltige Verzahnung zwischen dem Gemeinschaftskundeunterricht, der SMV-Arbeit (SMV bedeutet Schülermitverantwortung), der kommunalen Jugendbeteiligung und der Kommunalpolitik entwickelt. Jährlich sich wiederholende kommunalpolitische Aktionstage und Workshops an Schulen und im Rahmen des regulären Gemeinschaftskundeunterrichts umsetzbare Module bieten dafür die Grundlage. Arbeitsgruppen Kommunalpolitik, die in enger Verbindung zur SMV stehen, sind eingerichtet und sind das alters- und klassenübergreifende Format der Jugendbeteiligung. Diese vielfältigen Beteiligungsformate haben zu einer lebendigen Öffnung und Handlungsorientierung des Unterrichts und zu einer nachhaltigen Zusammenarbeit der Partner vor Ort geführt: Lehrende, Schüler*innen, Schulleitungen und Schulsozialarbeiter*innen, aber auch Gemeinderät*innen, Bürgermeister*innen, kommunale Bildungsträger und Jugendorganisationen.

 

Schulen sind bereits heute in der Lebenswelt angekommen

 

Die Schulen sind als Bildungs- und Beteiligungsort im Gemeinwesen angekommen. Der Gemeinschaftskundeunterricht hat sich zum lebendigen Ort des politischen Handelns entwickelt. So werden heute die Leitgedanken des Bildungsplans und die Handlungskompetenzen als grundlegendes Ziel des Gemeinschaftskundeunterrichts lebensweltorientiert umgesetzt. Ist das tatsächlich nur ein Traum?

Mit dem 2016 neu formulierten Bildungsplan Gemeinschaftskunde wurde der Kommunalpolitik in den achten Klassen ein großen Stellenwert eingeräumt. Dort heißt es: Die Schülerinnen und Schüler können Antworten auf die Fragen finden, welche Möglichkeiten Bürger*innen und Jugendliche haben, ihre Interessen in den Entscheidungsprozess in der Gemeinde einzubringen und wissen, wie die Macht in der Gemeinde verteilt ist (Macht und Entscheidung), wie die einzelnen Organe innerhalb der Gemeinde zusammenwirken (Ordnung und Struktur), welchen Beitrag Verfahren und Institutionen zur Regelung und zum Schutz des friedlichen Zusammenlebens in der Gemeinde leisten (Interessen und Gemeinwohl) und wie die Gemeinde mit ihren begrenzten finanziellen Mitteln umgeht (Knappheit und Verteilung).“

Die weiterführenden Schulen können bereits auf die Vorarbeit der Grundschulen aufbauen. Denn heute findet in den Grundschulen eine verlässliche Kinderbeteiligung unter anderem im Rahmen des Schulfachs ‚Sachkunde‘ statt. Das Konzept der Gemeinde- bzw. Stadtteildetektive wird alle zwei Jahre praktiziert und die Ergebnisse im Gemeinderat bzw. in Ausschüssen vorgestellt. Die Kinder erkunden ihre Gemeinde, ihren Stadtteil und stellen den Kommunalpolitiker*innen die Erkenntnisse und Ergebnisse vor.

 

Begegnungen von Kindern und der Politik in der Realwelt

 

Somit findet bereits heute ein lebensweltbezogener Sachkundeunterricht statt, der die 2016 formulierten Zielsetzungen des Bildungsplans Grundschule kindgerecht und auf das Gemeinwesen bezogen, aufgreift. Die Kinder lernen, aber nicht nur in der Theorie, „ausgewählte politische Strukturen, staatliche Aufgaben und Ämter aus ihrer Lebensumwelt anhand geeigneter Beispiele kennen (zum Beispiel Stadt- und Gemeinderatswahl, Bürgermeister/-in, Gemeinde- oder Stadtrat).“ Und: Sie lernen diese nicht nur kennen, sondern es findet eine konkrete realweltliche Begegnung zwischen Kindern und der Politik statt.

Gerald Hüter entwickelte 2013 in seinem Buch „Kommunale Intelligenz“ ein sehr konkretes Bild, wie eine Potenzialentfaltung in Städten und Gemeinden aussehen kann bzw. aussehen sollte. Dabei hatte er insbesondere auch an die Kinder und Jugendliche gedacht: „Wenn Kinder und Jugendliche wieder erleben können, dass sie (…) in ihrer Kommune von anderen Mitgliedern beachtet und wertgeschätzt werden, wenn ihnen zugetraut würde, Aufgaben zu übernehmen, die für die Kommune und das kommunale Leben wichtig sind, dann könnte sich jedes Kind und jeder Jugendliche als jemand erfahren, der mit seinen besonderen Talenten, mit seinen erworbenen Fähigkeiten und seinem bisher angeeigneten Wissen in dieser besonderen Weise zum Gelingen von etwas beitragen, was nur in einer gemeinsamen Anstrengung gelingen kann.“ In Baden-Württemberg wurde dies umgesetzt, denn die Kinder und Jugendliche fühlen sich ernst genommen, sind akzeptiert und tragen zur gemeinsamen Gegenwarts- und Zukunftsentwicklung mit bei.
 

Über Udo Wenzl

Udo Wenzl, Jahrgang 1963, ist freiberuflicher Kommunalberater für Kinder-, Jugend- und Bürgerbeteiligung .Von 2000 bis 2014 war er Bildungsreferent und Referent für Jugendbeteiligung beim Landesjugendring Baden-Württemberg. Seit 2017 ist er freier Mitarbeiter und Projektleiter eines Vernetzungsprojekts von Schule und kommunaler Jugendbeteiligung bei der Landeszentrale für politische Bildung (LpB). Er wohnt in Waldkirch bei Freiburg im Breisgau.

 

Bisher erschienen

Bildnachweis: Stefanie Sigmund, Doris Frey
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„Stuttgart in 20 Jahren? Ein Silicon Valley in grün!“

Jan Lutz vom Reallabor für nachhaltige Mobilitätskultur über seine Vision vom autofreien Stuttgart, das Fahrrad als Mobilitätsform und warum vielleicht bald Kühe im Parkhaus stehen. Auftakt der Debattenserie #StadtderZukunft.

Herr Lutz, wie bezeichne ich Sie am Besten?
Ich finde, dass der Begriff Change Agent das, was ich mache, am Besten umschreibt: ein 007 für den Wandel.

Sie sind zum Beispiel Teil des Reallabors für nachhaltige Mobilitätskultur in Stuttgart - ein Verbund vielfältigster Projekte in und aus Stuttgart. Was verstehen Sie unter nachhaltiger Mobilitätskultur?
Seit 2009 suche ich nach Ideen, die Stadt besser zu machen. Das Institut für Landschaftsplanung und Ökologie der Universität Stuttgart kam vor drei Jahren auf mich zu, als es selbst nach Projekten suchte, welche die Stadt verbessern können. Heute ist mir beim Wort Mobilitätskultur der Zusatz Kultur sehr wichtig: Ich spreche zum Beispiel in meinen Projekten hauptsächlich über den Radverkehr in der Stadt und da haben wir vor allem ein Mentalitätsproblem. Wir brauchen eine Kultur, die über nachhaltige Mobilität nachdenkt und auch die Bereitschaft, das eigene Nutzerverhalten entsprechend anzupassen. Da werden wir in den nächsten Jahren noch gewaltige Schritte gehen müssen. Ich weine jeden Tag, wenn ich mit dem Fahrrad durch die Stadt fahre.

Wie beschreiben Sie die Kultur der Mobilität heute?
Ein wichtiger Baustein für die Mobilitätswende ist und bleibt das Fahrrad. Mit dem Fahrrad wird vor allem die Nahmobilität bewältigt, also Wege, die sich in einem Radius von ca. 5km befinden. Die Nahmobilität macht die Hälfte unseres Verkehrsaufkommens aus. Viele Strecken davon kann man sogar auch zu Fuß gehen. Im Jahr 2010 haben wir begonnen die Critical Mass aufzubauen, eine monatliche Radausfahrt, die nicht mit dem Schild auf der Straße protestieren wollte, sondern das Radfahren vorleben und feiern sollte. Seitdem hat sich da einiges getan: Wir haben heute zum Beispiel Radrennen und wir haben gut aussehende Menschen, die einen gewissen Lifestyle ausstrahlen und inzwischen ist ein Forum entstanden, in dem sich Radfahrer wohlfühlen, sich engagieren, einen Fahrradclub gründen, ein Lastenrad anschaffen oder sich für die Sicherheit beim Radfahren einsetzen.

 

„Wir brauchen eine Kultur, die über nachhaltige Mobilität nachdenkt
und Bereitschaft, das eigene Nutzerverhalten anzupassen.“

 

Als Autofahrer bemerke ich die Critical Mass allerdings meistens dann, wenn die Radfahrer im Verband den Autoverkehr aufhalten.
Nochmal: Das Fahrrad ist Teil des Verkehrs. Die Frage ist, wer im Verkehr tatsächlich bestimmt und über andere Gruppen entscheidet. Würden dann nicht auch Busse, Blinde oder ein Hagelschauer den Verkehr behindern? Das Argument greift einfach zu kurz.

Laut der Straßenverkehrsordnung gibt es ganz klare Regeln.
Sicher gibt es Gesetze, aber es gibt eben auch Menschen, die sich für eine Verbesserung des Bestehenden einsetzen. Nichts ist in Stein gemeißelt und Veränderung ist wichtig für eine lebendige Demokratie.

Welche Kultur wünschen Sie sich in Bezug auf das Fahrrad?
Das Thema Automobilität ist nicht nur vom Auto an sich her dreckig, sondern auch soziologisch. Hermann Knoflacher spricht vom Virus Auto: Autofahrer seien Junkies, die sich ohne Anstrengung fortbewegen und wie bei Drogen auch im selben Hirnbereich angetriggert werden. Ich glaube, das Produkt Auto ist nicht neutral: Denken Sie an Ölkriege, Ressourcenkriege oder auch Feinstaub. Das Auto verändert den Menschen und das ist das Potential, an dem wir noch etwas erreichen können. Sehen Sie: Wir sind hochmobil und das sollten wir auch bleiben, aber wir müssen ressourceneffizienter werden.

Wie kann eine Kommune denn sicherstellen, dass Mobilität in der Stadt zukunftsfähig bleibt?
Da gibt es verschiedene Spieler. Die Politik ist nur einer davon und sie ist leider viel zu ängstlich. Die Verhältnismäßigkeit stimmt nicht mehr. Es fehlen einfach bestimmte gesunde Rahmenbedingungen. Ich sehe das Thema Mobilität vor allem im Bereich des Wohnens. Wohnraum wird immer knapper und immer teurer - das Stichwort heißt Gentrifizierung - und zusätzlich verknappen Parkplätze den teuren Stadtraum, den das Wohnen eigentlich braucht. Stattdessen leisten wir uns hunderttausende Pendler jeden Tag. Der Pendler ist einer der kleinen Stellschrauben, die nachhaltiger werden muss.

 

„Vor fünf Jahren war die Frage noch verrückt,
ob es die Automobilindustrie in naher Zukunft noch geben wird - heute darf man sie stellen.“

 

Wie würden Sie die Mobilitätskultur in Stuttgart beschreiben?
In Stuttgart hat sich in den letzten Jahren einiges getan, aber durch die Haltung als konservativer Automobilstandort sind wir europäisch gesehen auf keinem grünen Zweig. Vor fünf Jahren war die Frage noch verrückt, ob es die Automobilindustrie in naher Zukunft noch geben wird - heute darf man sie stellen.

Was fehlt Ihnen konkret in Stuttgart?
Mir fehlt eine Strategie seitens der Stadt und der Wille beispielsweise beim Radverkehr etwas zu verändern. Das fängt an bei der Frage, wie ich es schaffe, die Bevölkerung mitzunehmen. Meine Idee wäre es, den Stadtraum wieder zur Verfügung zu stellen. Herr Zetsche könnte zum Beispiel die autofreie Stadt Stuttgart ausrufen und dadurch den Raum bekommen, autonomes Fahren zu testen oder andere Mobilitätsformen auszuprobieren. Wir müssen wieder spielen und kreativ werden. Und nochmal: Die Hälfte unseres Verkehrsaufkommens besteht aus Strecken, die unter 5km lang sind. Dafür braucht man das Auto nicht.

Aber allein schon Teile Stuttgarts autofrei zu gestalten, würde praktisch nicht funktionieren.
Durch den privaten PKW-Verkehr ist der Raum wie durch eine klebrige Masse zugekleistert und der Anblick von Blechlawinen Alltag. Unsere Wahrnehmung kann den Ist-Zustand gar nicht verändern. Ich glaube stattdessen, dass genau die Räume da wären und es auch ein Teil des Prozesses ist, entsprechende Mobilitätsformen zu finden, wie der Pendler ohne seinen PKW in die Stadt kommt.

 

„Herr Zetsche könnte die autofreie Stadt Stuttgart ausrufen
und dadurch Raum bekommen, autonomes Fahren zu testen.“

 

Nun werden wir Stuttgart nicht morgen autofrei bekommen. Was müssen wir denn jetzt tun, um zum Beispiel die Feinstaubwerte zu senken?
Naja, es geht ja nicht nur um das Auto, sondern auch um das Konsumverhalten. Schauen Sie sich die Containerschiffe an, die mit Schweröl angetrieben auf den Meeren herumschippern und Sinnbild dafür sind, dass wir bei all unserem Konsum die Dosis ganz vergessen haben. Es ist ja kein Problem, das Auto mal zu nutzen, sondern, es immer zu nutzen. Mobilität, Wohnen, Konsum – alles muss hinterfragt werden, denn die Dosis macht das Gift.

Die hohe Feinstaubbelastung begründet sich aber auch an heizenden Kaminen und nicht nur Pendlern, die in die Stadt fahren.
Was die Pendler angeht: Vielleicht sind Elektromotoren ein erster Schritt oder auch die Möglichkeit, Autos mit Autogas auszustatten. Für den Diesel gibt es den Twintech-Katalysator. Aber all diese Brückentechnologien nehmen wir nicht in Angriff, weil wir im Denken in den Siebziger Jahren hängengeblieben sind. Das liegt auch an der Stadtplanung: Eine Stadt, die autogerecht plant, bekommt eben auch autogerechte Bürger. Andere Städte wie Kopenhagen haben zum Beispiel angefangen jährlich Parkplätze abzuschaffen. Das würde die Sache in Stuttgart umso besser machen, weil das Raum für Innovation bringt und nicht zuletzt haben wir in Stuttgart die ganze Zulieferindustrie mit ihrem Hightech ja da. Und wie gesagt: Wohnen ist ein wichtiger Schlüssel für die Ökologie von Mobilität. Ölbeheizte Einfamilienhäuser mit Satteldach gepaart mit Zersiedelung werden da sicher nicht die Lösung sein.

Am Ende brauchen die Geschäfte in der Königsstraße dennoch ihre Ware.
Heute kannibalisiert der Onlinehandel den Einzelhandel. Vielleicht brauchen wir ja keinen Einzelhandel mehr, weil wir irgendwann alles online kaufen? Und Onlinehandel kann sogar ökologisch und nachhaltig sein. Sicher kann ich manche Dinge nur schlecht online kaufen, aber möglicherweise gibt es ja ein paar Straßen weiter eine Manufaktur, die genau das produziert, was ich suche. Das stärkt dann wiederum den lokal gewachsenen Einzelhandel. Wettbewerb und Nachfrage gab es immer, da müssen wir uns von Schwarz-Weiß-Denken verabschieden.

 

„Vielleicht brauchen wir in der Stadt keinen Einzelhandel mehr,
weil wir irgendwann alles online kaufen?“

 

Ist es nicht zu einfach, immer nur auf Stuttgart zu zeigen?
Es ist vor allem eine große Chance. Weil wir die Räume nicht haben, weil wir im Kessel liegen, weil wir durch die Topographie nie Fahrradstadt werden können, haben wir noch viel mehr als andere Städte die Notwendigkeit, entsprechende Prozesse voranzutreiben. Wir müssen eine Strategie entwickeln und da dann natürlich auch die Frage stellen, wer wann und mit welchem Verkehrsmittel fahren soll - oder auch nicht. Aber das ist nicht nur Aufgabe der Stadt, sondern auch der Autoindustrie und der Zivilgesellschaft.

Wer soll denn diesen Dialog anleiten?
Ich glaube, dass da alle Seiten gleichberechtigt gefragt sind. Ich bin zum Beispiel ein großer Fan von Liquid Democracy. Da haben Sie permanent eine Stimme, aber wollen halt nur zu bestimmten Themen abstimmen, bei denen Sie Interesse und Wissen haben und ich wiederum kann Menschen auswählen, weil ich weiß, wer Experte für welches Thema in meinem Umfeld ist. Die Automobilindustrie hat jetzt die größte Motivation, Prozesse für eine nachhaltige Mobilitätskultur anzuführen, auch weil sie Vertrauen zurückgewinnen muss.

Wie realistisch ist die autofreie Stadt am Ende?
Ich glaube, dass die autofreie Stadt auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Ganz im Gegenteil wird der Prozess sicher neue Ideen aufbringen zum Beispiel beim ÖPNV. In Stuttgart muss dort dringend nachgebessert werden. Die momentane Infrastruktur schafft gerade einmal einen Zuwachs von zehn Prozent bei den Fahrgästen. Durch die vielen Baustellen hat das Bahnhofsprojekt in Stuttgart dieses Defizit ans Licht gebracht und die Stadt dadurch leider noch weiter in die Vergangenheit zurückgeworfen.

 

„In Stuttgart fehlt ein klares Bekenntnis der Stadt für grüne Lösungen.“

 

Wo stehen wir in Stuttgart denn in zwanzig Jahren?
Ich würde mir ein Silicon Valley in Grün wünschen, ein Ort, an dem wir grüne Lösungen für die Welt erforschen und exportieren. Als ich damals anfing, mich mit diesen Fragen zu beschäftigen, habe ich gesehen, dass es einen echten Bedarf gibt für solche Lösungen. Aber uns fehlt da noch die entsprechende Start-Up-Kultur und die Denkweise, die es in anderen Metropolen schon gibt.

Heute gibt es in Stuttgart viele Initiativen, die genau nach diesen Lösungen suchen.
Das stimmt. Ich habe auch einige Projekte in diesem Bereich voran gebracht. Sie werden in Stuttgart nur kaum angenommen, obwohl der Markt da ist und das Bedürfnis auch. Es fehlt die institutionelle Hilfe. Da geht es nicht nur um finanzielle Fragen, sondern auch um ein klares Bekenntnis der Stadt. Ich sehe das zum Beispiel an meinem Citizen-Science-Projekt luftdaten.info: Ein Selbstbausatz, um die Feinstaubbelastung zu messen. Dieses Projekt eskaliert gerade weltweit, aber in Stuttgart wird es ignoriert.

Kann man das Stuttgart der Zukunft heute schon sehen?
Das ist eine gute Frage. Ich sehe gerade die Diskussion um die Nutzung der Parkhäuser und kenne die Ebene 0, auf der in Stuttgart Landwirtschaft betrieben wird, weil es auf dem Parkhausdach Urban Gardening Flächen gibt. Vielleicht stehen bald Kühe im Parkhaus, weil die Flächen umgenutzt werden. Ideen wie Urban Gardening oder Vertical Farming sind auch nicht neu, man muss sie nur anwenden. Wo man das Stuttgart der Zukunft sicher nicht sehen kann, zeigt der Bahnhof, weil Tunnelröhren als hoch unflexible Infrastruktur sich nicht für die Herausforderungen der Zukunft anpassen lassen.

Herr Lutz, vielen Dank für das Gespräch.

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Weiterführende Links:

Das Gespräch führte Redakteur Sascha Blättermann.

Bildnachweis:Privat
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Demographischer Wandel: „Viele Kommunen machen sich echte Gedanken!“

Susanne Schwarz von der Sozialstation Esslingen über den demographischen Wandel in der Pflege, wie Kommunen sich vorbereiten und warum Senioren das Netz entdecken sollten. Teil 2 der Serie #StadtderZukunft

Frau Schwarz, was bedeutet demographischer Wandel für Sie ganz konkret in Ihrem Arbeitsalltag bei der Sozialstation Esslingen?
Grundsätzlich: Es gibt immer mehr ältere Leute, auch wenn das natürlich erst einmal nicht bedeutet, dass alle älteren Menschen auch hilfebedürftig sind. Dennoch nimmt gerade die Zahl der hochaltrigen Menschen zu und da haben wir den größten Bedarf an Hilfsleistungen. Wir merken aber auch eine Veränderung in den familiären Strukturen: Es gibt weniger Angehörige, die sich kümmern oder kümmern können. Das kann daran liegen, dass sie weit weg wohnen, aber manchmal sind auch dreißig Kilometer schon zu weit, um mal kurz zu helfen. Oft sind die Angehörigen auch berufstätig und haben Kinder, die schulpflichtig sind. Auch wenn wir als Sozialstation Esslingen e.V. vergleichsweise gut da stehen, gibt es insgesamt einen konkreten Fachkräftemangel. Die Anfragen von Kunden nehmen zu. Übrigens braucht nicht nur der ambulante Bereich Fachkräfte, sondern auch Krankenhäuser und Pflegeheime.

Wann fängt Altsein eigentlich für Sie an?
Das ist eine ganz schwierige Frage und ich kann sie so einfach gar nicht beantworten. Sie könnten jetzt das gesetzliche Renteneintrittsalter als Schwelle nehmen, aber es gibt Menschen, die müssen oder wollen vorher in den Ruhestand geben und andere, die können oder müssen noch weiter arbeiten. Also eignet sich das Renteneintrittsalter nicht wirklich. Wir erleben im Alltag Leute, die bereits in jungen Jahren pflegebedürftig werden, und es gibt Menschen, die sind im höheren kalendarischen Alter noch fit, manche davon wollen sich dennoch ein bisschen unterstützen lassen. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, da Menschen als alt zu bezeichnen. Im Prinzip spielt das kalendarische Alter wahrscheinlich keine so große Rolle, sondern eher der Gesundheitszustand: Kann ich meinen Alltag noch selbständig meistern, wie weit bin ich noch beweglich, wie komme ich durch den Tag? Habe ich Schmerzen, habe ich gesundheitliche Einschränkungen und wie viel Energie verspüre ich?

Welche Bedürfnisse haben ältere Menschen, wenn sie zu Ihnen kommen?
Zu uns kommen meist Menschen mit konkreten Bedürfnissen: Manche möchten, dass wir ihnen einmal in der Woche die Wohnung putzen, andere brauchen mehr hauswirtschaftliche Versorgung, weil sie die gesamte Arbeit im eigenen Haushalt nicht mehr schaffen oder sie möchten Unterstützung bei der Körperpflege. Wir beraten Menschen, helfen ihnen natürlich bei der Körperpflege, übernehmen die vom Arzt verordnete Behandlungspflege, leisten umfassend hauswirtschaftliche Hilfe, wir bringen ihnen Essen auf Rädern, vermitteln einen Hausnotruf und bieten kostenlos eine Gruppe für pflegende Angehörige an. Manchmal kommen Menschen aber auch, weil sie Redebedarf haben, sich informieren und vorsorgen wollen oder wissen möchten, wie die Pflegeversicherung funktioniert.

Der demographische Wandel ist für Sie also ein echter Geldsegen.
Wir sind ein eingetragener Verein und dürfen keine Gewinne machen. Der Anteil derjenigen, die Hilfe brauchen, wächst, aber der Markt an Fachkräften ist leer. Die Preise, die wir verlangen, sind zum großen Teil vorgegeben, so dass ich nicht von Geldsegen reden kann. Ein Geldsegen sind vielleicht die sogenannten „Best agers“ und kaufkräftigen Senioren, die Ihr Geld aber hauptsächlich für Reisen, Kultur, Wellness und andere Annehmlichkeiten ausgeben.

 

„Die Anteil derjenigen, die Hilfe brauchen, wächst.
Aber der demographische Wandel ist für uns kein Geldsegen.“

 

Was sagen Sie den Menschen, die zu Ihnen kommen?
Ich versuche herauszufinden, wo Menschen Bedürfnisse haben, wo sie Unterstützung brauchen und was sie noch gut können. Es geht aber auch darum, Menschen zu ermutigen, etwas Neues auszuprobieren: Würde es mir als Angehöriger nicht helfen, auch andere Angehörige in einer Gruppe kennenzulernen und sich auszutauschen? Wäre es eine Idee, einen Hausnotruf einzurichten? Kann Tagespflege eine Option sein? Auch wenn ich jahrelang meinen Haushalt selber geschafft habe, kann ich mich jetzt unterstützen lassen. Wenn ich einen Pflegedienst in Anspruch nehme, binde ich mich dadurch nicht ewig an ihn, ich kann die Hilfen auch verändern oder wieder absagen. Auch das kann Mut machen, Hilfen einmal auszuprobieren.

Glauben Sie, dass ältere Menschen spezielle Angebote brauchen oder sollten Angebote nicht immer auch generationenübergreifend sein?
Bei uns bekommt natürlich erst einmal jeder Hilfe und gerne laden wir auch jüngere Leute ein, zu unseren Veranstaltungen zu kommen. Manche Termine finden allerdings nachmittags statt, weil viele Ältere abends nicht mehr rausgehen wollen oder einen Angehörigen pflegen. Gewisse Themen, zum Beispiel „Pflegebedürftigkeit“ interessiert die Menschen meist erst dann, wenn sie selbst - dann meist im fortgeschrittenen Alter - oder ihre Angehörigen betroffen sind. Freizeitangebote für Senioren interessieren jüngere Menschen oft nicht so, weil Musikstil, Lebensgewohnheiten oder Interessen variieren.

Welche Bedürfnisse haben die Menschen, die heute noch nicht alt sind? Wie müssen die sich vorbereiten?
Jüngere Leute sollten sich auf jeden Fall mit dem Thema Pflege und Pflegebedürftigkeit auseinandersetzen. Ich sage immer: Leben Sie, genießen Sie Ihr Leben, denn das Leben kann sich jederzeit schlagartig oder auch schleppend verändern. Überlegen Sie sich doch einfach mal für sich, wo und wie Sie sich gerne helfen lassen würden, wenn Sie alt oder pflegebedürftig sind. Fragen Sie sich, was die Menschen, die in Ihrem Angehörigenkreis später nach Ihnen schauen werden, von Ihnen eigentlich wissen sollten. Sprechen Sie über eine Patientenverfügung mit anderen Vertrauten und denken Sie über eine Vollmacht nach. Informieren Sie sich über Stellen, die Ihnen helfen, gerade dann, wenn es um finanzielle Fragen geht. Sonst kann es später heftig werden, weil Sie in kürzester Zeit sehr viel auf die Beine stellen müssen. Reden Sie mit Ihren Nächsten, wie Sie einmal bei Pflegebedürftigkeit versorgt sein wollen. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein anderer schon automatisch weiß, was Sie gerne möchten. Und: Überlegen Sie rechtzeitig, ob Ihr Wohnumfeld geeignet ist, um dort im Alter wohnen zu können oder ob es nicht besser ist, rechtzeitig in einer besser geeigneten Wohnung neu Fuß zu fassen. Auch gibt es inzwischen vielfältige Projekte, zum Beispiel zum generationenübergreifenden Wohnen oder zum WG-Leben im Alter. Wer kann, kann auch finanzielle Vorsorge treffen.

Wenn junge Menschen sich nicht mit dem Thema Pflege auseinandersetzen – heisst das, dass sie sich auch nicht um die Angehörigen kümmern?
Das kann man so pauschal nicht sagen. Viele Angehörige sind sehr stark eingebunden in die Familie. Aber es ist eben so, dass sie, wenn sie woanders wohnen, aber genauso, wenn sie zwar in der Nähe wohnen, aber zur Arbeit müssen und womöglich dazu noch einen weiten Weg haben, eben nicht noch den Angehörigen pflegen können. Die Familie kann da aber trotzdem wichtig bleiben und das Sorgen ist weiterhin da, aber die Hilfen können nicht immer konkret geleistet werden, sondern eher im organisatorischen Bereich. In meiner langjährigen beruflichen Erfahrung habe ich oft erfahren, dass Angehörige, die ein gutes Verhältnis zu den Eltern oder anderen Verwandten hatten, sich auch, wenn sie weiter weg wohnen, kümmern und sorgen. Da, wo das Verhältnis schon immer schwierig war, ist weniger Kontakt da oder die Begegnungen sind angespannt und finden aus reinem Pflichtbewusstsein statt.

 

„Es darf nicht sein, dass die jüngere Generation ihr Leben nicht leben darf,
weil sie sich permanent um ein pflegebedürftiges Familienmitglied kümmern muss.“

 

Müssten ältere Menschen auf dem Dorf nicht mit den Jungen in die Stadt ziehen, weil sie auf dem Dorf nicht ausreichend versorgt werden können?
Das kann man so generell auch nicht sagen. In manchen kleineren Gemeinden gibt es gute Strukturen, weil sich Kommunen auf den Weg gemacht haben und beispielsweise in genossenschaftlichen Modellen versuchen, sich dem demographischen Wandel entgegenzustellen und Nachbarschaften oft noch intakt sind. Es kommt sicherlich auf die einzelne Gemeinde und die einzelne Situation an - auch, was Versorgung durch Ärzte, Apotheken und Pflegedienste betrifft. Bedenken Sie auch, dass ambulante Dienste in ländlichen Strukturen ganz anders aufgestellt sind, weil sie zum Beispiel viel längere Fahrstrecken und -zeiten haben. Aber wie gesagt: Ich sehe viele kleinere Kommunen, die sich wirklich Gedanken über das Thema machen.

Was fehlt denn den jungen Menschen auf dem Dorf?
Das müsste man die jungen Menschen dort fragen. Die, die fest eingebunden sind in Gemeinschaften und das Vereinsleben, wollen ja gar nicht unbedingt weg. Anderen ist manchmal ein Dorf zu klein und sie suchen städtische Strukturen. Viel hängt aber bestimmt von beruflichen Perspektiven ab. Hat jemand aufgrund von Studium oder Ausbildung einmal in der Stadt gelebt, gewöhnt er sich manchmal an die dortige Infrastruktur und hat einen neuen Freundeskreis und da fällt es schwer, wieder zurück aufs Land zu ziehen.

Nun ist es aber Teil eines Generationenvertrages, dass Jüngere sich um Ältere kümmern: Haben junge Menschen auch eine Verantwortung dazu?
Wenn es darum geht, sich um Ältere zu sorgen und sich um sie zu kümmern, dann sehe ich das schon. Ganz raus aus der Verantwortung ist man in der Regel als Angehöriger nicht. Aber auf der anderen Seite gibt es viele Einzelschicksale, bei denen ich sehr gut verstehen kann, dass junge Menschen ihre Angehörigen nicht pflegen wollen oder sogar ganz den Abstand suchen. Dann sollte das aber kommuniziert werden, damit professionelle Strukturen installiert werden.

An der Pflege zerbricht das familiäre Gefüge?
Ich würde es nicht zerbrechen nennen. Aber bei Menschen mit Demenz helfen zum Beispiel unsere gelernten Verhaltensweisen nicht mehr weiter: Einem dementen Menschen können Sie nicht einfach sagen, dass er mit einem Verhalten aufhören soll, das funktioniert nicht. Wenn man ihm vor einer Minute gesagt hat, dass er die Wohnung bitte nicht verlassen soll, kann er das in der nächsten Minute dennoch tun. Solche Lebenslagen können pflegende Angehörige dauerhaft aber alleine gar nicht bewältigen, ohne selber krank zu werden. Da brauchen sie Hilfe. Je früher Angehörige Hilfe annehmen und sich auch um sich selber sorgen, umso länger halten familiäre Gebilde eine Pflegesituation aus. Es darf nicht sein, dass die jüngere Generation ihr Leben nicht leben darf, weil sie sich permanent um ein pflegebedürftiges Familienmitglied kümmern muss.

Wäre es dann nicht gut, wenn wir auf den Dörfern wieder eine stärkere heterogene Altersstruktur haben? Was kann denn Ihrer Meinung nach eine Kommune tun, damit sie für jüngere Menschen wieder attraktiv wird?
Die Infrastruktur muss stimmen, sowohl für Familien mit kleinen als auch mit heranwachsenden Kinder bzw. Jugendlichen, es müssen Schulen, Ausbildungsmöglichkeiten und Arbeitsplätze vorhanden sein und auch der ÖPNV muss ausgebaut sein. Auch ein schnelles Internet ist sicherlich eine Voraussetzung. Ansonsten muss auch bei diesem Thema am besten die Jugend befragt werden.

 

„Das Internet kann durchaus Einsamkeit verkleinern,
wenn es auch nie einen persönlichen Kontakt ersetzen kann.“

 

Wie kann denn eine Kommune sich am Besten dem demographischen Wandel stellen?
Eine Kommune muss Beratungsangebote schaffen bzw. vorhandene fördern und entsprechende professionelle Strukturen vorweisen. In Esslingen starten wir zum Beispiel regelmäßig große Aktionstage oder sogar -wochen, in denen wir Menschen über Demenz informieren und sie darauf aufmerksam machen, aufeinander aufzupassen und Hilfen in Anspruch zu nehmen. Hier kann eine Kommune sehr gut informieren. Auch die Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg unterstützt Kommunen beim Aufbau solcher Strukturen. Ob jemand zuhause wohnen bleiben kann, ist auch immer sehr stark vom Wohnumfeld abhängig, denn der beste zwischenmenschliche Kontakt kann auch dann nichts mehr ausrichten, wenn das Wohnen aufgrund von Treppen, zu engen Fluren und nicht barrierefreien Bädern unmöglich geworden ist. Da kommen der Wohnungsbau und die Stadtplanung ins Spiel … Die gesamte Infrastruktur muss stimmen. Eine Kommune kann auch neue Wohnprojekte anstoßen oder begleiten, Ehrenamtliche gewinnen, stärken und wertschätzen und Pflegedienste unterstützen.

Was meinen Sie mit aufeinander aufpassen?
Schauen Sie nach Ihrem Nachbarn: Geht der Rollladen nach oben oder ist er die ganze Zeit unten? Sprechen Sie mit der älteren Dame im Haus und machen Sie ein Zeichen mit ihr aus, falls sie Hilfe braucht: Sie kann beispielsweise jeden Morgen eine rote Kanne ans Fenster stellen und wenn die Kanne dort nicht mehr steht, wissen Sie, dass etwas nicht stimmt. Bieten Sie alten Menschen in der Nachbarschaft an, sie mitzunehmen, vielleicht für sie einzukaufen oder sie zum Arzt zu begleiten. Oder muss der alte Nachbar ernsthaft jede zweite Woche die Kehrwoche machen?
Vielleicht könnten auch mehrere, die alleine, aber im selben Quartier leben, sich zusammenschließen und einen Teil ihrer freien Zeit miteinander verbringen, anstatt einsam vor dem Fernseher zu sitzen. Das erfordert aber ein mutiges Aufeinanderzugehen!

Alter bedeutet also Einsamkeit?
Nicht zwangsläufig, aber ja, das kann so sein, wenn die Angehörigen sehr weit weg wohnen, es vielleicht auch keine mehr gibt und Freunde verstorben, weggezogen oder dement geworden sind. Es gibt aber auch viele ältere Menschen, die allein sein wollen und die Ruhe nicht als Einsamkeit werten.

Was kann eine Kommune noch tun?
Sie kann auch das ehrenamtliche Engagement fördern und Strukturen verbessern für Menschen, die nicht mehr gut hören oder sehen, in dem man beispielsweise die Ampeln mit Hilfstechnik ausstattet oder viele Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum anbietet. Das Thema demographischer Wandel ist damit auch ein Thema der Stadtentwicklung: Wenn ich nicht mehr ganz mobil bin, ist es schwer, in den Bus zu steigen. Oder denken Sie an die Wohnstrukturen: Vielleicht wohnen Sie in Ihrem Traumhaus, aber ist dieses Haus auch pflegegerecht? Kann ich in diesem Haus eigentlich heute noch weiter wohnen oder wäre es besser, mir schon mit 60 oder 65 eine neue Wohnung zu suchen? Dann muss es aber auch attraktiven und vor allem bezahlbaren Wohnraum geben. Der soziale Wohnungsbau ist praktisch eingestellt worden, das ist ein Problem.

Wo liegt eigentlich heute der Unterschied zwischen einem Alters- und einem Pflegeheim?
Inzwischen reden wir fast nur noch von Pflegeheimen, in denen Menschen leben, die ihre allerletzte Lebensphase dort erleben. Das klassische Altersheim gibt es so fast nicht mehr. Dafür gibt es heute das Betreute Wohnen, das aber nicht unbedingt das verspricht, was man sich gemeinhin unter „betreut“ vorstellt. Da muss man genau hinsehen. Sicher ist es gut, wenn der Grundsatz ambulant vor stationär dazu dient, dass Menschen so lange wie möglich zu Hause bleiben und möglichst selbstbestimmt leben können, aber es kann der Punkt kommen, wo es zuhause nicht mehr geht. Und da kann ein Pflegeheim ein Segen sein.

 

 „Leben Sie! Genießen Sie Ihr Leben!
Es kann sich jederzeit schlagartig oder auch schleppend verändern.“

 

Wie sehen Sie denn die Möglichkeiten des Internets an, gerade für ältere Menschen? Hier warten doch viele Informationen auf sie und Foren sind zum Beispiel eine Möglichkeit, sich vielleicht weniger einsam zu fühlen?
Ich sehe auch, dass ältere Menschen das Netz verstärkt nutzen, auch wenn es immer noch viele gibt, die sich aktiv ausklinken. Ich finde es gut, wenn sich jemand mit 70 Jahren noch an die Technik wagt, weil man sonst einfach den Anschluss verpasst. Denken Sie nur an virtuelle Arztsprechstunden oder das Übermitteln von medizinischen Werten via Internet, das in der Zukunft sicherlich kommen wird. Das Internet kann ja auch Nähe herstellen, z.B. wenn man mit Freunden oder den Enkelkindern skypt. Auch Spiele und Gedächtnistraining sind über das Internet möglich, Essen kann bestellt werden usw. Es kann durchaus Einsamkeit verkleinern, wenn es auch nie einen persönlichen Kontakt ersetzen kann.

Das Netz ist also gerade für alte Menschen ein Segen?
Ja. Ich sehe das schon so. Allerdings muss eine gewisse Technikaffinität gegeben sein und man muss jemand haben, der bei Problemen rasch hilft. Je früher sich jemand mit den Möglichkeiten des Netzes auseinandersetzt, umso besser kann er die Vorteile nutzen. Ich kenne zum Beispiel einen erblindeten Menschen, der sich von einem Smartphone unterstützen lässt: Das Ortungssystem sagt ihm beispielsweise, in welche Richtung er laufen muss. Das kann er aber nur, weil er sich, als er noch sehen konnte, mit der modernen Technik beschäftigt hatte. Übrigens: Auch für Angehörige kann es vorteilhaft sein, per Netz in Verbindung zu bleiben. Beim Skypen sieht man sich und man kann Veränderungen bemerken. Oder eine GPS-Technik kann genutzt werden, um jemanden zu orten, der bei einem Spaziergang gesundheitliche Probleme bekommen oder aufgrund einer dementiellen Erkrankung die Orientierung verloren hat. Da gibt es inzwischen sehr gute Hilfen.

Frau Schwarz, vielen Dank für das Gespräch.

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Das Gespräch führte Redakteur Sascha Blättermann.

Bildnachweis:Privat
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