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Polit@ktiv macht Bürger­beteiligung. Online und vor Ort, von der Planung ganzer Prozesse bis zur Durch­führung. Darüber schreiben wir hier. Und wir fragen Experten zu über­geordneten Themen rund um Bürger­beteiligung, Parti­zi­pation und Demo­kratie.

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Einträge mit dem Schlagwort bürgerbeteiligung inklusion .

Inklusion – ein Wort macht Karriere

„Ein neues Zauberwort geht um in den Kongresshallen und Vortragssälen dieser Welt“ – so eröffnete jüngst der Spiegel eine Titelgeschichte über die globalen Finanzmärkte. Beim Wirtschaftsforum in Davos sei es zu hören und bei der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds. Das Zauberwort, das Banker und Politiker so eifrig verwenden, heißt „Inklusion“.

Mit Inklusion beschäftigen wir uns auch bei PolitAktiv. Kommunen haben bei uns angefragt, ob wir einen Beitrag leisten können, dass Menschen mit Behinderung bei der Stadtplanung besser berücksichtigt werden. Sie sollen online und offline ihre Wünsche deutlich machen können, damit Barrieren aus ihrem Leben verschwinden, die sie an der vollen Entfaltung ihrer Interessen hindern. Wir wollen die Herausforderung gerne annehmen und haben uns schon bei Experten erkundigt, wie wir das am besten hinkriegen. Wichtigster Tipp: Kein Thema darf ausgelassen werden, jedes Stadtplanungsthema ist ein Inklusionsthema!

Dass allerdings auch die Finanzwelt sich neuerdings das Thema Inklusion auf die Fahnen geschrieben hat, ist uns neu. Bei näheren Hinsehen leuchtet es aber ein: Nicht nur Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Handicaps haben mit Barrieren zu kämpfen, die sie an ihrer Entfaltung hindern. Auch Arme sind sozusagen gesellschaftlich behindert. Der Kapitalismus wirft ihnen Steine in den Weg anstatt diese wegzuräumen. Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer – das war so nicht gedacht. „Früher sorgten Banken, Fonds und Investmentgesellschaft dafür, die Ersparnisse der Bürger in technischen Fortschritt, Wachstum und neue Arbeitsplätze zu verwandeln“, konstatiert der Spiegel. „Heute organisieren sie die Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von unten nach oben, die nicht zuletzt Angehörige der Mittelschicht trifft.“

Die Lösung? So wie Behinderte längst nicht mehr mit milden Gaben zufrieden sind, sondern echte Teilhabe fordern, geht es auch den Armen und Verarmenden nicht um Geschenke. Es geht um systematische „Enthinderung“, um den Abbau unnötiger Barrieren, also um Inklusion. Ist der Weg erst freigeräumt, können sich die allermeisten selbst auf den Weg zu Sicherheit und Wohlstand machen. Deshalb ist es ein gutes Zeichen, wenn Inklusion auch in der Finanzwelt zu einem Zauberwort geworden ist.

Aktionsplan Inklusion in Schwäbisch Gmünd: "Menschen mit Behinderung sollen in allen Bereichen teilhaben"

Sandra Sanwald arbeitet im Bereich Inklusion bei der Stadt Schwäbisch Gmünd. Mit PolitAktiv sprach sie über den Aktionsplan Inklusion, die Teilhabe von Menschen mit Behinderung in der Stadt und über zukünftige Aufgaben der Gesellschaft.

Frau Sanwald, im Vorwort zum Aktionsplan Inklusion sagt der Bürgermeister von Schwäbisch Gmünd, Richard Arnold: „Wir bekennen uns dazu: Menschen mit Behinderung können nun an Allem teilhaben.“ An was konnten Menschen mit Behinderung vor dem Aktionsplan nicht teilhaben?

 

Menschen mit Behinderung ist in einigen Bereichen des Lebens der Zugang erschwerter als Menschen ohne Behinderung, wir befinden uns in einem Prozess. Der Aktionsplan Inklusion sagt nun deutlich, dass Menschen mit Behinderung in allen Bereichen des Lebens und der Gesellschaft teilhaben sollen und müssen. Er soll die Eingliederung leichter machen.

Der Aktionsplan Inklusion geht auf die Barcelona-Erklärung zurück, der die Stadt Schwäbisch Gmünd beigetreten ist. Warum war erst 2015 der richtige Zeitpunkt, um der Erklärung beizutreten?

Der Gedanke kam erstmals bei den Planungen zur Landesgartenschau auf. Der Beitritt zur Barcelona-Erklärung wurde durch Menschen mit Behinderung initiiert. Dieses Engagement hat die Stadt aufgegriffen. Wir haben dann einen entsprechenden Zeitplan aufgestellt und die Weichen für die Bürgerbeteiligung gestellt.

Waren vor dem Aktionsplan Menschen mit Behinderung in Schwäbisch Gmünd nicht beteiligt?

Menschen mit Behinderung waren natürlich auch vor dem Aktionsplan in Schwäbisch Gmünd beteiligt. Die Planungen zur Landesgartenschau haben aber dem Thema noch einmal frischen Wind gegeben. Dazu kommt die gesamtgesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahre.

 

"Der Aktionsplan Inklusion sagt deutlich, dass Menschen mit Behinderung in allen Bereichen des Lebens und der Gesellschaft teilhaben sollen und müssen. Er soll die Eingliederung leichter machen."

 

Welche Erwartungen hatte die Stadt an den Aktionsplan Inklusion?

Wir wollten die Barcelona-Erklärung als Gerüst sehen, wie wir zukünftig Inklusion in Schwäbisch Gmünd umsetzen wollen. Wie bekommen alle Menschen die gleichen Zugangsmöglichkeiten? Welche Dinge sind besonders wichtig?

Bürgermeister Arnold sagt im Vorwort zum Aktionsplan Inklusion auch: „Eine Stadt lebt durch ihre Menschen. Und alle sind verschieden.“ Bei der Auftaktveranstaltung in Schwäbisch Gmünd kamen alle diese verschiedenen Menschen zusammen. Wie bekommt man diese Menschen und ihre Bedürfnisse am Ende alle an einen Tisch?

Wir haben in Schwäbisch Gmünd beispielsweise einen Inklusionsbeirat gegründet. Dort sitzen Menschen mit verschiedensten Behinderungen zusammen. Dazu haben wir verschiedenen Interessengruppen aufgesucht und die Menschen dort persönlich gefragt, was sie brauchen und was sie wollen, um festzustellen, welche Bedürfnisse es wo gibt.

Welche Beteiligungsmöglichkeiten gab es noch?

Wir haben die Leute an den Stammtischen besucht, aber auch in Vereinen oder in der Kirchengemeinde. Dazu gab es verschiedene Veranstaltungen und auch eine Beteiligung im Internet.

 

"Das Internet war eine gute Dokumentation. Im Bereich von Menschen mit Behinderung ist allerdings der persönliche Kontakt sehr viel wichtiger."

 

Welche Rolle spielte denn das Internet bei der Bürgerbeteiligung?

Das Internet war eine gute Dokumentation. Man konnte schnell erfassen, wer was wollte und hatte einen guten Überblick. Diskutiert wurde auf der Seite aber nicht sehr viel. Im Bereich von Menschen mit Behinderung ist allerdings der persönliche Kontakt sehr viel wichtiger.

Sie haben während der Beteiligung nicht nur Wünsche und Bedürfnisse gehört, sondern wurden auch mit persönlichen Schicksalen konfrontiert. Wie gehen Sie damit um?

Als Sozialpädagogin arbeite ich schon seit vielen Jahren in diesem Bereich und bin deswegen mit der Materie vertraut. Aber ich fand es wirklich beeindruckend, wie die Menschen uns vertraut haben und sich geöffnet haben und habe viel gelernt, was Menschen durch ihre individuelle Behinderung für Bedürfnisse haben. Mir war zum Beispiel neu, dass Menschen mit Hörbehinderung und gehörlose Menschen auch leichte Sprache bevorzugen. Die Menschen haben sich ernst genommen gefühlt. Und am Ende ist ein ganzer Ideenkatalog entstanden!

Hat man als Stadt eine besondere Verantwortung, wenn man sich um Menschen mit Behinderung kümmert?

Wünsche und Hoffnungen gibt es bei jeder Beteiligung. Die Verantwortung hat in Bezug auf Inklusion aber am Ende nicht die Stadt als Verwaltung allein, sondern vor allem die Stadt als Gesellschaft, weil Inklusion ein Menschenrecht ist.

 

"Die Menschen haben sich ernst genommen gefühlt.
Und am Ende ist ein ganzer Ideenkatalog entstanden!"

 

Inzwischen ist der Aktionsplan vom Gemeinderat beschlossen. Wie geht es jetzt in Schwäbisch Gmünd weiter?

Wir setzen die einzelnen Maßnahmen nun um. Die Umsetzung wird vom Inklusionsbeirat begleitet und überwacht.

Im Vorwort zum Aktionsplan Inklusion steht: „Menschen mit Behinderung haben die selben Rechte wie alle.“ Haben die Menschen mit Behinderung in Schwäbisch Gmünd jetzt die selben Rechte?

Ja, denn das ist ein Menschenrecht. Ich glaube auch, dass sich Menschen mit Behinderung jetzt mehr integriert und hoffentlich mehr gesehen fühlen. Genauso glaube ich, dass auch Menschen ohne Behinderung jetzt besser aufgeklärt sind, aber das ist ein Prozess, der fortgeführt werden muss. Dazu braucht es zum Beispiel die reale Begegnung und einen Raum, wo diese Begegnungen stattfinden kann. Ebenso braucht es dazu Berichte in der Presse und Veranstaltungen zum Thema.

Frau Sanwald, vielen Dank für das Gespräch.

 

Weiterführende Links:

Das Gespräch führte Redakteur Sascha Blättermann.

Bildnachweis: Privat
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Aktuelles bei Polit@ktiv

16.05.2019: Nachdem die "Gmuender Charta der Gemeinsamkeiten" am 08.05.19 zur Vorbereitung in den Verwaltungsausschuss des Gemeinderats gegangen und am 16.05.19 vom Gemeinderat verabschiedet worden ist, soll die kommunale Charta schließlich pünktlich zum 70-jährigen Jubiläum des Grundgesetzes im Rahmen eines feierlichen Festaktes präsentiert werden. Einen Überblick über das Beteiligungsprojekt finden Sie unter

www.gmuendercharta.de

 


02.05.2019: Der Gemeinderatsbeschluss zum Raumprogramm des Kombibads hat die Ergebnisse der zweiten Planungswerkstatt mit großer Mehrheit bestätigt, somit hat er eine Bad-Variante beschlossen, die bereits in der zweiten Planungswerkstatt Ende März von engagierten Bürgern favorisiert und abgesegnet worden war. Näheres dazu finden Sie unter

www.metzingerbaeder.de


11.02.19, Aus über 1.000 Einzelideen wird die "Planungsidee Ganzjahresbad" in Metzingen. Ein erster Bericht von der Planungswerkstatt und ein Überblick über das Beteiligungsprojekt unter www.metzingerbaeder.de

25. Januar 2019, Die Anmeldung für das Expertenforum Bürgerbeteiligung am 09. April 2019 sind nun möglich! Weitere Informationen zur Veranstaltung sowie das Anmeldeformular finden Sie auf der Veranstaltungshomepage


06.12.18, Pünktlich zum Nikolaus sammeln das PA-Team Beiträge zur Charta der Gemeinsamkeiten auf dem Schwäbisch Gmünder Weihnachtsmarkt ein. 

03.10.18, Bürgerdialog in Schwäbisch Gmünd zur Charta der Gemeinsamkeiten gestartet

08. August 2018: Wir wachsen und suchen studentische Mitarbeiter. Auf unserer Teamseite gibt es die aktuelle Stellenausschreibung.

07. August 2018: Wir stehen jetzt auch regelmäßig vor der Kamera - beispielsweise beim Bürgerdialog zu den Metzinger Bädern. Schauen Sie doch mal rein und lernen Sie unsere Mitarbeiter im Video kennen.

03. Juli 2018: Das Berlin-Institut für Partizipation hat ein Interview mit dem Vorstand der Tübinger Integrata-Stiftung, in dem dieser Polit@ktiv vorstellt. Den Beitrag finden Sie in unserer Presseschau.

11. Juni 2018: Vor dem DEMO-Kommunalkongress veröffentlicht das Kommunalfachblatt DEMO einen Fachartikel von Michael Mörike über die Bürgerbeteiligung der Zukunft. Den Beitrag finden Sie in unserer aktualisierten Presseschau.

04. Juni 2018: Wie können Beteiligungsprozesse noch mehr Bürger erreichen? Ideen im Blog-Gastbeitrag von Julian Merkel.