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Polit@ktiv macht Bürger­beteiligung. Online und vor Ort, von der Planung ganzer Prozesse bis zur Durch­führung. Darüber schreiben wir hier. Und wir fragen Experten zu über­geordneten Themen rund um Bürger­beteiligung, Parti­zi­pation und Demo­kratie.

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Einträge mit dem Schlagwort bürgerbeteiligung demografischer wandel .

Interview kommunale Jugendbeteiligung: „Wenn ihr eine Idee habt, geht zu Eurer Kommune!“

Der 19jährige Pavlos Wacker über seine ersten Begegnungen mit Bürgermeistern, Ideen für gute Jugendbeteiligung und warum schon im Kindergarten Demokratie stattfindet.

Pavlos, als ich 19 Jahre alt war, habe ich nicht an Tagesordnungspunkte von Juso-Sitzungen gedacht. Was ist bei mir falsch gelaufen?
Ich glaube, dass es einen Erstkontakt mit einem politischen Thema braucht, um das Feuer für das Politische in einem zu entzünden. Dann bekommt man Lust, will gestalten und denkt nicht nur, dass man eh nichts machen kann.

Es braucht also eine Person, die einen mit Politik infiziert?
Es sind verschiedene Personen, insbesondere Erwachsene, in der Pflicht, dafür zu sorgen, zukünftige Generationen zu mündigen Demokraten zu machen, sie zum Mitmachen und Beteiligen zu animieren und ihnen die Möglichkeit zu geben, selbst auch gestalten zu können. Ich halte es für wichtig, in dem Ort, in dem junge Menschen aufwachsen, also in der Kommune, anzusetzen, denn dort haben sie die ersten Berührungspunkte mit der Politik. Aber häufig gibt es natürlich Menschen, die einen besonders prägen.

Wann hast Du angefangen, Dich zu beteiligen?
In der Schule gab es mal ein Projekt über Nachhaltigkeit im Rahmen der Weltklimakonferenz. Da war ich vierzehn und hatte einfach Lust mitzumachen. Das Interesse an Parteipolitik und Kommunalpolitik an sich kam erst in den letzten zwei Jahren auf.

Weil Du Dich über den Bus in Deiner Heimat Elzach aufgeregt hast.
Ja. Wir haben zwar eine relativ gut ausgebaute Infrastruktur, aber ich war jung, ich wollte auch mal abends und nachts feiern und brauchte eine entsprechende Mobilität. Die gab es aber nicht. Ich habe dann das Projekt "Mobil im Tal" mitgegründet und gemeinsam mit anderen eine Mitfahrplattform entwickelt. Wir hatten beobachtet, dass in den meisten Autos immer nur eine Person sitzt und bauten darauf, dass sich bei uns die Leute untereinander kennen, sich vertrauen und deswegen vielleicht auch jemanden aus dem Ort mitnehmen würden. Das war im Grunde mein Erstkontakt mit der Politik. Heute ist die Plattform in der Region etabliert und wir haben im vergangenen Jahr den Jugendbildungspreis des Landes Baden-Württemberg gewonnen.
 

„Erwachsene sind in der Pflicht, zukünftige Generationen
zum Mitmachen zu animieren und die Möglichkeit zu geben, gestalten zu können.“


Das Programmieren einer App hat aber nichts mit kommunaler Beteiligung zu tun.
Man darf das nicht trennen. Das eigene Verständnis von Politik definiert sich ja aus den eigenen Erfahrungen und besteht nicht nur aus Tagesordnungspunkten in der Gemeinderatssitzung. Als wir damals mit der App starteten, mussten wir mit den kommunalen Vertretern in Kontakt treten, uns überlegen, was und wie wir kommunizieren, wie wir die Medien einbinden. Im Rahmen dessen kam bei mir irgendwann auch der Gedanke auf, auch in eine Partei einzutreten.

Wie reagieren kommunale Vertreter darauf, wenn ein Siebzehnjähriger vorspricht und den Nahverkehr revolutionieren möchte?
Das war sehr unterschiedlich. Es braucht eben Mut in einer Kommune zu sagen, dass sie ein Stück die Verantwortung trägt und Geld in die Hand nimmt. Manche Kommunen waren da sehr offen, weil der Bürgermeister oder der Gemeinderat uns unterstützt haben. Aber es gab auch Kommunen, die uns nur geholfen haben, weil es den Paragraphen 41a in der Gemeindeordnung gab und die eigentlich aber nicht gestört werden wollten. Dennoch sage ich anderen Jugendlichen heute: Wenn ihr eine Idee habt, geht auf Eure Kommune zu.

Wenn die Reaktionen so unterschiedlich waren: Wie sehr hast Du Dich Ernst genommen gefühlt mit Deiner Mobiltätsplattform?
Vor meinen ersten Treffen mit Bürgermeistern hatte ich einen riesigen Respekt, weil ich nicht wusste, was passieren wird. Und dann gab es Bürgermeister, die erst einmal intensiv nachgefragt haben und sich erkundigten, an welchen Stellen genau wir Hilfe brauchen. Diese Bürgermeister haben dann in einer Konferenz mit uns die nächsten Schritte festgelegt und mit uns Netzwerke in andere Gemeinden geknüpft. Allein die Erfahrung, dass ein Bürgermeister sich für das eigene Anliegen interessiert und wirklich nachfragen, war grandios. Ich kann mich aber auch erinnern, dass in einer Konferenz mal eine Unternehmensvertreterin sagte, dass wir Kinder jetzt den Raum verlassen könnten, weil wir von Betriebswirtschaft nichts verstünden.

Woher kam denn der Respekt?
Ich glaube, bei mir war es weniger die Person, sondern eher das Amt, das dahintersteht. Da entsteht eine Barriere, eine Hürde, selbst dann, wenn man die Person im Ort bereits kennt, weil es zum Beispiel der Wirt ist.
 

„Ich sage Jugendlichen heute:
Wenn ihr eine Idee habt, geht auf Eure Kommune zu!“


Gute Jugendbeteiligung bedeutet also, dass eine Kommune Geld in die Hand nimmt und Jugendliche bei ihren Projekten unterstützt.
Nein. Gute Jugendbeteiligung hat mit Geld ja erst einmal nichts zu tun. Im ersten Schritt steht eine Kommune in der Pflicht, ihre Gemeinde so zu gestalten, dass sie Jugendliche im Ort halten kann. Es kann ja nicht im Interesse einer Gemeinde sein, dass sie zwar im Ort aufwachsen, aber später für immer verlassen. Dafür braucht es aber eine nachhaltige Denkweise, in der man offen ist für die Interessen Jugendlicher. Manchmal sind das auch ganz banale Sachen: Ich habe einmal ein Jugendbeteiligungsverfahren erlebt, in dem man kleine Kinder durch den Ort laufen und Vorschläge machen ließ, wie man die städtebauliche Infrastruktur verbessern könnte. Die Kinder haben dann Stellen gezeigt, an denen sie mit ihrem Roller nicht über den Bordstein kamen. Von solchen Ideen profitiert eine Gemeinde. Aber sicher: Wenn man als Ergebnis einer Beteiligung bestimmte Projekte starten möchte, wird es unerlässlich sein, auch Geld in die Hand zu nehmen.

Nicht jede Kommune hat aber einen Pavlos, der mit 17 Jahren schon meint, die Sache selbst in die Hand zu nehmen - und wenn sie dann nach Jugendlichen suchen, machen sie die Erfahrung, dass diese Politik doch eher für eine öde Sache halten.
Tagesordnungspunkte sind sicher öde, aber das liegt auch an dem Bild, dass Erwachsene den Jugendlichen vermitteln, wenn sie sagen, dass Politik eben vor allem aus Ausschüssen und Tagesordnungspunkten besteht. Dann brauchen sich die Erwachsenen auch nicht wundern, wenn Jugendliche dann kein Interesse haben. Der Vorwurf, die Jugendlichen hätten keine Lust auf Mitgestaltung, ist auch frech, weil es nicht die Schuld der Jugendlichen ist, sich nicht für Politik zu interessieren. Der Vorwurf ist schlicht falsch. Es ist die Aufgabe der Erwachsenen, den Gedanken der Demokratie und der Beteiligung an die Jugendlichen weiterzugeben. Eine Kommune muss also Jugendliche so beteiligen, dass sie von selbst das Interesse entwickeln, sich auch weiter politisch zu engagieren. Sie sollte zuhören und Fragen stellen.
 

„Gute Jugendbeteiligung hat mit Geld nichts zu tun!“


Wie erreiche ich als Bürgermeister junge Menschen, wenn ich Euch Jugendliche fragen will, wann genau der Bus fahren soll?
Die Kommunikation ist tatsächlich nicht so einfach. Ein Ansatz einer Kommune wäre, bereits bestehende Strukturen zu nutzen und schulübergreifend sich an Schulklassen zu wenden. Das bedeutet nicht, dass Du als Bürgermeister jetzt einen Tag von Schulklasse zu Schulklasse läufst, sondern man Schulklassen außerhalb der Schule zusammenbringt, Du Dich als Bürgermeister dazusetzt und alle gemeinsam über den Bus diskutieren. Sprechstunden funktionieren wohl vor allem bei älteren Leuten.

Ich spreche als Bürgermeister die Lehrer an.
Lehrer können eine wichtige Komponente sein. Gleichzeitig kannst Du auch an die Schülermitverwaltung, die SMV, herantreten oder sie über Vereine ansprechen.

Warum erreiche ich Euch als Bürgermeister eigentlich nicht über Social Media?
Das ist eine gute Frage. Ich glaube, dass junge Menschen sich in Social Media erholen wollen und Spaß haben möchten, aber nicht gezielt nach Veranstaltungen suchen zum Busverkehr in der Gemeinde. Allein über Social Media bekommen Bürgermeister keine Jugendlichen für ihre Projekte. Das musste ich sogar selbst lernen: Bei meinen ersten Umfragen dachte ich auch, dass Social Media mir schon helfen würde.

Bedeutet das, als Kommune besser auch gleich ganz auf Snapchat oder Instagram zu verzichten?
Man kann durchaus Inhalte auch über diese Plattformen kommunizieren. Es ist gut, wenn Bürgermeister oder Städte sich dort präsentieren. Aber dann muss es auch gut sein: Nicht als Bürgermeister auf jugendlich machen, sondern sich authentisch zu zeigen.

Wenn selbst Du Deine Altersgenossen für Deine Projekte nicht mehr erreichst: Welche Kanäle bräuchte es?
Ich versuche durchaus, auch auf Social Media Menschen anzusprechen, übrigens nicht nur über Facebook oder Instagram, sondern auch per WhatsApp-Gruppe, aber ich glaube, dass wir den menschlichen Kontakt nicht unterschätzen dürfen. Sicher kann ich durch persönliche Ansprache keine 8.000 Leute gleichzeitig erreichen, aber ich erreiche sie auf anderer Ebene und binde sie eher an mein Projekt. Gehe zu Jugendtreffs oder Jugendcafes!
 

„Uns Jugendliche zu erreichen, ist für einen Bürgermeister nicht einfach.
Das musste sogar ich lernen.“


Die meisten Jugendbeteiligungsprojekte versuchen über Gewinnspiele, schulfreie Tage oder Freikarten fürs Freibad Jugendliche zu solchen Veranstaltungen zu bekommen.
Das ist schwierig, weil die eigentliche Motivation zu so einer Veranstaltung zu gehen, nicht das Geschenk sein sollte. Gleichzeitig sollte man aber so realistisch sein, dass solche Gewinnspiele die Motivation durchaus erhöhen. Ich habe bei meinen eigenen Projekten auch schon Karten für den Europapark verlost - und dadurch mehr Teilnehmer gewonnen. Für den Erstkontakt mit der Politik kann also ein Gewinnspiel ganz hilfreich sein. Man kann als Belohnung aber auch etwas Politisches anbieten, beispielsweise einen Ausflug in den Landtag.

Jugendbeteiligung bedeutet dann, Jugendlichen auch ein Event zu bieten?
Ja, sofern es ein Event ist, wenn sich verschiedene Vereine oder Schulklassen zusammensetzen und miteinander sprechen oder Schulklassen die Stadt erkunden. Aber man muss Jugendliche nicht zwingend immer zum Europapark kutschieren.

Wie wichtig ist es eigentlich, dass ich als Bürgermeister zu der Diskussion erscheine?
Es ist eine Wertschätzung, die die Jugendlichen auch wahrnehmen. Ich habe schon erlebt, dass Jugendliche sich danach bedankt haben, weil man ihnen einfach mal zugehört hat und Fragen stellte. Wichtig ist aber auch, dass nach einer Veranstaltung auch Taten folgen.

Gleichzeitig ist es doch aber so, dass ich als Jugendlicher den Bürgermeister, der mit mir redet, am Ende noch gar nicht wählen darf.
Natürlich müssen wir eine Debatte zum Thema Wahlaltersenkung führen. Aber es geht erst einmal darum, jungen Menschen Politik erfahrbar und erlebbar zu machen und nicht um das Wahlalter.

Erlebte Politik bedeutet, dass dann lauter alte Leute über meine Bedürfnisse entscheiden.
Sicher wird am Ende über Dein Anliegen von älteren Menschen entschieden. Du kannst aber genauso gut realisieren, dass Dir jemand zuhört, dass Du Dich im Ortsverein engagieren könntest oder sogar ganz praktisch Dein Anliegen gemeinsam mit anderen umsetzen kannst.
 

„Man muss die Erfahrung machen, dass die Umsetzung
eines Wunsches dauern kann. Das ist gut so.“


Wenn ich mir aber die neue Busverbindung wünsche, weil ich gerne auch mal abends feiern gehe, wird die Verbindung höchstwahrscheinlich erst dann realisiert, wenn ich sie gar nicht mehr brauche.
Genau diese Erfahrung muss man aber auch machen. Es ist gut, dass es so ist, weil zur politischen Umsetzung eben auch eine intensive Diskussion gehört, eine entsprechende Planung und das eben seine Zeit braucht. Selbst einen großen Skaterpark kann man, wenn eine Gemeinde das will, in einem Jahr umsetzen.

Aber gleich am Anfang die Erfahrung zu machen, dass erst einmal nichts passiert, trägt nicht zur Motivation bei. Denn die ganzen Schritte dazwischen mit der Planung des Skaterparks, der Beratungen im Gemeinderat und auch der finanziellen Abwicklung kriege ich doch als Jugendlicher gar nicht mehr mit.
Das stimmt so doch gar nicht. Es passiert ja zum Beispiel etwas, in dem man Dir zuhört, Dein Anliegen aufnimmt und vielleicht sogar ein Projekt startet. Vielleicht stellt die Kommune auch einen Ansprechpartner vor, den Du immer mit Deinen Fragen kontaktieren kannst. Wenn Du als Jugendlicher einbezogen wirst, spricht Dich vielleicht auch mal ein Gemeinderat an oder Du arbeitest in Deinem Projekt gemeinsam mit der Gemeinde.

Du sprichst heute Studenten in der Juso-Hochschulgruppe an, schlägst vor, Schulklassen zusammenzubringen oder mit ihnen in Jugendcafes zu sprechen und hast mitbekommen, dass bereits kleine Kinder zeigen, wo sie mit Roller nicht über die Straße kommen. Wo beginnt und endet eigentlich Jugendbeteiligung?
Das ist eine sehr gute Frage, die man so pauschal gar nicht beantworten kann. Ich glaube, dass man schon im Kindergarten ansetzen könnte. Ich kenne einen Kindergarten, der die Kinder basisdemokratisch hat entscheiden lassen, wie der Raum aussehen soll oder wenn sie gemeinsam die Stadt erkunden. An dieser Stelle beginnt Jugendbeteiligung und hört übrigens auch nicht auf, wenn jemand bereits 40 ist, auch wenn man dann vielleicht eher von Bürgerbeteiligung sprechen wird. Manche Menschen entdecken Politik erst mit 50.

Wenn Du Dich selbst auf einer Skala von 1 bis 10 einordnen müsstest: Wie sehr engagiert bist Du?
Das ist schwer: Vielleicht bin ich eine 8.

Vielen Dank für das Gespräch!

Lesen Sie auch: Jugendbeteiligung aus kommunaler Sicht: Interview mit der Jugendreferentin der Stadt Reutlingen

Weiterführende Links:

Das Gespräch führte Redakteur Sascha Blättermann.

Bildnachweis: Privat
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Wenn Senioren und Jugendliche mit einer Stimme sprechen

Die meisten Entscheider in Mecklenburg-Vorpommern wissen nicht, wie wertvoll Jugendbeteiligung ist - und die wenigen Jugendlichen leben verteilt auf großer Fläche. Jetzt sprechen Senioren und Jugendliche mit einer Stimme. Ein Gastbeitrag des Landesjugendrings Mecklenburg-Vorpommern.

Von Yvonne Griep

Kinder- und Jugendbeteiligung ist in Mecklenburg-Vorpommern sicher nicht anders als anderswo: In erster Linie ist sie eine Frage der Haltung und die ist abhängig von Personen. So gibt es Orte und Einrichtungen, in denen die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an Entscheidungs- und Gestaltungsprozessen Alltag ist, in anderen ist man auf dem Weg, Kinder und Jugendliche mehr teilhaben und mitwirken zu lassen. Doch den meisten Entscheidenden und Machthabenden ist auch in Mecklenburg-Vorpommern noch nicht klar, wozu es gut sein soll, ein Teil ihrer Macht abzugeben und junge Menschen (mit-)entscheiden zu lassen.

Zu oft kann man so überraschte hören Sätze wie: „Ich wusste gar nicht, dass Jugendliche sich so gut vorbereiten und reden können.“ Dabei ist es gerade in einem solchen Bundesland entscheidend, auch die junge Generation mit ihren Bedürfnissen und ihrem Engagement zu Wort kommen zu lassen, das lange mit Abwanderung zu kämpfen hatte und sich auch heute noch mit schwierigen demografischen Prognosen konfrontiert sieht. Kinder und Jugendliche sind nicht nur die Zukunft, sondern ein wichtiger Teil der heutigen Gesellschaft. Wenn sie heute ernst genommen werden und erleben, dass ihr Engagement und ihre Ideen ihr Lebensumfeld, ihren Ort oder sogar ihre Region mit verändern, werden sich viele von ihnen auch später für diese Region einsetzen, sie mitgestalten und bei bevorstehenden Herausforderungen unterstützen.

Wie wichtig es ist, Kinder und Jugendliche sowohl bei kommunal-, als auch bei landespolitischen Themen zu beteiligen, betonen in Mecklenburg-Vorpommern seit einigen Jahren auch die Vertreter_innen des Altenparlaments. 2017 trafen sie sich bereits zum zweiten Mal mit Jugendlichen beim landesweiten Generationendialog. Bei diesem Kooperationsprojekt des Altenpalaments, des Landesjugendrings und des Landtages erarbeiten Jung und Alt gemeinsam Forderungen und diskutierten diese mit Abgeordneten des Landtages. Dabei wurde deutlich, dass Jugendliche und Senioren in dem dünn besiedelten Flächenland viele gemeinsame Probleme haben: Fehlende Nahverkehrsstrukturen, vielerorts schlechte Internetverbindungen oder kostenfrei zugängliche Freizeitmöglichkeiten (wie zum Beispiel Generationenspielplätze). Mit einer Stimme zu sprechen und zusammen für gemeinsame Forderungen einzutreten, ist für beide Generationen noch eine recht neue Idee, die jedoch immer mehr Anhänger findet und sicher für einige Themen Potential hat.

 

Wie wenige Jugendliche auf großer Fläche zusammenarbeiten

 

In Mecklenburg-Vorpommern haben junge Menschen mit dem Umstand zu kämpfen, dass es hier auf die Fläche verteilt so wenige von ihnen gibt und ein gemeinsames Eintreten für Ziele und Forderungen, bei viel zu oft schlechter Internetverbindung und einem mehr als grobmaschigen Nahverkehrsnetz, besonders schwierig ist. Trotzdem gibt es einige Projekte bei denen sich viele Jugendliche regelmäßig treffen, um unsere Gesellschaft nach ihren Ideen mitzugestalten. Dazu gehören unter anderem selbstverwaltete Jugendprojekte wie der Demokratiebahnhof Ankam. Mit Unterstützung von Fachkräften vor Ort nutzen und pflegen Jugendliche das Bahnhofsgebäude nach ihren Vorstellungen und Bedürfnissen. Jugendliche finden hier den Raum dazu, ihre Angebote und Ideen auszuprobieren. Möglich ist dies auch durch finanzielle Mittel des Bundes, die dem Projekt kein Korsett aus komplizierten Förderstrukturen aufzwängen.

Zu erfolgreichen Beteiligungsprojekten gehören in Mecklenburg-Vorpommern auch die landesweite Veranstaltung „Jugend im Landtag“ oder ähnliche Projekte auf Kreisebene. Bei diesen maßgeblich durch die Zielgruppe selbst mitorganisierten Veranstaltungen treffen sich Jugendliche aus verschiedenen Regionen, diskutieren ihre Themen und formulieren gemeinsam Forderungen an die Politik. Daraus entstehen auch Gruppen, die an für sie besonders wichtigen Ideen weiterarbeiten und dabei von Fachkräften unterstützt werden. Die notwendige professionelle Unterstützung erhalten die Jugendlichen oft durch die Mitarbeiter_innen der Beteiligungswerkstatt.

Seit dem Jahr 2001 fördert das Land Mecklenburg-Vorpommern die „Beteiligungskampagne“. Es gibt seit 2001 fünf Mitarbeiter_innen, die die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen landesweit in ihrem Lebensumfeld unterstützen, begleiten, moderieren, mitorganisieren – egal ob in der Schule, im Verein oder Verband, im Ort, in der Region oder im Bundesland. Anfragen dazu kommen sowohl von Kindern und Jugendlichen selbst, als auch von Fachkräften der Kinder- und Jugendarbeit, sowie (deutlich seltener) von Mitarbeiter_innen der Verwaltung oder Politiker_innen der kommunalen oder Landesebene selbst. Nachhaltig sind diese Beteiligungsprojekte und -prozesse insbesondere dann, wenn sie an Strukturen vor Ort anknüpfen können, die die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen erfolgreich weiterbegleiten. Denn für junge Menschen ist es besonders schwer, einfordern, mitreden und mitbestimmen zu können. Sie brauchen Unterstützung, um Strukturen zu durchschauen, Amtssprache zu übersetzen, Beschlüsse zu verstehen, eine eigene und gemeinsame Arbeitsweise zu organisieren und oft auch, dabei ernst genommen zu werden. Leider fehlen in vielen Regionen genau diese notwendigen Strukturen, die angestoßene Projekte zur Erfolg führen und dauerhaft weiterbegleiten können.

 

Jugendräte und Jugendparlamente als formelle Beteiligung

 

In den letzten Jahren entstehen in Mecklenburg-Vorpommern zudem immer mehr formelle Beteiligungsformate für Kinder und Jugendliche wie Jugendräte und Jugendparlamente. Wie sie funktionieren, welche Rechte und Ressourcen sie haben und wie sie betreut oder unterstützt werden, ist dabei sehr unterschiedlich. Für den Erfolg der Beteiligungsgremien ist entscheidend, dass der politische Wille da ist, eine Beteiligungsstruktur für Kinder- und Jugendliche zuzulassen, mit Rechten auszustatten und die professionelle Begleitung sicherzustellen. Macht abgeben können eben nur die, die tatsächlich auch die Macht dazu haben.

Wie man Jugendliche wirksam unterstützen kann, kann man lernen – seit 2017 auch erstmalig direkt in MV. Die vom Land und dem Deutschen Kinderhilfswerk geförderte „Ausbildung zur Moderatorin/zum Moderator für Kinder- und Jugendbeteiligung“ wird vom Landesjugendring MV getragen und vermittelt den Teilnehmer_innen wichtige Methoden und Kenntnisse für Beteiligungsprozesse mit jungen Leuten. Das sind aber auch die Grundlagen, die eigentlich in allen Prozessen wichtig sind, an denen sich Bürger_innen beteiligen können. Wer selbst beteiligt wurde und erlebt hat, dass die Übernahme von Verantwortung auch Spaß machen kann, ist auch offener dafür, selbst teilhaben zu lassen.

Welches Format oder welche Methode ist jedoch am besten geeignet, Kinder und Jugendliche für eine Beteiligung an Kommunalpolitik zu gewinnen und den Prozess dann auch durchzuhalten und erfolgreich zu gestalten. Und auch hier haben wir in Mecklenburg-Vorpommern, vermutlich nicht anders als in anderen Bundesländern, kein Patentrezept: Erfahrungen, Ressourcen und handelnde Personen sind immer andere, beeinflussen allerdings stark, wie Kinder und Jugendliche vor Ort angesprochen, interessiert und einbezogen werden können. Es werden nie alle Kinder und Jugendliche erreicht und für alle Themen einer Gemeindevertretung gewonnen werden können. Das Gleiche gilt aber auch für andere Altersgruppen. Mit einem Mix aus formellen Beteiligungsstrukturen und anderen, kürzeren und kurzweiligeren Beteiligungsformaten sind Land und Kommunen gut beraten.

 

Über Yvonne Griep

Yvonne Griep ist Landeskoordinatorin der Beteiligungswerkstatt des Landesjugendrings Mecklenburg-Vorpommern. Mit ihrer Arbeit möchte sie die Jugendarbeit in Mecklenburg-Vorpommern mitgestalten, absichern und weiterentwickeln.

 

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Bildnachweis: Landesjugendring Mecklenburg-Vorpommern
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Bürgerbeteiligung in Blaubeuren: "Warmherziges, liebevolles Kümmern um das eigene Dorf"

In Blaubeurens Dörfern haben Bürger aktiv über die Zukunft der Teilorte nachgedacht. Der Bürgermeister von Blaubeuren, Jörg Seibold, spricht im Interview über die Beteiligung, die Rolle des Internets für Bürgerbeteiligungen und erzählt, wie es nun weitergeht.

Herr Seibold, was ist gute Bürgerbeteiligung?

Bürgerbeteiligung ist mehr als lediglich zu informieren. Umfassende Bürgerbeteiligung bedeutet, dass die Bürgerschaft inhaltlich und aktiv gestaltend integriert ist. Im Ideal ist die Einladung zur Bürgerbeteiligung klar strukturiert und fair. Nicht der Lauteste soll gehört werden, sondern jener Vorschlag, der für das Gemeinwohl am besten ist. Gute Bürgerbeteiligung ist dennoch immer nur ein Angebot, aber nie eine Verpflichtung für den Bürger.

Sie haben gerade selbst in Blaubeuren eine große Bürgerbeteiligung durchgeführt. Worum ging es in dieser Beteiligung?

Das Thema Innenentwicklung umfasst viele Aspekte. Wir brauchen Antworten auf die Flächenentwicklung in und um den Ort, den Leerstand durch verlassene Höfe und nicht zuletzt auch Strukturen, um die ländlichen Bereiche auf eine älter werdende Gesellschaft vorzubereiten. Wir haben übrigens auch im Gemeinderat für uns erst einmal klären müssen, was Innenentwicklung konkret für uns bedeutet. Da haben wir festgestellt: es gibt nicht „falsch“ und „richtig“. Unterschiedliche Aufgabenstellungen brauchen auch unterschiedliche Ansätze und Antworten.

Wie beginnt man so einen Prozess?

Wir haben im Jahr 2008 begonnen, uns den Fragen erst einmal sachlich zu nähern und haben für jedes Dorf eine Analyse, konkret, ein Dorfentwicklungskonzept in Auftrag gegeben. Ein Fachbüro hat für uns eine Datenbasis erstellt. Da ging es erst einmal nur um bauliche Fragen. Wir haben uns aber auch gefragt: Was zeichnet ein Dorf aus? Wo liegen die jeweiligen Stärken, wo Entwicklungschancen? Und nicht zuletzt: Der gesamte Prozess, der nun von uns durchgeführt wird, muss auch vom Gemeinderat gemeinschaftlich getragen werden.

War damals bereits klar, dass am Ende eine große Bürgerbefragung stattfinden wird?

Klar war, dass wir einen bürgerschaftlichen Weg anbieten wollen. Es war dem Gemeinderat und mir wichtig, die Bürgerschaft aktiv zu beteiligen. Die konkrete Methode hat sich dann in gründlicher Vorbereitung entwickelt. Es gab vor der Bürgerbeteiligung zwei große Klausurtagungen in den Jahren 2010 und 2013, auf denen wir über viele verschiedene fachliche Fragen diskutiert haben. Wir haben zum Beispiel auf unserem Gemeindegebiet brachliegende Höfe, die wir gerne anders nutzen würden. Allerdings genießen die leeren Höfe einen hohen Schutzstatus. Wir können neben einen verlassenen Hof nicht einfach ein Wohnhaus bauen, weil die Eigentümer bestimmte Rechte haben.

Was war denn eine wichtige Kernfrage?

Eine gelungene Bürgerbeteiligung braucht Information und Transparenz. Ich kann mir nur schwer eine Meinung bilden, wenn ich nicht alle relevanten Informationen habe. Wie können diese Informationen fließen? Wir haben bereits seit Jahren auf unserer Homepage ein Ratsinformationssytem, auf dem man jedes Sitzungsprotokoll, jede Vorlage und jede Tagesordnung einer öffentlichen Sitzung abrufen kann. Das ist die eine Seite. Nun haben sich im Rahmen der Bürgerbeteiligung aber beispielsweise Arbeitskreise gebildet, in denen Bürger sich zu bestimmten Themen zusammengefunden und Ideen gesammelt haben. Auch hier müssen Informationen fließen: Was machen die anderen Arbeitskreise gerade? Das trägt dazu bei, über die eigenen Interessen hinaus mit anderen Arbeitskreisen zusammenzuarbeiten und Themen der anderen Orte zu erkennen. Hier hat uns die Integration des Internets geholfen. Das Internet war eine gute Antwort, um Transparenz herzustellen und um Wissen zur Verfügung zu stellen.

Haben die Bürger die Möglichkeit der Beteiligung im Internet angenommen?

Wenn ich auf die Anwenderzahlen schaue: Ja.

Kann man dann Bürgerbeteiligung auch allein im Internet durchführen?

Kommunikation im Internet kann nur einer von mehreren Wegen sein. Lediglich digital zu kommunizieren grenzt bereits all diejenigen aus, die kein Internet haben oder nicht im Internet kommunizieren können oder wollen. Es braucht in den Orten Veranstaltungen, um direkt miteinander zu sprechen. Es braucht die Möglichkeit, ganz klassisch per Brief zu kommunizieren und nicht zuletzt braucht es Menschen, die den Prozess an sich zusammenhalten. Das waren in unserem Fall die Ortsvorsteher.

Welche Risiken haben Sie mit der Bürgerbeteiligung verbunden?

Mir ist klar, auf welchen Weg wir uns gemacht haben. Unterm Strich gesehen ist das Risiko deutlich geringer als die Chancen, die sich mit dem Prozess verbinden. Es ist dann schwierig, wenn ein Bürgermeister seine Gemeinde auffordert, etwas zu tun, aber am Ende nichts draus wird. Der Wille zu gestalten, die Erfahrung gefragt und gehört zu werden, schlägt dann um in Frustration und Enttäuschung. Am Ende bliebe eine negative Stimmung.

Wie verhindert man diesen Umschlag?

Wir bieten Bürgerbeteiligungen ja schon lange an. Seitdem ich im Amt bin, habe ich 49 Bürgerversammlungen zu unterschiedlichen Themen angeboten. Viele Dinge werden gemeinsam in Arbeitskreisen entwickelt oder besprochen, wie zum Beispiel die Schulentwicklung in Blaubeuren oder konkrete Bauprojekte. Es gibt also eine gewisse „Übung“ in der Methode.

Wie sieht denn diese Methode allgemein aus?

Warum soll ich mich beteiligen? Bringt das etwas, Zeit und Kraft zu investieren? Diese Fragen müssen im Vorfeld beantwortet werden. Wir haben das beim Thema Innenentwicklung gemeinsam mit der Integrata-Stiftung in 13 Bürgerversammlungen getan. Allerdings kommt es letztlich darauf an, ob die Vorschläge der Bürgerschaft ernsthaft diskutiert werden. Das heißt: aktive Integration der Bürgerschaft muss dann auch in konkretes kommunales Handeln fließen oder – wenn Vorschläge nicht aufgenommen werden – es braucht Begründung des kommunalen Handelns.

Die Bürger haben nach Ihrer Einladung in einzelnen Arbeitskreisen sechs Monate lang Vorschläge gesammelt. Welcher Vorschlag ist der Beste?

Mich hat die Freude und die Art und Weise, die Leidenschaft, eine Idee zu vertreten, wirklich begeistert. Aber auch das warmherzige, liebevolle Kümmern um das eigene Dorf war beeindruckend.

Haben sich die Ergebnisse aus den fachlichen Ortsentwicklungskonzepten, die Sie im Rahmen der Klausurtagungen besprochen haben, auch in den Vorschlägen wiedergefunden?

Ja. In Gerhausen beispielsweise hat es sich bestätigt, dass durch die vielbefahrene Bundesstraße, die das Dorf durchschneidet, Lärm und Verkehrsbelastung ein großes Thema wird. Ein anderes Beispiel ist der öffentliche Nahverkehr auf dem Hochsträß. Dabei geht es nicht nur um die Zahl der Busverbindungen an sich, sondern um Mobilitätsfragen in allen Altersgruppen. Es ist letztlich Teil der Betrachtung, wie wir in Zukunft Lebens- und Wohnqualität im ländlichen Raum gestalten. Und in Asch beispielsweise wurde die Hüle thematisiert.
Also haben die Bürger den Begriff „Innenentwicklung“ ganz intuitiv und praktisch mit Beispielen gefüllt.
Ja. Auch darüber hinaus: In Weiler gab es zum Beispiel den Vorschlag, an der Weiler Halde einen Weg anzulegen, um die Natur und des Wasserlauf des Bächles erlebbar zu machen.

Gab es für Sie eine richtige Überraschung?

Es ist kein Thema komplett neu aufgekommen. Aber mich erstaunt es, dass in einer ruhigen, ländlichen Lage wie Beiningen das Thema Verkehrssicherheit so stark wahrgenommen wurde. Es hat sich sogar ein eigener Arbeitskreis um das Thema Verkehrssicherheit gekümmert – und gute Beispiele gefunden, in denen im Straßenverkehr Gefahrensituationen entstehen können, wenn Verkehrsteilnehmer nicht angemessen fahren.

Nun können Sie aber nicht alle Vorschläge umsetzen.

Vermutlich wird das so sein – vor allem wird nicht alles sofort umsetzbar sein. Wir werden uns aber im Gemeinderat intensiv mit allen Vorschlägen beschäftigen.

Einzelne Teilorte haben die Sorge geäußert, dass sie trotz des gemeinsamen Projektes am Ende die Eigenständigkeit verlieren.

Ich glaube, dass gerade unser Prozess eine Antwort auf diese Sorge ist. Und wir wollen niemanden über einen Kamm scheren. Da geht es sicher auch um eine Verteilungsdebatte. Was wäre die Alternative? Durch nüchterne Fachperspektive und Entscheidungen im Gemeinderat zu bestimmen, wohin die Reise gehen soll?

Sind durch den gesamten Prozess die einzelnen Teilorte stärker zusammengewachsen oder haben sie sich differenziert?

Es hätte durchaus sein können, dass sich der Wettbewerb der Ressourcen und des Geldes auch auf die Dörfer überträgt. Es ist nicht gut, wenn der Eindruck entsteht, dass Dorf A alles bekommt, aber Dorf B nichts. Es darf kein Muster von Gewinnern und Verlierern entstehen. Das ist bislang so aber nicht eingetreten. Die Dörfer spüren untereinander die Bedürfnisse der anderen Dörfer und das hat viel damit zu tun, dass uns das Wissen und die Transparenz sehr wichtig waren.

Wie entscheiden Sie konkret über die Verteilung?

Wir werden im Gemeinderat und im Rahmen einer Klausurtagung eine Art Prioritätenliste erstellen. Was kann man kurzfristig, mittelfristig oder langfristig umsetzen? Dinge die wenig kosten können schnell gemacht werden. Andere Ideen brauchen möglicherwiese eine intensive planerische und politische Vorbereitung. Wieder andere brauchen für die Umsetzung viel Geld. Es geht ja auch darum, einen Masterplan für die Zukunft in den Dörfern zu entwickeln. Ich habe einige Projekte kennengelernt, die zügig umgesetzt werden könnten. Andere sind auf eine langfristige Perspektive angelegt.

Das ist der Konflikt von Dorf A und Dorf B.

Die Schwierigkeit ist: Ein Punkt kann im Rahmen von Ressourcen zwar schnell umsetzbar sein, muss aber auf die lange Bank geschoben werden. Gleichzeitig sollte ein Punkt, der vielleicht als weniger dringend angesehen wird, aber schnell umgesetzt werden könnte, auch umgesetzt werden. Aber nochmal: Ich glaube, dass die Bürger auch verstehen, dass wir nicht jeden Vorschlag sofort umsetzen können. Diesen Punkt habe ich auch auf allen Bürgerversammlungen immer wieder deutlich gemacht.

Wenn Sie nun zurückblicken: Gibt es nach den großen bürgerschaftlichen Beratungen innerhalb der Teilorte ein stärkeres politisches Interesse als zuvor?

Ich nehme generell eine konstruktive und aktive Diskussionskultur wahr und glaube, dass auch schon vor dem Prozess jeder Teilort sich engagiert hat.

Herr Seibold, vielen Dank für das Gespräch.

 

Weiterführende Links:

Das Gespräch führte Redakteur Sascha Blättermann.
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10 Kriterien für gute Bürgerbeteiligung

Immer häufiger beziehen Bürgermeister die Einwohner ihrer Gemeinde durch Bürgerbeteiligung mit ein. Aber nicht jede Bürgerbeteiligung ist gut gemacht. Mit diesen 10 Kriterien für gute Beteiligung sollte auch Ihre Bürgerbeteiligung gelingen.

Von Michael Mörike, Vorstand der Integrata-Stiftung

1. Gute Bürgerbeteiligung braucht frühe Beteiligung.

Bürger sollten nicht erst dann beteiligt werden, wenn viele Überlegungen bereits erfolgt sind oder sogar Vorentscheidungen getroffen wurden. Nur wenn Bürger früh in einen Beteiligungsprozess einbezogen werden, können sie wirklich an der Entscheidungsfindung mitwirken – auch wenn sie selbst nicht abstimmen können. Frühe Beteiligung beginnt, bevor feststeht, ob überhaupt ein Projekt durchgeführt wird.

2. Gute Bürgerbeteiligung braucht gleiche Chance für Bürger und Verwaltung.

Bürger benötigen ebenso Zeit, sich in die Problematik eines Themas einzuarbeiten, wie es Verwaltung oder Gemeinderäte brauchen. Leider beobachten wir oft, dass die Bürger nur um ihre momentane Meinung gefragt werden, ohne dass sie Zeit bekommen, sich die Sache durch den Kopf gehen zu lassen. Man darf sich nicht wundern, wenn dann seltsame Meinungen geäußert werden. Von welchem Gemeinderat wird erwartet, dass er kurzfristig aus dem Bauch heraus entscheidet?

3. Gute Bürgerbeteiligung ist Meinungsbildung und geht nur durch Gedankenaustausch.

Bürger müssen aktiviert werden, ihre Gedanken auszusprechen oder im Internet zu formulieren. Der Mensch denkt beim Reden. Schließlich diskutiert die Verwaltung ja auch, wenn es etwas Größeres zu planen gibt, ebenso der Gemeinderat. Übrigens: Es handelt sich (noch) nicht um Bürgerbeteiligung, wenn einfach nur die Meinung der Bürger durch Fragebögen abgefragt wird – das kann aber eine erste Stufe einer Bürgerbeteiligung sein, um die Aufmerksamkeit auf die Aufgabenstellung zu lenken.

4. Gute Bürgerbeteiligung findet nicht am Stammtisch statt.

Zum Stammtisch kommen „immer die Gleichen“, weil er ein fester Termin an einem festen Ort ist. Das Phänomen, dass immer die Gleichen kommen, beobachtet man auch bei vielen Beteiligungsverfahren, wenn die Bürger nicht auf allen Kanälen aktiviert werden, mitzumachen: In einer Bürgerversammlung, per persönlichem Anschreiben, per Mitteilungsblatt, in der lokalen Presse, in den Vereinen oder auch im Internet, insbesondere in den sozialen Medien. Gerade das Internet bietet zeit- und ortsunabhängige Beteiligung und eben nicht wie am Stammtisch zu festen Zeiten und an festen Orten.

5. Gute Bürgerbeteiligung aktiviert alle Gruppen.

Es ist eine der Kernfragen bei jeder Beteiligung: Welche Bürgergruppen sollen für eine Beteiligung aktiviert werden? Auf jeden Fall sollten mindestens alle gemeldeten Einwohner – auch Jugendliche, Menschen mit Behinderung und schwer erreichbare Gruppen! – motiviert werden durch aufsuchende Beteiligung. Dabei sollte man auch an die Pendler denken, die im Ort arbeiten, aber dort nicht wohnen, und auch Grundstückseigentümer, die im Ort ein Grundstück besitzen, aber im Ausland leben.

6. Gute Bürgerbeteiligung braucht Transparenz und geschützte Räume.

Jeder muss jederzeit sehen können, was andere bereits gedacht haben. Aber nicht jeder kann oder möchte Dinge sofort in Reinform formulieren: Manche Menschen benötigen zunächst einen geschützten Raum, in dem sie ihre ersten Gedanken äußern können, ohne dass sie befürchten müssen, sich zu blamieren. Bei Workshops oder anderen Präsenzveranstaltungen geschieht das durch die Aufteilung in viele Kleingruppen. Im Internet kann dies in geschlossenen Facebookgruppen oder in Arbeitsgruppen geschehen, die auf einer entsprechenden speziellen Plattform eigene Zugriffsrechte bekommen.

7. Gute Bürgerbeteiligung braucht eine geordnete Übergabe an die Planer und an die Politiker.

Wenn Bürger sich früh einbringen, machen sie oft auch Detailangaben, die sich später als schwierig oder gar als wenig sinnvoll erweisen, wenn es um die Umsetzung geht. Um die Ausarbeitung der Wünsche, Ideen und Argumente durch die Bürger nicht ungewollt ins Leere laufen zu lassen, sind Fachleute (Planer und Politiker) in die Beratungen der Bürger einzubeziehen. Dazu ist mindestens eine gemeinsame Beratung zur Halbzeit des Beteiligungsverfahrens erforderlich, besser mehrere zwischendurch. Eine solche gemeinsame Sitzung trägt zur Meinungsbildung auf beiden Seiten bei und spart dadurch viel Aufwand.

8. Gute Bürgerbeteiligung bereitet Entscheidungen vor.

Zu jedem Zeitpunkt sollte klar sein, dass anstehende Entscheidungen nur vom Gemeinderat gefällt werden und nicht von den Bürgern.

9. Gute Bürgerbeteiligung erhöht die Legitimität der Entscheidungen durch den Gemeinderat.

Die Ergebnisse guter Bürgerbeteiligung erleichtern die Umsetzung der vom Gemeinderat getroffenen Beschlüsse, weil sie durch die Bürgerbeteiligung vorbereitet sind, beispielsweise durch eine vollständige Analyse des anstehenden Problems.

10. Gute Bürgerbeteiligung wird von einem unabhängigen Moderator geleitet.

Ein Moderator einer Bürgerbeteiligung darf keine versteckten Interessen an welchem Ergebnis auch immer haben. Er hat nachweislich zum jeweiligen Thema passende Methodenkompetenz.

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Demographischer Wandel: „Viele Kommunen machen sich echte Gedanken!“

Susanne Schwarz von der Sozialstation Esslingen über den demographischen Wandel in der Pflege, wie Kommunen sich vorbereiten und warum Senioren das Netz entdecken sollten. Teil 2 der Serie #StadtderZukunft

Frau Schwarz, was bedeutet demographischer Wandel für Sie ganz konkret in Ihrem Arbeitsalltag bei der Sozialstation Esslingen?
Grundsätzlich: Es gibt immer mehr ältere Leute, auch wenn das natürlich erst einmal nicht bedeutet, dass alle älteren Menschen auch hilfebedürftig sind. Dennoch nimmt gerade die Zahl der hochaltrigen Menschen zu und da haben wir den größten Bedarf an Hilfsleistungen. Wir merken aber auch eine Veränderung in den familiären Strukturen: Es gibt weniger Angehörige, die sich kümmern oder kümmern können. Das kann daran liegen, dass sie weit weg wohnen, aber manchmal sind auch dreißig Kilometer schon zu weit, um mal kurz zu helfen. Oft sind die Angehörigen auch berufstätig und haben Kinder, die schulpflichtig sind. Auch wenn wir als Sozialstation Esslingen e.V. vergleichsweise gut da stehen, gibt es insgesamt einen konkreten Fachkräftemangel. Die Anfragen von Kunden nehmen zu. Übrigens braucht nicht nur der ambulante Bereich Fachkräfte, sondern auch Krankenhäuser und Pflegeheime.

Wann fängt Altsein eigentlich für Sie an?
Das ist eine ganz schwierige Frage und ich kann sie so einfach gar nicht beantworten. Sie könnten jetzt das gesetzliche Renteneintrittsalter als Schwelle nehmen, aber es gibt Menschen, die müssen oder wollen vorher in den Ruhestand geben und andere, die können oder müssen noch weiter arbeiten. Also eignet sich das Renteneintrittsalter nicht wirklich. Wir erleben im Alltag Leute, die bereits in jungen Jahren pflegebedürftig werden, und es gibt Menschen, die sind im höheren kalendarischen Alter noch fit, manche davon wollen sich dennoch ein bisschen unterstützen lassen. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, da Menschen als alt zu bezeichnen. Im Prinzip spielt das kalendarische Alter wahrscheinlich keine so große Rolle, sondern eher der Gesundheitszustand: Kann ich meinen Alltag noch selbständig meistern, wie weit bin ich noch beweglich, wie komme ich durch den Tag? Habe ich Schmerzen, habe ich gesundheitliche Einschränkungen und wie viel Energie verspüre ich?

Welche Bedürfnisse haben ältere Menschen, wenn sie zu Ihnen kommen?
Zu uns kommen meist Menschen mit konkreten Bedürfnissen: Manche möchten, dass wir ihnen einmal in der Woche die Wohnung putzen, andere brauchen mehr hauswirtschaftliche Versorgung, weil sie die gesamte Arbeit im eigenen Haushalt nicht mehr schaffen oder sie möchten Unterstützung bei der Körperpflege. Wir beraten Menschen, helfen ihnen natürlich bei der Körperpflege, übernehmen die vom Arzt verordnete Behandlungspflege, leisten umfassend hauswirtschaftliche Hilfe, wir bringen ihnen Essen auf Rädern, vermitteln einen Hausnotruf und bieten kostenlos eine Gruppe für pflegende Angehörige an. Manchmal kommen Menschen aber auch, weil sie Redebedarf haben, sich informieren und vorsorgen wollen oder wissen möchten, wie die Pflegeversicherung funktioniert.

Der demographische Wandel ist für Sie also ein echter Geldsegen.
Wir sind ein eingetragener Verein und dürfen keine Gewinne machen. Der Anteil derjenigen, die Hilfe brauchen, wächst, aber der Markt an Fachkräften ist leer. Die Preise, die wir verlangen, sind zum großen Teil vorgegeben, so dass ich nicht von Geldsegen reden kann. Ein Geldsegen sind vielleicht die sogenannten „Best agers“ und kaufkräftigen Senioren, die Ihr Geld aber hauptsächlich für Reisen, Kultur, Wellness und andere Annehmlichkeiten ausgeben.

 

„Die Anteil derjenigen, die Hilfe brauchen, wächst.
Aber der demographische Wandel ist für uns kein Geldsegen.“

 

Was sagen Sie den Menschen, die zu Ihnen kommen?
Ich versuche herauszufinden, wo Menschen Bedürfnisse haben, wo sie Unterstützung brauchen und was sie noch gut können. Es geht aber auch darum, Menschen zu ermutigen, etwas Neues auszuprobieren: Würde es mir als Angehöriger nicht helfen, auch andere Angehörige in einer Gruppe kennenzulernen und sich auszutauschen? Wäre es eine Idee, einen Hausnotruf einzurichten? Kann Tagespflege eine Option sein? Auch wenn ich jahrelang meinen Haushalt selber geschafft habe, kann ich mich jetzt unterstützen lassen. Wenn ich einen Pflegedienst in Anspruch nehme, binde ich mich dadurch nicht ewig an ihn, ich kann die Hilfen auch verändern oder wieder absagen. Auch das kann Mut machen, Hilfen einmal auszuprobieren.

Glauben Sie, dass ältere Menschen spezielle Angebote brauchen oder sollten Angebote nicht immer auch generationenübergreifend sein?
Bei uns bekommt natürlich erst einmal jeder Hilfe und gerne laden wir auch jüngere Leute ein, zu unseren Veranstaltungen zu kommen. Manche Termine finden allerdings nachmittags statt, weil viele Ältere abends nicht mehr rausgehen wollen oder einen Angehörigen pflegen. Gewisse Themen, zum Beispiel „Pflegebedürftigkeit“ interessiert die Menschen meist erst dann, wenn sie selbst - dann meist im fortgeschrittenen Alter - oder ihre Angehörigen betroffen sind. Freizeitangebote für Senioren interessieren jüngere Menschen oft nicht so, weil Musikstil, Lebensgewohnheiten oder Interessen variieren.

Welche Bedürfnisse haben die Menschen, die heute noch nicht alt sind? Wie müssen die sich vorbereiten?
Jüngere Leute sollten sich auf jeden Fall mit dem Thema Pflege und Pflegebedürftigkeit auseinandersetzen. Ich sage immer: Leben Sie, genießen Sie Ihr Leben, denn das Leben kann sich jederzeit schlagartig oder auch schleppend verändern. Überlegen Sie sich doch einfach mal für sich, wo und wie Sie sich gerne helfen lassen würden, wenn Sie alt oder pflegebedürftig sind. Fragen Sie sich, was die Menschen, die in Ihrem Angehörigenkreis später nach Ihnen schauen werden, von Ihnen eigentlich wissen sollten. Sprechen Sie über eine Patientenverfügung mit anderen Vertrauten und denken Sie über eine Vollmacht nach. Informieren Sie sich über Stellen, die Ihnen helfen, gerade dann, wenn es um finanzielle Fragen geht. Sonst kann es später heftig werden, weil Sie in kürzester Zeit sehr viel auf die Beine stellen müssen. Reden Sie mit Ihren Nächsten, wie Sie einmal bei Pflegebedürftigkeit versorgt sein wollen. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein anderer schon automatisch weiß, was Sie gerne möchten. Und: Überlegen Sie rechtzeitig, ob Ihr Wohnumfeld geeignet ist, um dort im Alter wohnen zu können oder ob es nicht besser ist, rechtzeitig in einer besser geeigneten Wohnung neu Fuß zu fassen. Auch gibt es inzwischen vielfältige Projekte, zum Beispiel zum generationenübergreifenden Wohnen oder zum WG-Leben im Alter. Wer kann, kann auch finanzielle Vorsorge treffen.

Wenn junge Menschen sich nicht mit dem Thema Pflege auseinandersetzen – heisst das, dass sie sich auch nicht um die Angehörigen kümmern?
Das kann man so pauschal nicht sagen. Viele Angehörige sind sehr stark eingebunden in die Familie. Aber es ist eben so, dass sie, wenn sie woanders wohnen, aber genauso, wenn sie zwar in der Nähe wohnen, aber zur Arbeit müssen und womöglich dazu noch einen weiten Weg haben, eben nicht noch den Angehörigen pflegen können. Die Familie kann da aber trotzdem wichtig bleiben und das Sorgen ist weiterhin da, aber die Hilfen können nicht immer konkret geleistet werden, sondern eher im organisatorischen Bereich. In meiner langjährigen beruflichen Erfahrung habe ich oft erfahren, dass Angehörige, die ein gutes Verhältnis zu den Eltern oder anderen Verwandten hatten, sich auch, wenn sie weiter weg wohnen, kümmern und sorgen. Da, wo das Verhältnis schon immer schwierig war, ist weniger Kontakt da oder die Begegnungen sind angespannt und finden aus reinem Pflichtbewusstsein statt.

 

„Es darf nicht sein, dass die jüngere Generation ihr Leben nicht leben darf,
weil sie sich permanent um ein pflegebedürftiges Familienmitglied kümmern muss.“

 

Müssten ältere Menschen auf dem Dorf nicht mit den Jungen in die Stadt ziehen, weil sie auf dem Dorf nicht ausreichend versorgt werden können?
Das kann man so generell auch nicht sagen. In manchen kleineren Gemeinden gibt es gute Strukturen, weil sich Kommunen auf den Weg gemacht haben und beispielsweise in genossenschaftlichen Modellen versuchen, sich dem demographischen Wandel entgegenzustellen und Nachbarschaften oft noch intakt sind. Es kommt sicherlich auf die einzelne Gemeinde und die einzelne Situation an - auch, was Versorgung durch Ärzte, Apotheken und Pflegedienste betrifft. Bedenken Sie auch, dass ambulante Dienste in ländlichen Strukturen ganz anders aufgestellt sind, weil sie zum Beispiel viel längere Fahrstrecken und -zeiten haben. Aber wie gesagt: Ich sehe viele kleinere Kommunen, die sich wirklich Gedanken über das Thema machen.

Was fehlt denn den jungen Menschen auf dem Dorf?
Das müsste man die jungen Menschen dort fragen. Die, die fest eingebunden sind in Gemeinschaften und das Vereinsleben, wollen ja gar nicht unbedingt weg. Anderen ist manchmal ein Dorf zu klein und sie suchen städtische Strukturen. Viel hängt aber bestimmt von beruflichen Perspektiven ab. Hat jemand aufgrund von Studium oder Ausbildung einmal in der Stadt gelebt, gewöhnt er sich manchmal an die dortige Infrastruktur und hat einen neuen Freundeskreis und da fällt es schwer, wieder zurück aufs Land zu ziehen.

Nun ist es aber Teil eines Generationenvertrages, dass Jüngere sich um Ältere kümmern: Haben junge Menschen auch eine Verantwortung dazu?
Wenn es darum geht, sich um Ältere zu sorgen und sich um sie zu kümmern, dann sehe ich das schon. Ganz raus aus der Verantwortung ist man in der Regel als Angehöriger nicht. Aber auf der anderen Seite gibt es viele Einzelschicksale, bei denen ich sehr gut verstehen kann, dass junge Menschen ihre Angehörigen nicht pflegen wollen oder sogar ganz den Abstand suchen. Dann sollte das aber kommuniziert werden, damit professionelle Strukturen installiert werden.

An der Pflege zerbricht das familiäre Gefüge?
Ich würde es nicht zerbrechen nennen. Aber bei Menschen mit Demenz helfen zum Beispiel unsere gelernten Verhaltensweisen nicht mehr weiter: Einem dementen Menschen können Sie nicht einfach sagen, dass er mit einem Verhalten aufhören soll, das funktioniert nicht. Wenn man ihm vor einer Minute gesagt hat, dass er die Wohnung bitte nicht verlassen soll, kann er das in der nächsten Minute dennoch tun. Solche Lebenslagen können pflegende Angehörige dauerhaft aber alleine gar nicht bewältigen, ohne selber krank zu werden. Da brauchen sie Hilfe. Je früher Angehörige Hilfe annehmen und sich auch um sich selber sorgen, umso länger halten familiäre Gebilde eine Pflegesituation aus. Es darf nicht sein, dass die jüngere Generation ihr Leben nicht leben darf, weil sie sich permanent um ein pflegebedürftiges Familienmitglied kümmern muss.

Wäre es dann nicht gut, wenn wir auf den Dörfern wieder eine stärkere heterogene Altersstruktur haben? Was kann denn Ihrer Meinung nach eine Kommune tun, damit sie für jüngere Menschen wieder attraktiv wird?
Die Infrastruktur muss stimmen, sowohl für Familien mit kleinen als auch mit heranwachsenden Kinder bzw. Jugendlichen, es müssen Schulen, Ausbildungsmöglichkeiten und Arbeitsplätze vorhanden sein und auch der ÖPNV muss ausgebaut sein. Auch ein schnelles Internet ist sicherlich eine Voraussetzung. Ansonsten muss auch bei diesem Thema am besten die Jugend befragt werden.

 

„Das Internet kann durchaus Einsamkeit verkleinern,
wenn es auch nie einen persönlichen Kontakt ersetzen kann.“

 

Wie kann denn eine Kommune sich am Besten dem demographischen Wandel stellen?
Eine Kommune muss Beratungsangebote schaffen bzw. vorhandene fördern und entsprechende professionelle Strukturen vorweisen. In Esslingen starten wir zum Beispiel regelmäßig große Aktionstage oder sogar -wochen, in denen wir Menschen über Demenz informieren und sie darauf aufmerksam machen, aufeinander aufzupassen und Hilfen in Anspruch zu nehmen. Hier kann eine Kommune sehr gut informieren. Auch die Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg unterstützt Kommunen beim Aufbau solcher Strukturen. Ob jemand zuhause wohnen bleiben kann, ist auch immer sehr stark vom Wohnumfeld abhängig, denn der beste zwischenmenschliche Kontakt kann auch dann nichts mehr ausrichten, wenn das Wohnen aufgrund von Treppen, zu engen Fluren und nicht barrierefreien Bädern unmöglich geworden ist. Da kommen der Wohnungsbau und die Stadtplanung ins Spiel … Die gesamte Infrastruktur muss stimmen. Eine Kommune kann auch neue Wohnprojekte anstoßen oder begleiten, Ehrenamtliche gewinnen, stärken und wertschätzen und Pflegedienste unterstützen.

Was meinen Sie mit aufeinander aufpassen?
Schauen Sie nach Ihrem Nachbarn: Geht der Rollladen nach oben oder ist er die ganze Zeit unten? Sprechen Sie mit der älteren Dame im Haus und machen Sie ein Zeichen mit ihr aus, falls sie Hilfe braucht: Sie kann beispielsweise jeden Morgen eine rote Kanne ans Fenster stellen und wenn die Kanne dort nicht mehr steht, wissen Sie, dass etwas nicht stimmt. Bieten Sie alten Menschen in der Nachbarschaft an, sie mitzunehmen, vielleicht für sie einzukaufen oder sie zum Arzt zu begleiten. Oder muss der alte Nachbar ernsthaft jede zweite Woche die Kehrwoche machen?
Vielleicht könnten auch mehrere, die alleine, aber im selben Quartier leben, sich zusammenschließen und einen Teil ihrer freien Zeit miteinander verbringen, anstatt einsam vor dem Fernseher zu sitzen. Das erfordert aber ein mutiges Aufeinanderzugehen!

Alter bedeutet also Einsamkeit?
Nicht zwangsläufig, aber ja, das kann so sein, wenn die Angehörigen sehr weit weg wohnen, es vielleicht auch keine mehr gibt und Freunde verstorben, weggezogen oder dement geworden sind. Es gibt aber auch viele ältere Menschen, die allein sein wollen und die Ruhe nicht als Einsamkeit werten.

Was kann eine Kommune noch tun?
Sie kann auch das ehrenamtliche Engagement fördern und Strukturen verbessern für Menschen, die nicht mehr gut hören oder sehen, in dem man beispielsweise die Ampeln mit Hilfstechnik ausstattet oder viele Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum anbietet. Das Thema demographischer Wandel ist damit auch ein Thema der Stadtentwicklung: Wenn ich nicht mehr ganz mobil bin, ist es schwer, in den Bus zu steigen. Oder denken Sie an die Wohnstrukturen: Vielleicht wohnen Sie in Ihrem Traumhaus, aber ist dieses Haus auch pflegegerecht? Kann ich in diesem Haus eigentlich heute noch weiter wohnen oder wäre es besser, mir schon mit 60 oder 65 eine neue Wohnung zu suchen? Dann muss es aber auch attraktiven und vor allem bezahlbaren Wohnraum geben. Der soziale Wohnungsbau ist praktisch eingestellt worden, das ist ein Problem.

Wo liegt eigentlich heute der Unterschied zwischen einem Alters- und einem Pflegeheim?
Inzwischen reden wir fast nur noch von Pflegeheimen, in denen Menschen leben, die ihre allerletzte Lebensphase dort erleben. Das klassische Altersheim gibt es so fast nicht mehr. Dafür gibt es heute das Betreute Wohnen, das aber nicht unbedingt das verspricht, was man sich gemeinhin unter „betreut“ vorstellt. Da muss man genau hinsehen. Sicher ist es gut, wenn der Grundsatz ambulant vor stationär dazu dient, dass Menschen so lange wie möglich zu Hause bleiben und möglichst selbstbestimmt leben können, aber es kann der Punkt kommen, wo es zuhause nicht mehr geht. Und da kann ein Pflegeheim ein Segen sein.

 

 „Leben Sie! Genießen Sie Ihr Leben!
Es kann sich jederzeit schlagartig oder auch schleppend verändern.“

 

Wie sehen Sie denn die Möglichkeiten des Internets an, gerade für ältere Menschen? Hier warten doch viele Informationen auf sie und Foren sind zum Beispiel eine Möglichkeit, sich vielleicht weniger einsam zu fühlen?
Ich sehe auch, dass ältere Menschen das Netz verstärkt nutzen, auch wenn es immer noch viele gibt, die sich aktiv ausklinken. Ich finde es gut, wenn sich jemand mit 70 Jahren noch an die Technik wagt, weil man sonst einfach den Anschluss verpasst. Denken Sie nur an virtuelle Arztsprechstunden oder das Übermitteln von medizinischen Werten via Internet, das in der Zukunft sicherlich kommen wird. Das Internet kann ja auch Nähe herstellen, z.B. wenn man mit Freunden oder den Enkelkindern skypt. Auch Spiele und Gedächtnistraining sind über das Internet möglich, Essen kann bestellt werden usw. Es kann durchaus Einsamkeit verkleinern, wenn es auch nie einen persönlichen Kontakt ersetzen kann.

Das Netz ist also gerade für alte Menschen ein Segen?
Ja. Ich sehe das schon so. Allerdings muss eine gewisse Technikaffinität gegeben sein und man muss jemand haben, der bei Problemen rasch hilft. Je früher sich jemand mit den Möglichkeiten des Netzes auseinandersetzt, umso besser kann er die Vorteile nutzen. Ich kenne zum Beispiel einen erblindeten Menschen, der sich von einem Smartphone unterstützen lässt: Das Ortungssystem sagt ihm beispielsweise, in welche Richtung er laufen muss. Das kann er aber nur, weil er sich, als er noch sehen konnte, mit der modernen Technik beschäftigt hatte. Übrigens: Auch für Angehörige kann es vorteilhaft sein, per Netz in Verbindung zu bleiben. Beim Skypen sieht man sich und man kann Veränderungen bemerken. Oder eine GPS-Technik kann genutzt werden, um jemanden zu orten, der bei einem Spaziergang gesundheitliche Probleme bekommen oder aufgrund einer dementiellen Erkrankung die Orientierung verloren hat. Da gibt es inzwischen sehr gute Hilfen.

Frau Schwarz, vielen Dank für das Gespräch.

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Das Gespräch führte Redakteur Sascha Blättermann.

Bildnachweis:Privat
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