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Polit@ktiv macht Bürger­beteiligung. Online und vor Ort, von der Planung ganzer Prozesse bis zur Durch­führung. Darüber schreiben wir hier. Und wir fragen Experten zu über­geordneten Themen rund um Bürger­beteiligung, Parti­zi­pation und Demo­kratie.

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Sascha Blättermann
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In unregel­mäßigen Ab­ständen führen wir Inter­views mit Ex­perten. Hier finden Sie eine Aus­wahl neuerer Interv­iews:

Alle Inter­views in unserem Blog finden Sie auf der ent­sprechen­den Themen­seite.

Unsere Linktipps rund um Bürgerbeteiligung im September

Immer wieder stoßen wir bei unserer Arbeit auf Links, Texte oder Interviews mit Menschen, die wir interessant finden. Mit unseren Linktipps rund um Bürgerbeteiligung und Stadtentwicklung wollen wir diese Anregungen an Sie weitergeben.

Hier sind unsere Linktipps für den Monat September:

Bürgerbeteiligung in der Theorie:

Es gibt soziale Gruppen, die durch bisherige Bürgerbeteiligungsverfahren nicht erreicht werden, obwohl sie selbst thematisch betroffen sind. Inzwischen gibt es viele verschiedene Theorien, wie man diese Menschen besser erreichen kann. In einem Gastbeitrag  für den Wegweiser Bürgergesellschaft der Stiftung Mitarbeit plädiert Dr. Birgit Böhm für eine Verknüpfung von direkten, deliberativen und parlamentarisch demokratischen Formen. Ihren Beitrag lesen Sie hier.
 

Online-Bürgerbeteiligung I:

Warum sollte man Beteiligungsprozesse auch online durchführen? Dr. Oliver Märker hat das in einem Debattenbeitrag für die Fachzeitschrift Verwaltung und Management ausführlich erläutert. Seine Analyse finden Sie hier. [Es öffnet sich ein PDF.]
 

Online-Brgerbeteiligung II:

Online-Bürgerbeteiligung ist immer mehr auf dem Vormarsch. Die Innovationsstiftung Bayerische Kommune hat nun einen Leitfaden veröffentlicht, der den Lebenszyklus eines Online-Beteiligungsprojekts in verschiedenen Planungs- bzw. Managementphasen detailliert beschreibt. Den Leitfaden finden Sie hier.
 

Online-Bürgerbeteiligung III:

Bürgerbeteiligung im Internet kann nicht alleine stehen, sondern sollte immer als Schnittstelle von Onlinepartizipation und Bürgerversammlung eingesetzt werden. Zu diesem Schluss kommt eine ausführliche Analyse, die im Blog der Deutschen Gesellschaft für Finanz- und Haushaltspolitik erschienen ist. Die Analyse finden Sie hier.
 

Bürgerbeteiligung in der Stadtentwicklung:

Bürgerbeteiligung in der Stadtentwicklung ist immer mehr im Kommen. Das schreibt die Publizisin Ute Maasberg für das Goethe-Institut. Sie hat einige Argumente gesammelt, warum Partizipation auch in der Stadtentwicklung sinnvoll ist. Ihren Beitrag lesen Sie hier.
 

Jugendbeteiligung:

Wie beteiligt man eigentlich Jugendliche und junge Erwachsene? Wer beteiligt sie? Und was für Angebote gibt es in diesem Bereich? Das Sozialministerium Baden-Württemberg hat in einer ausführlichen Analyse diese Fragen für das eigene Bundesland beantwortet. Die Ergebnisse der Untersuchung lesen Sie hier.

Wir wünschen Ihnen engagierten Lesegenuss!

 

Bildnachweis: Fotolia bezogen am 30.08.2015
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Interkommunale Bürgerbeteiligung: Mit Internet zum Erfolg

Interkommunale Bürgerbeteiligung kann nur mit Hilfe des Internets erfolgreich sein.

Dass Gemeinden im Rahmen einer Bürgerbeteiligung den Willen und die Wünsche der Bürger erfragen und die eigenen Einwohner dazu anregen, sich aktiv in ihre Gemeinde einzubringen, ist in vielen Gemeinden inzwischen kommunale Praxis. Ein ganz neuer Vorschlag kommt von der Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung in Baden-Württemberg Gisela Erler.
Im Rahmen einer Veranstaltung in Metzingen schlug sie vor, einen interkommunalen Bürgerbeteiligungsprozess zwischen der Stadt Metzingen und den umliegenden Nachbarstädten Reutlingen und Tübingen anzustoßen. Zuvor hatte der Metzinger Oberbürgermeister Ulrich Fiedler von den Erfolgen des Bürgerengagements in seiner Stadt berichtet. Fiedler sagt, gefühlte 80 Prozent der Vorschläge aus der Bürgerschaft würden von der Stadt auch in die Tat umgesetzt.
Die Vorteile einer solchen interkommunalen Bürgerbeteiligung liegen auf der Hand: Wenn Einwohner miteinander für ihre Gemeinden Vorschläge und Ideen sammeln, schärft das den Blick für die Lage der Nachbargemeinde. Welche Probleme werden mit welche Lösungsansätze nebenan gelöst? Welche Bedürfnisse werden geäußert? Doch nicht nur Bürger lernen voneinander: Auch Kommunen haben im Rahmen der Bürgerbeteiligung die Möglichkeit, gemeinsam Strategien zu entwickeln, um die eigene Innenentwicklung, aber auch die Entwicklung der Region voranzutreiben.

 

Gemeinsam Strategien entwickeln

Die Erfolgsfaktoren für eine gelungene Bürgerbeteiligung sind dabei ähnlich: Durch eindeutige, klare und ständige Kommunikation zwischen den Beteiligten – Bürger, Experten, Politiker und der Wirtschaft -, der damit einhergehenden Transparenz des Prozesses, der Einbindung von Schlüsselakteuren und nicht zuletzt mit dem deutlichen Hinweis, dass bei allen Vorschlägen die letzte Entscheidung beim Gemeinderat liegt.
Gerade im Bereich der Kommunikation wird allerdings eine erfolgreiche Bürgerbeteiligung nur durch den Einbezug des Internets gewährleistet. Es bietet die Chance, alle Informationen zu einer bestimmten Frage an einem zentralen Ort zu bündeln und dadurch jederzeit und für jedermann zugänglich zu machen. Zudem erreicht man eine größere Zielgruppe für die Beteiligung, da nicht jeder immer auf eine Veranstaltung vor Ort kommen kann - ganz abgesehen davon, dass bei einer interkommunalen Bürgerbeteiligung auch mehrere Orte miteinander kommunizieren. Über eine Dialogplattform im Netz können sich trotz der Entfernungen alle Beteiligten gleichzeitig miteinander austauschen.

 

Internet als Austauschplattform und Dialogtreiber

Dass Vorformen interkommunaler Bürgerbeteiligung bereits funktionieren und dabei das Internet erfolgreich integrieren, zeigt das Beispiel Blaubeuren. Hier hatte man in den letzten sechs Monaten verschiedene Teilorte Blaubeurens aufgerufen, Ideen und Vorschläge zu liefern, wie es mit den Teilorten angesichts des demographischen Wandels in Zukunft weitergehen soll. Die Bürger beteiligten sich nicht nur auf Veranstaltungen vor Ort, sondern diskutierten auch rege im Internet. Und lernten am Ende die Bedürfnisse der jeweils anderen Teilorte näher kennen.
Aber nicht nur das: Via Internet konnten sich die Bürger auch informieren, was gerade in den anderen Teilorten besprochen wird, welche Ideen dort entworfen werden. Dadurch war die Möglichkeit gegeben sich aneinander zu orientieren und miteinander ins Gespräch zu kommen.
In Blaubeuren hatte man dabei von Anfang an darauf geachtet, das für die Beteiligung verfügbare Wissen und relevante Informationen im Netz zugänglich zu machen. Dadurch mussten die Bürger nicht mehr aufwändig selbst nach den entsprechenden Informationen suchen oder sie sich gar auf dem Rathaus besorgen. Stichhaltige Argumente und eine ausgewogene Diskussion waren die Früchte dieser Arbeit.

 

Ausbau des Bürgerengagements in Metzingen

Somit wird das Internet zu einer passenden Ergänzung – und eignet sich auch für ortsübergreifende Beteiligungsfragen. Mit einem starken regionalen Partner in der Hand kann die Beteiligung auch über kurze Wege und mit Expertise aus der Nähe erfolgen. Ein interkommunaler Austausch zwischen den Städten Metzingen, Reutlingen und Tübingen kann also durch den Einbezug des Internets profitieren.
Jetzt liegt der Ball in Metzingen: Die Umsetzung einer interkommunalen Bürgerbeteiligung wäre der Stadt dabei durchaus zuzutrauen. Sie setzt bereits in der eigenen Gemeinde mit verschiedenen Projekten verstärkt auf Bürgerbeteiligung: Zuletzt hatte man in einer Bürgerwerkstatt fünf Zukunftsteams gegründet, die sich beständig um Verbesserungen in der Stadt bemühen. Und vor etwas mehr als einem Jahr starteten acht engagierte Bürger mit der Stadt gemeinsam ein Bürgermentorenprogramm: Als Bürgermentoren sind sie ehrenamtliche Netzwerker, die sich die Ideen der Bürger anhören und sie dann der Stadt näherbringen.

 

Weiterführende Links:

 

Bildnachweis: By Wamito (Own work) [Public domain],  via Wikimedia Commons bezogen am 25.08.2015
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Bürgerbeteiligung in Blaubeuren: "Warmherziges, liebevolles Kümmern um das eigene Dorf"

In Blaubeurens Dörfern haben Bürger aktiv über die Zukunft der Teilorte nachgedacht. Der Bürgermeister von Blaubeuren, Jörg Seibold, spricht im Interview über die Beteiligung, die Rolle des Internets für Bürgerbeteiligungen und erzählt, wie es nun weitergeht.

Herr Seibold, was ist gute Bürgerbeteiligung?

Bürgerbeteiligung ist mehr als lediglich zu informieren. Umfassende Bürgerbeteiligung bedeutet, dass die Bürgerschaft inhaltlich und aktiv gestaltend integriert ist. Im Ideal ist die Einladung zur Bürgerbeteiligung klar strukturiert und fair. Nicht der Lauteste soll gehört werden, sondern jener Vorschlag, der für das Gemeinwohl am besten ist. Gute Bürgerbeteiligung ist dennoch immer nur ein Angebot, aber nie eine Verpflichtung für den Bürger.

Sie haben gerade selbst in Blaubeuren eine große Bürgerbeteiligung durchgeführt. Worum ging es in dieser Beteiligung?

Das Thema Innenentwicklung umfasst viele Aspekte. Wir brauchen Antworten auf die Flächenentwicklung in und um den Ort, den Leerstand durch verlassene Höfe und nicht zuletzt auch Strukturen, um die ländlichen Bereiche auf eine älter werdende Gesellschaft vorzubereiten. Wir haben übrigens auch im Gemeinderat für uns erst einmal klären müssen, was Innenentwicklung konkret für uns bedeutet. Da haben wir festgestellt: es gibt nicht „falsch“ und „richtig“. Unterschiedliche Aufgabenstellungen brauchen auch unterschiedliche Ansätze und Antworten.

Wie beginnt man so einen Prozess?

Wir haben im Jahr 2008 begonnen, uns den Fragen erst einmal sachlich zu nähern und haben für jedes Dorf eine Analyse, konkret, ein Dorfentwicklungskonzept in Auftrag gegeben. Ein Fachbüro hat für uns eine Datenbasis erstellt. Da ging es erst einmal nur um bauliche Fragen. Wir haben uns aber auch gefragt: Was zeichnet ein Dorf aus? Wo liegen die jeweiligen Stärken, wo Entwicklungschancen? Und nicht zuletzt: Der gesamte Prozess, der nun von uns durchgeführt wird, muss auch vom Gemeinderat gemeinschaftlich getragen werden.

War damals bereits klar, dass am Ende eine große Bürgerbefragung stattfinden wird?

Klar war, dass wir einen bürgerschaftlichen Weg anbieten wollen. Es war dem Gemeinderat und mir wichtig, die Bürgerschaft aktiv zu beteiligen. Die konkrete Methode hat sich dann in gründlicher Vorbereitung entwickelt. Es gab vor der Bürgerbeteiligung zwei große Klausurtagungen in den Jahren 2010 und 2013, auf denen wir über viele verschiedene fachliche Fragen diskutiert haben. Wir haben zum Beispiel auf unserem Gemeindegebiet brachliegende Höfe, die wir gerne anders nutzen würden. Allerdings genießen die leeren Höfe einen hohen Schutzstatus. Wir können neben einen verlassenen Hof nicht einfach ein Wohnhaus bauen, weil die Eigentümer bestimmte Rechte haben.

Was war denn eine wichtige Kernfrage?

Eine gelungene Bürgerbeteiligung braucht Information und Transparenz. Ich kann mir nur schwer eine Meinung bilden, wenn ich nicht alle relevanten Informationen habe. Wie können diese Informationen fließen? Wir haben bereits seit Jahren auf unserer Homepage ein Ratsinformationssytem, auf dem man jedes Sitzungsprotokoll, jede Vorlage und jede Tagesordnung einer öffentlichen Sitzung abrufen kann. Das ist die eine Seite. Nun haben sich im Rahmen der Bürgerbeteiligung aber beispielsweise Arbeitskreise gebildet, in denen Bürger sich zu bestimmten Themen zusammengefunden und Ideen gesammelt haben. Auch hier müssen Informationen fließen: Was machen die anderen Arbeitskreise gerade? Das trägt dazu bei, über die eigenen Interessen hinaus mit anderen Arbeitskreisen zusammenzuarbeiten und Themen der anderen Orte zu erkennen. Hier hat uns die Integration des Internets geholfen. Das Internet war eine gute Antwort, um Transparenz herzustellen und um Wissen zur Verfügung zu stellen.

Haben die Bürger die Möglichkeit der Beteiligung im Internet angenommen?

Wenn ich auf die Anwenderzahlen schaue: Ja.

Kann man dann Bürgerbeteiligung auch allein im Internet durchführen?

Kommunikation im Internet kann nur einer von mehreren Wegen sein. Lediglich digital zu kommunizieren grenzt bereits all diejenigen aus, die kein Internet haben oder nicht im Internet kommunizieren können oder wollen. Es braucht in den Orten Veranstaltungen, um direkt miteinander zu sprechen. Es braucht die Möglichkeit, ganz klassisch per Brief zu kommunizieren und nicht zuletzt braucht es Menschen, die den Prozess an sich zusammenhalten. Das waren in unserem Fall die Ortsvorsteher.

Welche Risiken haben Sie mit der Bürgerbeteiligung verbunden?

Mir ist klar, auf welchen Weg wir uns gemacht haben. Unterm Strich gesehen ist das Risiko deutlich geringer als die Chancen, die sich mit dem Prozess verbinden. Es ist dann schwierig, wenn ein Bürgermeister seine Gemeinde auffordert, etwas zu tun, aber am Ende nichts draus wird. Der Wille zu gestalten, die Erfahrung gefragt und gehört zu werden, schlägt dann um in Frustration und Enttäuschung. Am Ende bliebe eine negative Stimmung.

Wie verhindert man diesen Umschlag?

Wir bieten Bürgerbeteiligungen ja schon lange an. Seitdem ich im Amt bin, habe ich 49 Bürgerversammlungen zu unterschiedlichen Themen angeboten. Viele Dinge werden gemeinsam in Arbeitskreisen entwickelt oder besprochen, wie zum Beispiel die Schulentwicklung in Blaubeuren oder konkrete Bauprojekte. Es gibt also eine gewisse „Übung“ in der Methode.

Wie sieht denn diese Methode allgemein aus?

Warum soll ich mich beteiligen? Bringt das etwas, Zeit und Kraft zu investieren? Diese Fragen müssen im Vorfeld beantwortet werden. Wir haben das beim Thema Innenentwicklung gemeinsam mit der Integrata-Stiftung in 13 Bürgerversammlungen getan. Allerdings kommt es letztlich darauf an, ob die Vorschläge der Bürgerschaft ernsthaft diskutiert werden. Das heißt: aktive Integration der Bürgerschaft muss dann auch in konkretes kommunales Handeln fließen oder – wenn Vorschläge nicht aufgenommen werden – es braucht Begründung des kommunalen Handelns.

Die Bürger haben nach Ihrer Einladung in einzelnen Arbeitskreisen sechs Monate lang Vorschläge gesammelt. Welcher Vorschlag ist der Beste?

Mich hat die Freude und die Art und Weise, die Leidenschaft, eine Idee zu vertreten, wirklich begeistert. Aber auch das warmherzige, liebevolle Kümmern um das eigene Dorf war beeindruckend.

Haben sich die Ergebnisse aus den fachlichen Ortsentwicklungskonzepten, die Sie im Rahmen der Klausurtagungen besprochen haben, auch in den Vorschlägen wiedergefunden?

Ja. In Gerhausen beispielsweise hat es sich bestätigt, dass durch die vielbefahrene Bundesstraße, die das Dorf durchschneidet, Lärm und Verkehrsbelastung ein großes Thema wird. Ein anderes Beispiel ist der öffentliche Nahverkehr auf dem Hochsträß. Dabei geht es nicht nur um die Zahl der Busverbindungen an sich, sondern um Mobilitätsfragen in allen Altersgruppen. Es ist letztlich Teil der Betrachtung, wie wir in Zukunft Lebens- und Wohnqualität im ländlichen Raum gestalten. Und in Asch beispielsweise wurde die Hüle thematisiert.
Also haben die Bürger den Begriff „Innenentwicklung“ ganz intuitiv und praktisch mit Beispielen gefüllt.
Ja. Auch darüber hinaus: In Weiler gab es zum Beispiel den Vorschlag, an der Weiler Halde einen Weg anzulegen, um die Natur und des Wasserlauf des Bächles erlebbar zu machen.

Gab es für Sie eine richtige Überraschung?

Es ist kein Thema komplett neu aufgekommen. Aber mich erstaunt es, dass in einer ruhigen, ländlichen Lage wie Beiningen das Thema Verkehrssicherheit so stark wahrgenommen wurde. Es hat sich sogar ein eigener Arbeitskreis um das Thema Verkehrssicherheit gekümmert – und gute Beispiele gefunden, in denen im Straßenverkehr Gefahrensituationen entstehen können, wenn Verkehrsteilnehmer nicht angemessen fahren.

Nun können Sie aber nicht alle Vorschläge umsetzen.

Vermutlich wird das so sein – vor allem wird nicht alles sofort umsetzbar sein. Wir werden uns aber im Gemeinderat intensiv mit allen Vorschlägen beschäftigen.

Einzelne Teilorte haben die Sorge geäußert, dass sie trotz des gemeinsamen Projektes am Ende die Eigenständigkeit verlieren.

Ich glaube, dass gerade unser Prozess eine Antwort auf diese Sorge ist. Und wir wollen niemanden über einen Kamm scheren. Da geht es sicher auch um eine Verteilungsdebatte. Was wäre die Alternative? Durch nüchterne Fachperspektive und Entscheidungen im Gemeinderat zu bestimmen, wohin die Reise gehen soll?

Sind durch den gesamten Prozess die einzelnen Teilorte stärker zusammengewachsen oder haben sie sich differenziert?

Es hätte durchaus sein können, dass sich der Wettbewerb der Ressourcen und des Geldes auch auf die Dörfer überträgt. Es ist nicht gut, wenn der Eindruck entsteht, dass Dorf A alles bekommt, aber Dorf B nichts. Es darf kein Muster von Gewinnern und Verlierern entstehen. Das ist bislang so aber nicht eingetreten. Die Dörfer spüren untereinander die Bedürfnisse der anderen Dörfer und das hat viel damit zu tun, dass uns das Wissen und die Transparenz sehr wichtig waren.

Wie entscheiden Sie konkret über die Verteilung?

Wir werden im Gemeinderat und im Rahmen einer Klausurtagung eine Art Prioritätenliste erstellen. Was kann man kurzfristig, mittelfristig oder langfristig umsetzen? Dinge die wenig kosten können schnell gemacht werden. Andere Ideen brauchen möglicherwiese eine intensive planerische und politische Vorbereitung. Wieder andere brauchen für die Umsetzung viel Geld. Es geht ja auch darum, einen Masterplan für die Zukunft in den Dörfern zu entwickeln. Ich habe einige Projekte kennengelernt, die zügig umgesetzt werden könnten. Andere sind auf eine langfristige Perspektive angelegt.

Das ist der Konflikt von Dorf A und Dorf B.

Die Schwierigkeit ist: Ein Punkt kann im Rahmen von Ressourcen zwar schnell umsetzbar sein, muss aber auf die lange Bank geschoben werden. Gleichzeitig sollte ein Punkt, der vielleicht als weniger dringend angesehen wird, aber schnell umgesetzt werden könnte, auch umgesetzt werden. Aber nochmal: Ich glaube, dass die Bürger auch verstehen, dass wir nicht jeden Vorschlag sofort umsetzen können. Diesen Punkt habe ich auch auf allen Bürgerversammlungen immer wieder deutlich gemacht.

Wenn Sie nun zurückblicken: Gibt es nach den großen bürgerschaftlichen Beratungen innerhalb der Teilorte ein stärkeres politisches Interesse als zuvor?

Ich nehme generell eine konstruktive und aktive Diskussionskultur wahr und glaube, dass auch schon vor dem Prozess jeder Teilort sich engagiert hat.

Herr Seibold, vielen Dank für das Gespräch.

 

Weiterführende Links:

Das Gespräch führte Redakteur Sascha Blättermann.
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Suche Strategie, biete Zukunft

In Heilbronn beginnen die Planungen für die Zukunft der Stadt. Die Tübinger Beteiligungsplattform „Polit@ktiv“ hilft dabei.

In Heilbronn schauen sie jetzt gemeinsam in die Zukunft. Insgesamt 117.000 Einwohner sind aufgerufen, in den kommenden Monaten Antworten zu suchen auf die große Frage: Wie sieht unsere Stadt im Jahr 2030 aus? Und was macht Heilbronn eigentlich aus?

In mehreren Veranstaltungen, aber auch im Internet, soll der Stadtentwicklungsplan überarbeitet und neu aufgestellt und außerdem auch die Stadtmarke an sich geschärft werden. Ziel ist es, langfristige Leitlinien zu erarbeiten, die in den nächsten Jahren Orientierung geben und gleichzeitig gezielte Maßnahmen zu entwickeln, die die Stadt für die Zukunft rüsten. Zudem soll mit der Schärfung der Stadtmarke Heilbronn auch die Identifikation der Einwohner mit ihrer Heimatstadt steigen – und die neue Stadtmarke dann nach außen getragen werden.

An konkreten Themenfeldern werden bestimmte Leitfragen diskutiert, um dann konkrete Maßnahmen und Strategien zu entwickeln.

  • Beispiel Wohnen: Die Zahl der Menschen, die eine Wohnung suchen, steigt. Auf der anderen Seite wirkt sich der demographische und gesellschaftliche Wandel auf den Wohnungsmarkt aus: Familienhaushalte gehen zurück, Singlehaushalte steigen. Wie kann der Wohnungsbestand hier angepasst werden?
  • Beispiel Mobilität: Nicht nur der demographische Wandel, sondern auch moderne Mobilitätsmodelle wie Carsharing verändern die Auslastung der Straßen: Wie soll das Straßennetz der Zukunft aussehen? Welche Bedürfnisse haben die Einwohner? Welche Bedingungen stellt die Wirtschaft?
  • Beispiel Bildung: Die Schülerzahlen steigen in Heilbronn an, Flüchtlinge und Zuwanderer wollen integriert werden, Menschen mit Behinderung brauchen Unterstützung: Wie soll die Stadt mit diesen Herausforderungen umgehen?

Insgesamt hat die Stadt sieben verschiedenen Themenfelder mit Leitfragen aufgestellt. In spezifischen Werkstätten werden dann engagierte Bürger Ideen entwickeln, Strategien ausarbeiten und die Stadt der Zukunft mit entwerfen.

 

Beteiligung auch im Internet

Parallel zu diesem Prozess werden die Bürger auch im Internet auf der Plattform von Polit@ktiv eingeladen, sich aktiv an der Stadtentwicklung zu beteiligen. Auf der eigens eingerichteten Seite www.stadtkonzeption-heilbronn.de findet sich eine umfangreiche Sammlung von Informationen rund um den Prozess. Darüber hinaus haben die Bürger hier die Möglichkeit, jederzeit Ideen und Vorschläge zu diskutieren, miteinander ins Gespräch zu kommen, den Prozess zu begleiten und voranzutreiben. Nicht nur die Beiträge aus den Veranstaltungen werden auf der Plattform dokumentiert und können weiterdiskutiert werden, auch die Vorschläge, Ideen und Kritikpunkte der Online-Diskussion werden explizit in die Workshops mit einfließen. Beide Kanäle – online und offline – werden so miteinander verzahnt.

Dass der Einbezug des Internets funktioniert, zeigte sich in den vergangenen Monaten bereits im schwäbischen Blaubeuren. Die Stadt hatte dort die Bürger ihrer Teilorte dazu aufgerufen, sich vor Ort und im Netz den drängenden Fragen des demographischen Wandels zu stellen und Ideen für die zukünftige Ortsentwicklung zu entwickeln.
Sowohl im Netz als auch vor Ort entstand eine rege Diskussion. Themenspezifische Arbeitskreise wurden gegründet, die sich untereinander austauschten und über die Plattform Polit@ktiv immer wieder den aktuellen Stand ihrer Ideen veröffentlichten und so gemeinsam den Prozess vorantrieben. Dabei sind die Dörfer sich auch untereinander nähergekommen, entwickelten ein Gespür für die Bedürfnisse der Nachbarn und entdeckten, dass sich manche Herausforderungen auch im Nachbarort wiederfinden lassen. So standen am Ende die Ideen nicht alleine, sondern wurden eingebettet in Gesamtkonzepte, die nun im Gemeinderat beraten werden.

Ähnlich wird dies auch in Heilbronn ablaufen. Nach Abschluss der themenspezifischen Werkstätten wird sich im kommenden Jahr der Gemeinderat mit den Vorschlägen und Ideen befassen und auf einer eigenen Klausurtagung eine Priorisierung der Maßnahmen beraten.

Als ersten Schritt werden nun aber erst einmal die Bürger auf die große Beteiligungsmaßnahme eingestimmt. In einer großen Auftaktveranstaltung im Konzert- und Kongresszentrum am 13. Juli wird die Stadtkonzeption vorgestellt und es werden erste Ideen und Anregungen gesammelt.

 

Weiterführende Links:

 

Bild: AndreasPreferite: Heilbronn via FlickR CC BY-ND 2.0 bezogen am 09.07.2015
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Linktipps Juni

Immer wieder stoßen wir bei unserer Arbeit auf Links, Texte oder Interviews mit Menschen, die wir interessant finden. Einmal im Monat wollen wir diese Anregungen an Sie weitergeben.

Hier sind unsere Linktipps für den Juni:

  1. Die Baden-Württemberg Stiftung hat mit dem Beteiligungslotsen ein neues Überblicksportal geschaffen, um Bürger, die sich engagieren möchten, mit vielen Informationen rund um Bürgerbeteiligung einen Einblick in Beteiligungsprozesse zu geben. Gleichzeitig gibt es die Möglichkeit, genau das Projekt zu finden, bei man sich selbst engagieren möchte.
  2. Die demographische Entwicklung der nächsten Jahre wird sich auf Städte und Kommunen auswirken. Der Deutschlandfunk beleuchtet in einem Interview mit dem Stadt- und Regionalplanungsexperten Gerhard Mahnken die Folgen des Wandels für die Kulturszene der Kommunen. Mahnken fordert, dass Kommunen stärker untereinander kooperieren und auch Bürger motivieren, sich für Kultur zu engagieren. Das Interview mit Gerhard Mahnken finden Sie hier.
  3. Eine aktuelle Studie von Forsa im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2015 kommt zum Schluss, dass mehr als die Hälfte der Bundesbürger gerne mehr Einfluss darauf hätte, was in ihrer Stadt entschieden wird. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse finden Sie hier.
  4. Das Bundestagsradar, ein politischer Blog, beschäftigt sich ausführlich mit der Frage, inwieweit Bürgerbeteiligungsprozesse auch online funktionieren und inwieweit sich eine Netzöffentlichkeit artikulieren kann. Es kommt zum Schluss, dass Bürgerbeteiligung gerade im Netz neue Chancen eröffnet. Den Blogbeitrag vom Bundestagsradar finden Sie hier.
  5. Beteiligung im Internet hat viele Facetten: Über das Unterzeichnen einer Online-Petition per Klick bis zur ausführlichen Partizipation auf einer umfassenden Plattform wie PolitAktiv. Der Politikwissenschaftler Gary S. Schaal hat die Motivation junger Erwachsener untersucht, sich im Netz zu engagieren. Die Ergebnisse der Studie erklärt er im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur. Das Interview finden Sie hier.

Übrigens: Der Aktionsplan Inklusion ist in den nächsten Monaten ein großes Thema in Schwäbisch Gmünd, das PolitAktiv online begleitet. In einem eigenen Diskussionskreis werden Bürger beispielsweise Vorschläge und Ideen sammeln. Im Rahmen einer Auftaktveranstaltung am 30. April 205 wurde das Projekt feierlich eröffnet. Wir haben in unserem Blog mal näher beschrieben, was in Schwäbisch Gmünd eigentlich passiert. Den Blogbeitrag finden Sie hier.

Wir wünschen Ihnen engagierten Lesegenuss!

 

Bildnachweis: Fotolia. bezogen am 22.06.2015
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Aktuelles bei Polit@ktiv

17. Januar 2018: Das Tagungsprogramm vom Expertenforum Bürgerbeteiligung ist jetzt online.

 



13.12.17, Die Stadt Riedlingen startet ihren Online-Dialog zur Entwicklung des Stadthallenareals

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In Stuttgart wird gemeinsam mit der Bürgerschaft über die Sanierung des Westens diskutiert. Jetzt auch hier auf Polit@ktiv