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Polit@ktiv macht Bürger­beteiligung. Online und vor Ort, von der Planung ganzer Prozesse bis zur Durch­führung. Darüber schreiben wir hier. Und wir fragen Experten zu über­geordneten Themen rund um Bürger­beteiligung, Parti­zi­pation und Demo­kratie.

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Karin Kontny: Für mehr Beteiligung in der Kultur

Welche Wünsche haben Sie für Bürgerbeteiligung 2018? Die Kulturjournalistin Karin Kontny hat uns in der Neujahrsnacht ihre Wünsche überbracht: Mehr Offenheit, Toleranz und Kultur in der Bürgerbeteiligung.

von Karin Kontny

Bis vor einigen Jahren traf ich mich regelmäßig mit Kurt Weidemann. Etwa alle drei Monate stand ein Termin mit dem Grafikdesigner, der auch am Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe lehrte, in meinem Kalender. Unter dem Dach seines Ateliers am Stellwerk West in Stuttgart ließen wir unsere Ideen für neue Kulturkonzepte wie Seifenblasen in die Höhe steigen. Um sie dann bei einem Mittagessen in der Kneipe ’Rat-Rat‘ einem Stresstest zu unterziehen. Im Gespräch mit den Menschen, die hier zusammenkamen: Bauarbeiter, Stamm- und Zufallsgäste, Studierende, Senioren, Familien mit Kindern, Angestellte und Chefs aus den Betrieben und Büros der Umgebung.

Mit den Köpfen der Menschen, die man erreichen will, denken zu lernen, das war eine von Weidemanns Maximen. Die Rückmeldungen unserer spontanen Gesprächspartner in der Kneipe unterstützten uns dabei, die vagabundierende Kreativität unserer Atelier-Ideenrunde zu bündeln, manches zu überdenken oder auch einfach zu verwerfen. Egal, wie das Ergebnis auch ausfiel: am Ende blieb nicht nur das gute Gefühl, dass das was wir uns ausgedacht hatten, eine Wirkung entfalten würde. Sondern vor allem der Eindruck, dass es das gesamte Vorhaben stärken kann, wenn man eine solche konstruktive Ideengemeinschaft bildet.

 

Über Bürgerbeteiligung nicht nur reden, sondern sie praktizieren

 

Die Gespräche mit Kurt Weidemann, der im Frühjahr 2011 verstorben ist, fehlen mir. 2018 möchte ich darum mehr solcher Treffen mit anderen Menschen initiieren. Und wünsche mir darüber hinaus in der Kulturpolitik mehr Protagonisten wie Weidemann, den Designer des DB-Logos, der weit vor Stuttgart 21 von Bürgerbeteiligung nicht nur redete, sondern sie auch praktizierte. Auf seine Weise.

Den Elfenbeinturm zu verlassen und sich mit der Welt und den Menschen auseinanderzusetzen war für ihn dabei nicht einfach nur Marketing-Make-Up, sondern eine authentische Haltung. Eine, ohne die Weidemann lebendige Kultur – verstanden als die verschiedenen Künste, als den Alltag, aber auch als Werte und Traditionen, Wissenschaften, Religionen, Lebensformen und das Miteinander verschiedener Nationalitäten – nicht für möglich hielt. Dass es bei der Idee der Partizipation und der Teilhabe an (kulturellen) Entscheidungsprozessen nicht um ein harmloses Konzept des Pseudo-Miteinanders geht, sondern eben bisweilen auch darum, dass Konflikte aufgrund unterschiedlicher Milieus oder Lebensstile entstehen, das war Kurt Weidemann klar. Er hat mich immer wieder ermutigt, dieser Auseinandersetzung, der Diskussion, nicht aus dem Weg zu gehen. ’Offenheit und Toleranz fördern Kreativität. Anpassung macht Dich zweckdienlich. Sinn fängt aber manchmal erst da an, wo der Zweck aufhört‘, lautete eine seiner weiteren Maximen.


Beteiligung in der Kultur über den Verwaltungstellerrand hinaus

 

Städte wie beispielsweise Chemnitz und Stuttgart wagen es bereits, auch im Kulturbereich diesen Weg der Offenheit zu gehen und über den Verwaltungstellerrand hinaus mit Bürgern in den Dialog zu treten, sie als Gestaltungs-Kompetenzen wahrzunehmen und sie an sinnstiftenden Kulturprozessen zu beteiligen. Und auch im ländlichen Raum, etwa in Melchingen auf der Schwäbischen Alb (Schwerpunktgemeinde im Entwicklungsprogramm ländlicher Raum, ELR), gibt es gute Beispiele dafür, was passieren kann, wenn Menschen ihr Lebensumfeld mitgestalten dürfen. Wenn sie mitreden, sich einbringen mit ihren Wünschen, ihrer Kritik, ihren Anregungen. Weil sie dort, wo sie leben, gut leben wollen. Kultur (und kulturelle Vielfalt) gehört zu diesem guten Leben maßgeblich dazu. Sie ist auch und gerade auf dem Land ein wichtiger Standortfaktor, der Anreize schafft, sich niederzulassen und am gemeinschaftlichen Leben teilzunehmen. Wer die Freiheit hat, sich auf Bürgerbeteiligungsprozesse einzulassen, ist nicht nur deshalb nachhaltig gut beraten.

Ich erinnere mich noch gut an das Schild, das an der Stirnseite in Kurt Weidemanns Atelier hing. ’Freiheit aushalten‘, stand dort in schwarzen Lettern auf gelbem Grund. Und so wünsche ich mir für 2018 für mein Lebensumfeld nicht nur die Freiheit, mehr Bürgerbeteiligung zu denken, anzuregen und mitzutragen. Sondern auch die Freiheit, Prozesse der Bürgerbeteiligung selbst in Fragen stellen zu können. Dann etwa, wenn es um das Spannungsfeld zwischen Gemeinwohl und einzelnen Interessen geht. Oder darum, dass es womöglich Themen und Aufgaben im Kulturbereich gibt, die nun einmal nicht im Rahmen von Bürgerbeteiligung bearbeitet werden können.«
 

Über Karin Kontny

Karin Kontny ist Journalistin und Reporterin und arbeitete bereits mit namhaften Magazinen (Die Zeit, Stern, Financial Times u.a.) und Verlagen (Verlag Theater der Zeit, Kehrer Verlag, Verlag Klöpfer & Meyer u.a.) zusammen. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, etwa als Stipendiatin der Kulturstiftung des Bundes und der Berliner Festspiele. Gemeinsam mit (universitären) Bildungseinrichtungen, Museen und Galerien, etablierten KünstlerInnen, MusikerInnen, SchauspielerInnen und DesignerInnen entwickelt Karin Kontny Kultur- und Veranstaltungskonzepte (Kulturmanagement). Sie ist im Rahmen ihrer Arbeit in ganz Europa unterwegs und unweit des geographischen Mittelpunkts von Baden-Württemberg daheim.

Mehr Beteiligung in der Kultur in der Stadt der Zukunft?
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Fotonachweis: J. Schmaus, Outline - Online Medien GmbH

Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch!

 

Das gesamte PolitAktiv-Team wünscht Ihnen ein frohes Weihnachtsfest und
einen guten Rutsch in ein erfolgreiches neues Jahr 2018!

Wir danken Ihnen für Ihr Interesse an unseren Beteiligungen, Blogbeiträgen und Interviews - und sind im kommenden Jahr wieder für Sie da: Mit neuen Interviews, spannenden Gastartikeln und kontroversen Debattenbeiträgen rund um das Thema Bürgerbeteiligung - versprochen!

Meine Vision für die Kommune 2030

Wie sieht die Stadt der Zukunft aus? Wir haben unsere jüngste Mitarbeiterin um ihre ganz persönliche Vision gebeten. Teil 3 der Serie #StadtderZukunft.

von Elisa Söll

Ausgestorbene Spielplätze, leere Kindergärten und einsame Senioren in verfallenen Fachwerkhäusern. Werden unsere Dörfer und Städte in Zukunft wirklich so aussehen? Dieses düstere Bild zeichnete zumindest meine Phantasie, als ich neulich über die Zukunftsprognosen der Bertelsmann-Stiftung für Deutschlands Kommunen stolperte: Die Wissenschaftler nehmen an, dass die Anzahl der über 80-Jährigen in den nächsten 15 Jahren um 47,2 % steigen werde. Außerdem werden in Deutschland bis dahin, Schätzungen zufolge, mehr als eine halbe Million Einwohner weniger leben als heute, trotz massiver Einwanderung. Was bedeutet das konkret für uns alle?

Ein paar Beispiele: Der Bevölkerungsrückgang wird, so die Studie, vor allem Gemeinden auf dem Land betreffen. Die Alteingesessenen bleiben auf dem Dorf, die Jungen zieht es vermehrt in die Städte. Pflegekräfte sind schon jetzt knapp, dieser Engpass wird sich in Zukunft weiter verschärfen (siehe auch das Interview mit Pflegeexpertin Susanne Schwarz). Diesen Problemen wird sich wohl so gut wie jede ländliche Kommune in Zukunft stellen müssen.

Globale Einflüsse auf die Kommune vor Ort

Doch das allein ist nicht alles: Mit abnehmender Bevölkerungsdichte wird es für Gemeinden nämlich auch zunehmend schwieriger eine zufriedenstellende Infrastruktur zur Verfügung zu stellen: Schulen, Krankenhäusern, Schwimmbädern und Bäckereien droht die Schließung. Der Weg zum nächsten Kreissaal droht für schwangere Frauen zur Tortur zu werden. Gleichzeitig herrscht in vielen Städten bereits jetzt große Wohnungsnot. Zuzug vom Lande wird daher eher mit einem sorgenvollen Stirnrunzeln zu Kenntnis genommen. Wie der Bedarf an zusätzlichen Wohnungen gedeckt werden soll, weiß noch keiner so recht.

Aber auch globale Entwicklungen haben einen Einfluss auf die eigene Kommune: Zum Beispiel wird sich auch hier, in unseren Städten und Dörfern, der nachlässige Umgang mit der Umwelt in Zukunft rächen. Das Klima wird wärmer, das Wetter extremer. Die Folgen sind bereits hier und heute zu spüren: In Süddeutschland breiten sich bereits heute tropische Mückenarten aus, die Krankheiten wie Dengue oder Malaria übertragen können. Ältere Menschen kämpfen zunehmend mit gesundheitliche Belastungen, bedingt durch immer heißere Sommer.

Entwicklungen, die sich nicht mehr umkehren lassen. Und Entwicklungen, die erahnen lassen, was auf uns zukommen wird, wenn wir als Kommunen diese Probleme nicht jetzt und gemeinsam anpacken. Keinem von uns wird es möglich sein, den demographischen Wandel zu stoppen, geschweige denn die globale Erwärmung.

Entwicklungen als Chance sehen

Aber wir müssen uns klarmachen, dass wir der Zukunft nicht machtlos gegenüberstehen. Es geht vielmehr darum, sich an diese Entwicklungen anzu-passen und sie als Chancen zu sehen. Und dass das kein aussichtsloses Unterfangen ist, zeigt ein Blick in Deutschlands Städte und Gemeinden: Denn bereits heute gibt es in Deutschland Bürgermeister, die sich der Herausforderung des demographischen Wandelns stellen: Beispielsweise, indem sie sich entsprechende Infrastruktur wie schnelles Internet und Handyempfang bemühen, um ihre Kommune so auch für junge Leute und Familien attraktiv zu halten. Manche Gemeinden bieten in leerstehenden Gebäuden attraktive Konditionen für Start-Ups, also junge Unternehmen, oder freischaffende Künstler an. Auch dem Klimawandel stehen Kommunen nicht machtlos gegenüber. Es haben sich beispielweise bereits Initiativen gegründet, die einheimische Bauern gegen mögliche Ernteausfälle finanziell absichern und so gleichzeitig regionale Landwirtschaft unterstützen – so werden lange und umweltschädliche Transportwege minimiert (siehe auch das Interview mit Jan Lutz)
    
Das sind nur kleine Beispiele, aber sie zeigen: Mit viel Kreativität lassen sich Lösungen für die Folgen dieser scheinbar übermächtigen Probleme finden und die sind bitter nötig, denn wir und unsere Kinder werden in einer Zukunft mit all diesen Herausforderungen leben müssen.

Serie #StadtderZukunft

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Udo Wenzl: Meine Beteiligungswünsche für die nächsten Jahre

Kommunalberater Udo Wenzl formuliert seine Wünsche für die kommenden Jahre - und erzählt von seiner Vision: Kinder- und Jugendbeteiligung ist in Baden-Württemberg flächendeckend angekommen. Teil 7 und Schluss unserer Serie über Jugendbeteiligung.

von Udo Wenzl

Stellt Euch vor, es ist 2030. In allen Regionen von Baden-Württemberg, in allen Gemeinden und Städten findet eine aktive Beteiligung von Kinder- und Jugendlichen statt. Nicht nur die Gemeinden haben den Mehrwert einer lebendigen Kinder- und Jugendbeteiligung erkannt, die Landkreise sind auch aktiv mit dabei. Die Grundschulen und alle weiterführenden Schulen haben bezogen auf die Kinder- und Jugendbeteiligung ihr Bildungskonzept weiterentwickelt. Wäre das schön? Ist das möglich?

Startpunkt für diesen Traum waren bereits die Jahre 2015 und 2016: Die Gemeindeordnung Baden-Württemberg wurde mit Blick auf die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen verändert: „Die Gemeinde soll Kinder und muss Jugendliche bei Planungen und Vorhaben, die ihre Interessen berühren, in angemessener Art und Weise beteiligen“ (§ 41a Gemeindeordnung Baden-Württemberg). Auch die schulischen Bildungspläne wurden 2016 weiterentwickelt und bis 2030 erfolgreich umgesetzt.

 

Der fünfte Tag in der Schule wird zum Beteiligungstag

 

Es gibt jetzt in der Schule eine „4-Tage-Woche“ mit Lehrer*innen. Der fünfte Tag ist zu einem selbstorganisierten Bildungs- und Beteiligungstag geworden. Dort finden Schulversammlungen, Beteiligungsverfahren und Projekttage im Bereich gesellschaftlichen Engagements regelmäßig statt. Eine engere Vernetzung zur außerschulischen Jugendbildung hat sich ebenso entwickelt wie eine vertiefte Zusammenarbeit mit den Kommunen. Zum Schuljahresbeginn findet in allen baden-württembergischen Schulen mit allen Schüler*innen eine Schulversammlung statt, bei der alle relevanten Themen für die Schule und die Kommune formuliert und diskutiert werden. Die Schüler*innen sind es gewöhnt, Projekte zu planen, zu organisieren und umzusetzen. Sie entwickeln Verfahren und bestimmen Schwerpunkte zur Umsetzung ihrer Anliegen und Themen.

Sogenannte 8er-Räte sind in allen weiterführen Schulen etabliert. Im 8er-Rat setzen sich die Jugendlichen für ein Jahr selbst ihre Agenda, werden in einem strukturierten Verfahren unterstützt und beraten die politisch Verantwortlichen einer Gemeinde. Das Bildungs- und Beteiligungskonzept knüpft eng an den Bildungsplan für Gemeinschaftskunde und Politik an. Damit trägt das Modell zu einer eher projektbezogenen Beteiligungsform bei und ermöglicht die intensive Einarbeitung in einen konkreten Beteiligungsgegenstand. Der 8er-Rat hat einen klaren Rhythmus und eine verlässliche politische Verankerung im Gemeinwesen.

Neben den 8er-Räten hat sich im schulischen Kontext eine nachhaltige Verzahnung zwischen dem Gemeinschaftskundeunterricht, der SMV-Arbeit (SMV bedeutet Schülermitverantwortung), der kommunalen Jugendbeteiligung und der Kommunalpolitik entwickelt. Jährlich sich wiederholende kommunalpolitische Aktionstage und Workshops an Schulen und im Rahmen des regulären Gemeinschaftskundeunterrichts umsetzbare Module bieten dafür die Grundlage. Arbeitsgruppen Kommunalpolitik, die in enger Verbindung zur SMV stehen, sind eingerichtet und sind das alters- und klassenübergreifende Format der Jugendbeteiligung. Diese vielfältigen Beteiligungsformate haben zu einer lebendigen Öffnung und Handlungsorientierung des Unterrichts und zu einer nachhaltigen Zusammenarbeit der Partner vor Ort geführt: Lehrende, Schüler*innen, Schulleitungen und Schulsozialarbeiter*innen, aber auch Gemeinderät*innen, Bürgermeister*innen, kommunale Bildungsträger und Jugendorganisationen.

 

Schulen sind bereits heute in der Lebenswelt angekommen

 

Die Schulen sind als Bildungs- und Beteiligungsort im Gemeinwesen angekommen. Der Gemeinschaftskundeunterricht hat sich zum lebendigen Ort des politischen Handelns entwickelt. So werden heute die Leitgedanken des Bildungsplans und die Handlungskompetenzen als grundlegendes Ziel des Gemeinschaftskundeunterrichts lebensweltorientiert umgesetzt. Ist das tatsächlich nur ein Traum?

Mit dem 2016 neu formulierten Bildungsplan Gemeinschaftskunde wurde der Kommunalpolitik in den achten Klassen ein großen Stellenwert eingeräumt. Dort heißt es: Die Schülerinnen und Schüler können Antworten auf die Fragen finden, welche Möglichkeiten Bürger*innen und Jugendliche haben, ihre Interessen in den Entscheidungsprozess in der Gemeinde einzubringen und wissen, wie die Macht in der Gemeinde verteilt ist (Macht und Entscheidung), wie die einzelnen Organe innerhalb der Gemeinde zusammenwirken (Ordnung und Struktur), welchen Beitrag Verfahren und Institutionen zur Regelung und zum Schutz des friedlichen Zusammenlebens in der Gemeinde leisten (Interessen und Gemeinwohl) und wie die Gemeinde mit ihren begrenzten finanziellen Mitteln umgeht (Knappheit und Verteilung).“

Die weiterführenden Schulen können bereits auf die Vorarbeit der Grundschulen aufbauen. Denn heute findet in den Grundschulen eine verlässliche Kinderbeteiligung unter anderem im Rahmen des Schulfachs ‚Sachkunde‘ statt. Das Konzept der Gemeinde- bzw. Stadtteildetektive wird alle zwei Jahre praktiziert und die Ergebnisse im Gemeinderat bzw. in Ausschüssen vorgestellt. Die Kinder erkunden ihre Gemeinde, ihren Stadtteil und stellen den Kommunalpolitiker*innen die Erkenntnisse und Ergebnisse vor.

 

Begegnungen von Kindern und der Politik in der Realwelt

 

Somit findet bereits heute ein lebensweltbezogener Sachkundeunterricht statt, der die 2016 formulierten Zielsetzungen des Bildungsplans Grundschule kindgerecht und auf das Gemeinwesen bezogen, aufgreift. Die Kinder lernen, aber nicht nur in der Theorie, „ausgewählte politische Strukturen, staatliche Aufgaben und Ämter aus ihrer Lebensumwelt anhand geeigneter Beispiele kennen (zum Beispiel Stadt- und Gemeinderatswahl, Bürgermeister/-in, Gemeinde- oder Stadtrat).“ Und: Sie lernen diese nicht nur kennen, sondern es findet eine konkrete realweltliche Begegnung zwischen Kindern und der Politik statt.

Gerald Hüter entwickelte 2013 in seinem Buch „Kommunale Intelligenz“ ein sehr konkretes Bild, wie eine Potenzialentfaltung in Städten und Gemeinden aussehen kann bzw. aussehen sollte. Dabei hatte er insbesondere auch an die Kinder und Jugendliche gedacht: „Wenn Kinder und Jugendliche wieder erleben können, dass sie (…) in ihrer Kommune von anderen Mitgliedern beachtet und wertgeschätzt werden, wenn ihnen zugetraut würde, Aufgaben zu übernehmen, die für die Kommune und das kommunale Leben wichtig sind, dann könnte sich jedes Kind und jeder Jugendliche als jemand erfahren, der mit seinen besonderen Talenten, mit seinen erworbenen Fähigkeiten und seinem bisher angeeigneten Wissen in dieser besonderen Weise zum Gelingen von etwas beitragen, was nur in einer gemeinsamen Anstrengung gelingen kann.“ In Baden-Württemberg wurde dies umgesetzt, denn die Kinder und Jugendliche fühlen sich ernst genommen, sind akzeptiert und tragen zur gemeinsamen Gegenwarts- und Zukunftsentwicklung mit bei.
 

Über Udo Wenzl

Udo Wenzl, Jahrgang 1963, ist freiberuflicher Kommunalberater für Kinder-, Jugend- und Bürgerbeteiligung .Von 2000 bis 2014 war er Bildungsreferent und Referent für Jugendbeteiligung beim Landesjugendring Baden-Württemberg. Seit 2017 ist er freier Mitarbeiter und Projektleiter eines Vernetzungsprojekts von Schule und kommunaler Jugendbeteiligung bei der Landeszentrale für politische Bildung (LpB). Er wohnt in Waldkirch bei Freiburg im Breisgau.

 

Bisher erschienen

Bildnachweis: Stefanie Sigmund, Doris Frey
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Die Zukunft der Jugendbeteiligung? Masse und Qualität!

Ein paar wenige Jugendliche zu beteiligen reicht nicht mehr aus. Wir müssen endlich über alle reden. Ein Debattenbeitrag von Erik Flügge. Teil 6 unserer Serie über Jugendbeteiligung.

Von Erik Flügge

Manchmal sagt man einer Veranstaltung zu und weiß noch nicht, auf was man sich einlässt. So ging es mir diesen Herbst. Der Kreisjugendring Rems-Murr fragte mich an, ob ich kurzfristig ein Jugendhearing im Bildungszentrum Weissacher Tal moderieren könnte. Ich sagte zu.

Ein paar Tage danach fanden die Auftraggeberin und ich die Zeit, miteinander zu telefonieren. Da erfuhr ich, für was ich eigentlich spontan zugesagt hatte: Alle Schüler eines ganzen Schulzentrums mit einer Haupt-, einer Realschule und einem Gymnasium. Alle Schüler ab der 8. Klasse, auch die, die von Beteiligung gar nichts wissen wollen. Das sind insgesamt 700 Schüler in einer großen Halle, der ich als einziger Moderator gegenüberstehe. Start: 9.00 Uhr. Und Mittags: Bürgermeister. Gemeinderäte. Schulleitung. Lehrer. Alle wollen sich das Ergebnis anschauen.

WHAT THE FUCK!
 

„Kann es sich eine Demokratie leisten, nicht jeden Einzelnen zu Wort kommen zu lassen?“

 

Jugendbeteiligung ist in der Breite der Republik organisiert über kleine Gruppen. Ein paar Jugendliche in einem Jugendgemeinderat hier, ein kleines Videoprojekt dort, ein Stadtschülerrat, in der einen Stadt und ein kleines Jugendforum in der anderen. Immer erreichen wir damit nur einen kleinen Ausschnitt der Jugend. Mal ist der Ausschnitt dramatisch klein, mal ist er akzeptabel groß. Aber zu selten stellen wir uns die Frage, wie alle jungen Menschen in unserer Demokratie die Erfahrung machen können, dass Politik ihnen zuhört. Zu selten sprechen wir darüber, dass keine Demokratie es sich leisten kann, nicht jedem einzelnen jungen Menschen eine positive Beteiligungserfahrung zu Teil werden zu lassen.

Seit ein paar Jahren habe ich den Fokus meiner Beteiligungsprojekte deswegen erweitert. Wenn ich mit Städten und Gemeinden Beteiligung plane, dann rede ich mit ihnen zuerst über Masse. Zum Beispiel gerade in Balingen, wo 600 Jugendliche aller Schularten (inkl. der Förderschule) an der Planung eines Jugendhauses beteiligt werden - nicht virtuell, sondern integriert in ein europaweites Ausschreibungs- und Baubeauftragungsverfahren und unter Einsatz von Workshops und WhatsApp, mit konkreten Plänen, Rückmeldungen und einer Baufachjury. Oder zum Beispiel in Heidelberg, wo alle Grundschüler an der Planung einer Parkanlage auf einer ehemaligen Kasernenfläche beteiligt werden.

Was als Anspruch so leicht klingt, ist in der Praxis aber alles andere als anspruchslos. Wenn wir ernsthaft die Masse der Jugendlichen erreichen wollen, dann müssen sich unsere Verfahren an die Realität anpassen. Wir müssen Moderations- und Organisationsaufwände senken, ohne Beteiligungsqualität zu verlieren. Alle Jugendliche zu beteiligen erfordert von uns als Organisatorinnen und Organisatoren der Jugendbeteiligung, dass wir uns mit formalen Verfahren auseinandersetzen. Wir müssen verstehen, wie genau eine Baubeauftragung läuft, um das Prozessdesign richtig aufzusetzen.
 

„Wir müssen unsere Verfahren der Realität anpassen“
 

Zurück zum Weissacher Tal: Weil die Kolleginnen vom Kreisjugendring Rems-Murr vor der Beteiligung von 700 Schülern in einer Halle auch nervös waren, wollte ich nicht noch Öl ins Feuer gießen. Ich erklärte, das ginge alles locker. Ich sagte, das sei kein Problem, so was bekommen wir hin. Mir selbst war wochenlang schlecht. 700 Teenies, von denen die meisten wohl keinen Bock auf Beteiligung mitbringen und über allem schwebt das Damoklesschwert, dass wir Mittags Ergebnisse vorweisen müssen, wenn die Politik kommt? Wie soll das gehen?

Dann kam der Tag: Am 23. November 2017 standen tatsächlich 700 Schüler vor mir. Wir haben dann Gruppen gebildet, schulartübergreifend, und schufen eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre im Raum. 700 Jugendliche formulierten ihre eigenen Thesen passend zu den Kompetenzen der Kommune. Sie gestalteten bunte Plakate mit ihren Wünschen, diskutieren diese direkt mit ihren Bürgermeistern, rangen ihnen feste Zusagen ab und haben sich sogar W-LAN für alle Schülerinnen und Schüler im Schulzentrum erkämpft. In der Abschlussrunde hörte eine ganze Schule leise zu, was die Erwachsenen an Rückmeldung zu geben hatten.

Gleich im Anschluss gab es eine Fachrunde mit allen Erwachsenen und den Jugendlichen. Das Thema: Was tun wir, damit wir die 700 Jugendliche nicht vor eine Wand laufen lassen? Wie gelingt die Rückkommunikation? Wie bekommen wir die Anliegen der Jugendlichen schnell genug gelöst? Dafür braucht es klare Aufgabenverteilungen und eine Klärung der entsprechenden Ressourcen.

 

„Jugendbeteiligung muss einen anderen Charakter haben als Schule“
 

Das Beispiel zeigt: Es geht uns um alle. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich die Zukunft der Jugendbeteiligung genau darum dreht: Alle. Der Gewinn in der Masse ist, dass wir Jugendliche erreichen, die von sich selber noch nicht wussten, dass sie sich einbringen wollten. Statt weiterhin nur offen einzuladen, sollten wir anfangen, wirklich alle Jugendlichen zusammen zu bringen. Auf zentralen Veranstaltungen, zu denen Jugendliche geschickt werden. Das, was sie dann dort erleben, muss nur einen anderen Charakter haben als die Schule.

Ich habe übrigens diese Veranstaltung damit begonnen, den Jugendlichen zu verraten, dass mir ihre Ergebnisse egal sind. Sie müssen heute nichts für mich erreichen, sondern für sich. Und alle haben die Chance ergriffen. 

 

Bisher erschienen:

Bildnachweis: David Sievers, Franziska Molina
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