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Kommunale Jugendbeteiligung: "Respekt und jugendgerechte Ansprache!"

Die Jugendreferentin der Stadt Reutlingen, Regina Schaller, über gute Jugendbeteiligung, wie eine Kommune Nähe zur Lebenswelt junger Leute herstellt und warum Handyverlosungen fehl am Platz sind.

Frau Schaller, was ist gute Jugendbeteiligung?
Gute Jugendbeteiligung auf kommunaler Ebene bedeutet, dass sich alle Akteure auf Augenhöhe begegnen und ein gemeinsamer Diskurs stattfinden kann. Die Form ist dabei relativ egal – wichtig ist es, einander zuzuhören, das Gegenüber ernst zu nehmen, gemeinsame Ziele auszuhandeln und diese dann zur Umsetzung zu bringen.

Was bedeutet es in der Praxis, diesen Anspruch umzusetzen?
Es braucht Zeit und Energie, Beteiligungsformen mit Jugendlichen zu entwickeln und umzusetzen. Wichtig ist, dass es Ergebnisse gibt und auch eine Absicht, die Ergebnisse im Rahmen der Möglichkeiten umzusetzen. Diese Umsetzung ist ganz entscheidend, denn es kann nicht nur darum gehen, sich einfach nur Ideen abzuholen. Dafür braucht es einen kommunalen Willen, die Ideen der jungen Menschen ernsthaft zu prüfen und bei einer positiven Entscheidung auch die entsprechenden Ressourcen und Mittel zur Verfügung zu stellen.

Welche Themen halten Sie für relevant, um als Stadt auf Jugendliche zuzugehen und sie aktiv zu befragen?
Ein wichtiges Thema ist die Gestaltung der Stadtteile: Was können wir tun, damit sich Kinder und Jugendliche in ihrem Stadtteil wohlfühlen? Vor allem Jugendliche werden bei solchen Planungen neben „Wohnraum für junge Familien“, „Kindergartenplätze“ und „Seniorenresidenzen“ gerne ‚übersehen‘. Ein weiteres wichtiges Thema ist zum Beispiel der öffentliche Nahverkehr. Beide Punkte sind nah an der Lebenswelt der Jugendlichen und gleichzeitig zukunftsweisend für die Stadt.

Gibt es eigentlich Themen, bei denen Sie Jugendliche nicht beteiligen würden?
Jugendliche sind an der Planungen und Vorhaben, die ihre Interessen berühren, zu beteiligen. Es gibt sicher Themen, die Jugendliche uninteressant finden, aber wir sollten sie den Jugendlichen vorstellen und dann sollen sie entscheiden, ob sie mitgestalten wollen oder nicht.

Was machen Sie denn konkret, um auf die Jugendlichen zuzugehen und sie zu beteiligen?
Wir haben verschiedene Jugendbeteiligungsformen in Reutlingen. Neben dem Jugendgemeinderat ist unser Kernstück das eintägige Jugendforum für Jugendliche von 14 bis 18 Jahre, das alle zwei Jahre in Reutlingen stattfindet. Hier kann jeder Jugendliche kommen und eigene Ideen den Entscheidungsträgern aus Politik und Verwaltung vorstellen. Der Ablauf eines Jugendforums bei uns sieht grob so aus, dass Jugendliche zur Veranstaltung kommen, sich selber nach Themen in Kleingruppen einteilen und dort ihre Anliegen gemeinsam diskutieren. Die Ergebnisse der Diskussion werden auf Plakaten festgehalten, die Entscheidungsträgern dann im persönlichen Gespräch präsentiert werden. Während des Gesprächs versuchen die Jugendlichen, die Entscheidungsträger als Paten für ihre Idee zu gewinnen. Wenn die Jugendlichen das geschafft haben, wird ein Vertrag abgeschlossen und die Kleingruppe arbeitet gemeinsam mit den Paten dann an der Umsetzung. Wir haben darüber hinaus aber noch weitere Beteiligungsmöglichkeiten, zum Beispiel in den Jugendhäusern und -treffs sowie die neu gegründete Gesamt-SMV, die auf Anregung aus dem Jugendgemeinderat entstanden ist. Unser Jugendforum hat sich übrigens vor allem auch als Ergänzung zum Jugendgemeinderat sehr bewährt: Im letzten Jugendgemeinderat waren sechs Mitglieder, die davor beim Jugendforum waren, und dort das Interesse entwickelt haben, mitzumachen.

 

"Jugendliche sollen selbst entscheiden, ob sie mitmachen oder nicht."

 

Mit welchen Anliegen kommen die Jugendlichen auf Sie zu?
Die Jugendlichen haben sehr konkrete Ideen und Anliegen, die manchmal sogar so offensichtlich sind, dass unsere städtischen Experten sagen, da hätten sie auch selber drauf kommen können. Konkret haben die Jugendlichen zum Beispiel eine App für den Busverkehr angeregt oder Trinkwasserbrunnen in der Stadt, die Müll vermeiden und eine kostengünstige und gesündere Alternativen zu den Softgetränken bieten.

Wie wird ein Anliegen dann umgesetzt?
Wenn Entscheidungsträger sagen, dass das Anliegen für sie ein Thema ist, unterstützen sie die Jugendlichen bei der Umsetzung. Sie treffen sich nach dem Jugendforum wieder in der Kleingruppe, es werden konkrete Aufgaben definiert. Die Entscheidungsträger helfen so den Jugendlichen aktiv: sie holen Informationen ein und prüfen, inwieweit sie die Umsetzung des Anliegens voranbringen können. Dabei kann es natürlich sein, dass Anliegen nicht eins zu eins umgesetzt werden können, aber vielleicht lassen sich Kompromisse erarbeiten. Und sollte sich ein Anliegen als nicht umsetzbar erweisen, bekommen die Jugendlichen die notwendigen Informationen, warum es nicht geklappt hat. Wir haben heute eine neue spektakuläre Skateranlage mitten in Reutlingen und einen „Platz für die Jugend“ in einem Stadtpark, auf dem Jugendliche sich ungestört auch spät abends aufhalten können. Beides wurde im Jugendforum angeregt. Außerdem wird es demnächst ein „Outdoor-Jugendcafe“ geben, das in einem ungenutzten Bereich an der Echaz, auch wieder ganz zentral, entstehen wird.

Was machen Sie denn mit den Ideen, die nicht umgesetzt werden können? Wie kommunizieren Sie das den Jugendlichen?
Ehrlich gesagt hatten wir auf dem Jugendforum noch nicht die Situation, eine Idee komplett und direkt ablehnen zu müssen. Bei jeder Kleingruppe gab es einen Diskurs und am Ende stand immer eine Idee, die nachvollziehbar war. Wenn aber eine Idee in der Vergangenheit nicht umsetzbar war, haben die Jugendlichen darauf in den meisten Fällen mit großem Verständnis reagiert, weil sie gesehen haben, dass wir uns Mühe gegeben haben und weil sie im Prozess dabei waren und dadurch erfahren haben, warum etwas nicht funktioniert.


„Es ist wichtig klarzustellen, dass die Umsetzung einer Idee
auch zwei, vier oder sechs Jahre dauern kann.“


Andere Jugendliche werden feststellen, dass ihre Idee erst dann umgesetzt wird, wenn sie gar kein Interesse mehr daran haben.
Ja. Aber genau das ist mir wichtig, von Anfang an klarzustellen, dass die Umsetzung einer Idee auch dauern kann, manchmal auch zwei, vier oder sechs Jahre. Wir sagen das auch ganz deutlich bei unserer Werbetour durch die Schulen, dass das Forum kein Wunschkonzert ist und alles sofort umgesetzt wird.

Wie demotivierend ist es für die Jugendlichen, wenn sie feststellen, dass vor allem alte Leute über ihr Anliegen entscheiden?
Das weiß ich nicht. Es kann natürlich eine Rolle spielen, aber die Erfahrung, dass „alte Leute“ jungen Menschen zuhören und ernstnehmen, steht über all dem.

Wie erreichen Sie die Jugendlichen für Ihr Forum?
Wir versuchen, die Jugendlichen an den Schulen zu informieren, gehen auch in Jugendhäuser und zu Jugendtreffs, laden sie ein, beim Jugendforum dabei zu sein. Außerdem hängen wir Plakate auf, werben in den Bussen und versuchen auch über Social Media Jugendliche zu erreichen. Wir haben ja auch eine ganz enge Kooperation mit dem Jugendgemeinderat, der auch über das Jugendforum informiert. Beim ersten Jugendforum vor drei Jahren kamen rund 150 Jugendliche, im letzten Jahr kamen rund einhundert, und das, obwohl wir nicht an allen Schulen Termine bekommen haben.

Warum findet das Jugendforum nur alle zwei Jahre statt?
Zum einen ist das Jugendforum ein Aufwand, den wir als Kommune nicht jedes Jahr stemmen können. Gleichzeitig hat es sich als sinnvolle Zeitspanne herausstellt, um die Anliegen des Jugendforums in Verwaltung und Gemeinderat zu prüfen.


„Es braucht keine Band oder die Verlosung eine Handys,
sondern Respekt und jugendgerechte Ansprache.“


Von Schule zu Schule zu laufen, ist ein enormer Aufwand und mit vielen Kosten verbunden. Wie bekommt man diese Kosten in der Kommune erklärt?
In Reutlingen stehen Gemeinderat und Verwaltung dahinter, weil beide davon überzeugt sind, dass das Forum ein guter Weg ist. Wir versuchen die Jugendlichen persönlich zu überzeugen und durch persönliches Engagement zum Gestalten zu bewegen. Beim ersten Forum vor drei Jahren haben wir versucht, die Jugendlichen zu motivieren, online bereits vorher mitzumachen. Aber wir haben dann festgestellt, dass das nicht funktionierte. Es wurde einfach nicht so genutzt, wie wir dachten. Dass Jugendliche dennoch so zahlreich zum Jugendforum gekommen sind, lag daran, dass wir durch die Schulen gelaufen sind, uns und das Jugendforum vorgestellt haben und den Jugendlichen auch deutlich gemacht haben, dass wir an dem Tag auch vor Ort sind. Wir haben festgestellt, dass die persönliche Ebene auch hier sehr wichtig war. Sie senkt einfach nochmal die Hemmschwelle, an so einer Veranstaltung mitzumachen.

Welche Rolle spielt die Tatsache, dass Jugendbeteiligung alle zwei Jahre an einem Tag ein Event ist?
Ich glaube, dass das wichtig ist, auch wenn ich das Wort „Event“ nicht teilen würde. Die Veranstaltung braucht eine Atmosphäre, die von Respekt und Ernsthaftigkeit geprägt ist, aber man muss Jugendliche auch jugendgerecht ansprechen. Dafür braucht es aber meinem Verständnis nach keine Band, die noch zusätzlich spielt, oder ein Handy, das Sie verlosen. Beim letzten Forum hat die Moderation nicht mehr nur ein Profi übernommen, sondern wurde durch einen Jugendgemeinderat ergänzt. Allein dadurch entstand eine neue Ebene, die gut ankam.

Aber am Ende verlosen Sie dennoch Karten fürs Freibad und geben den Schülern schulfrei für den Tag.
Das steht aber nicht im Zentrum. Ich glaube nicht, dass die Jugendlichen nur wegen der Freibadkarten kommen. Die Motivation, lieber zu uns und nicht in die Schule zu gehen, mag aber da sein. Es ist einfach sehr wichtig, den Jugendlichen klar zu machen, dass sie an diesem Tag die unglaubliche Möglichkeit haben, mit den Leuten reden zu können, die dafür sorgen könnten, dass ihre Anliegen umgesetzt werden. Und ganz nebenbei bekommen sie mit, wie Kommunalpolitik funktioniert – das ist politische Bildung und Wissen, dass sie nicht nur in der Schule gut gebrauchen können.


„Ganz nebenbei bekommen Jugendliche mit,
wie Kommunalpolitik funktioniert: Das ist politische Bildung!“


Wäre es nicht sinnvoll, die Jugendlichen auch außerhalb des Forums anzusprechen?
Das versuchen wir auch. Allerdings stoßen wir da an Grenzen, auch was die Ressourcen hier in der Stadt angehen. Jedoch haben die Jugendlichen zum Beispiel auch über den Jugendgemeinderat jederzeit die Möglichkeit, an kommunalpolitischen Themen teilzuhaben.

Wenn Sie drei Wünsche hätten, um Jugendbeteiligung in Reutlingen noch besser aufzustellen, was würden Sie sich neben weiterem Personal wünschen?
Ich würde mir nicht unbedingt mehr Personal wünschen, sondern eher offene Kanäle, bei denen Informationen gut fließen können. Es wäre schön, wenn der Dialog zwischen uns und den Jugendlichen noch besser laufen würde. Vor allem aber würde ich mir wünschen, dass verschiedene Formen der Jugendbeteiligung auch zu einer Reutlinger Tradition werden, die sich zu einer Selbstverständlichkeit für alle Beteiligten entwickelt.

Auf einer Skala von 1 bis 10: Wo steht Reutlingen in Sachen guter Jugendbeteiligung?
Wenn 10 besonders gut ist, würde ich sagen, wir sind zwischen 8 und 9. Im Ernst: Wir sind auf einem guten Weg, aber sicher gibt es noch Dinge, die man anpassen, überdenken oder auch neu ausprobieren könnte.

Vielen Dank für das Gespräch!


Über Regina Schaller:

Regina Schaller hat in Tübingen Erziehungswissenschaft studiert, ist Diplom-Pädagogin und arbeitet bei der Stadt Reutlingen als Jugendreferentin mit Schwerpunkt Jugendgemeinderat/Jugendforum.

Lesen Sie auch: Jugendbeteiligung aus jugendlicher Sicht: Interview mit dem 19jährigen Pavlos Wacker.

Weiterführende Links:

Das Gespräch führte Redakteur Sascha Blättermann.

Bildnachweis: Privat
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