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Interview mit Martin Fuchs: "Hatespeech gab es schon immer!"

Der Politikberater und Blogger Martin Fuchs, bekannt als Hamburger Wahlbeobachter, über Vorteile digitaler Kommunikation von Kommunen, Angst vor Shitstorms und seine Aktion #Wahlplakatefromhell

Herr Fuchs, was macht eigentlich ein Politikberater?

Politikberater kann sich grundsätzlich erst einmal jeder nennen. Der Begriff ist nicht geschützt. Fokussiert auf den Bereich digitale Kommunikation berate ich Parlamente, Regierungen, Parteien und öffentliche Institutionen und erkläre ihnen, wie sie die Bürger mit ihren Themen auf digitalen Kanälen erreichen können, parteiübergreifend, in Deutschland, aber auch im Ausland.

Ab welcher Größe brauche ich Sie als Berater?

Das ist unterschiedlich. Ich habe in der Vergangenheit schon Städte ab 40.000 Einwohnern beraten, die eine digitale Kommunikationsstrategie haben wollten. Kleinere Städte haben oftmals noch nicht die Relevanz für eine professionelle Beratung gesehen.

Ab welcher Größe sollte eine Kommune überlegen, ins Netz zu gehen?

Das kann man so pauschal gar nicht sagen. Ich kenne aber zum Beispiel kleine Dörfer, die einen eigenen Blog, Facebook oder YouTube haben. Eine eigene Webseite gehört im Jahr 2016 sogar zum Standard auch für sehr kleine Verwaltungseinheiten.  

 

“Bei Bürgern ist inzwischen eine gewisse Erwartungshaltung entstanden, dass die eigene Kommune auch im Netz ansprechbar sein muss.” 

 

Warum brauchen Kommunen Sie als Berater?

Das Kommunikations- und Informationsverhalten der Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren drastisch geändert. Immer mehr Menschen sind in Deutschland online. Die sprechen dort aber nicht nur über Katzenvideos, sondern auch über politische Inhalte, gerade in den sozialen Netzwerken. Bei der letzten Bundestagswahl haben sich über 50 Prozent der unter Dreißigjährigen über soziale Medien informiert, in der Zielgruppe aller Onliner war es ein Drittel. Das wird in den nächsten Jahren weiter wachsen. Bei Bürgern ist inzwischen eine gewisse Erwartungshaltung entstanden, dass die eigene Kommune auch im Netz ansprechbar sein muss. Sie wollen einen Termin mit dem Amt online ausmachen, sich Formulare per PDF herunterladen oder zu aktuellen Themen informiert werden. Wenn Kommunen also ihre Bürger erreichen wollen, sollten sie sich vernetzen und im Netz Informationen bereitstellen. Durch das Netz können Verwaltungen die eigene Politik dem Bürger schmackhaft und transparent machen.

Was ist der Mehrwert des Internets für die Kommune? Ist es vor allem die Bereitstellung von Informationen?

Informationen bereitzustellen, kann der erste Schritt sein. Viel spannender ist es, das Netz für Feedback zu nutzen, weil dann eine Kommune etwas darüber erfährt, wie die Gesellschaft tickt und was in der eigenen Kommune vorgeht. Viele Leute kommen gar nicht mehr zum Stammtisch oder besuchen das Rathaus. Durch die sozialen Medien bekommen Sie aber einen Eindruck davon, wie und über was die Menschen gerade in der Stadt reden.

Ich kann als Bürgermeister auf Facebook erkennen, wo bei meinen Bürgern der Schuh drückt?

Das muss gar nicht nur auf Facebook sein, es kann auch Twitter oder Xing oder anderswo sein. Ich kann mit Monitoring-Tools die Stimmungslage gut erkunden, zum Beispiel Google Alerts oder Google Trends. Sie können auch bestimmte Hashtags in sozialen Netzwerken untersuchen oder nach bestimmten Themen suchen und diese lokal eingrenzen oder eigene Umfragen auf Facebook starten.

Aber ich weiß doch gar nicht, ob die Leute, die beispielsweise bei Facebook, tatsächlich aus meiner Kommune kommen. Und was ist mit den Menschen, die nicht bei Facebook sind?

Schauen Sie sich Boris Palmer an, den Oberbürgermeister von Tübingen. Er setzt sehr aktiv auf soziale Netzwerke. Aber er geht auch aufmerksam durch seine Stadt, bemerkt Dinge, sieht Diskussionsbedarf und bringt sich sehr stark in die Community ein - und genau deswegen weiß er auch, wer sich in den Diskussionen einbringt. Wenn man sich längere Zeit in einer Community bewegt, kennt man die Leute. Dieses Meinungsbild ist sehr viel wertvoller, als wenn man eine deutschlandweite Umfrage herunterrechnet auf seine Kommune. Sie können aber heute auch zum Beispiel bei Faceboook jeden einzelnen Beitrag auswerten und anhand der statistischen Daten anschauen, von wem der Beitrag real gesehen wurde, also auch woher die Nutzer kamen, die den Beitrag wahrgenommen haben.

 

“Viele Leute kommen gar nicht mehr zum Stammtisch oder besuchen das Rathaus. Durch die sozialen Medien bekommen Sie aber einen Eindruck davon, wie und über was die Menschen gerade in der Stadt reden.”

 

Das Netz löst den Ort auf, an dem eigentlich Politik gemacht wird. Ist das nicht gerade auf kommunaler Ebene ein Problem?

Sie bauen gerade einen Gegensatz von analog und online auf, aber eigentlich sollte man das integriert betrachten. Wenn ich mich mit einem Thema beschäftigen möchte, sollte ich das online und offline tun über alle Kanäle, die ich habe. Nicht alle Bürger können um 18 Uhr bei der Bürgerversammlung vor Ort sein, weil sie vielleicht Kinder haben, gehbehindert sind, noch arbeiten müssen oder unterwegs sind. Diese Bürger erreichen Sie aber online, weil das Netz nicht zeitlich oder örtlich gebunden ist.

Das Basispaket für Bürgermeister ist also die eigene Homepage und die eigene Seite bei Facebook?

Über die eigene Homepage können Bürgermeister am besten Informationen bereitstellen und in eine thematische Struktur stellen. Ob Facebook die richtige Plattform ist, hängt von der Strategie ab. Wenn eine Kommune mit 50.000 Einwohnern bei Facebook ein Profil erstellt, glaubt sie oft, dass alle 50.000 Einwohner auch ihre Zielgruppe sind. Das ist aber falsch: Nicht alle Einwohner sind politisch und von denen haben auch nicht alle Interesse, über die Kommune zu diskutieren. Ich muss also schauen, welche Leute ich eigentlich erreichen will – und dann entscheiden, auf welcher Social-Media-Plattform ich meine Zielgruppen am effektivsten erreiche. Das muss nicht zwingend Facebook sein.

Wie weit darf ich mich als Bürgermeister im Netz selbst darstellen?

Die Eigendarstellung gehört dazu. Diskussionen in sozialen Netzwerken leben davon, dass man auch mal seine eigene Meinung und seine Position einbringt. Schauen Sie sich wieder Boris Palmer an: Während ganz Deutschland über die Abschaffung des Bargelds diskutiert, fragt Palmer über die sozialen Netzwerke, ob man in Tübingen noch Bargeld benötigt und stellt ein Foto dazu mit Bargeld, dass er gerade in seiner Hosentasche hat. Grundsätzlich sollte man sich als Person darstellen, die Politik macht, es zwingt Sie aber keiner, privat zu werden. Dennoch sollten Sie zeigen, dass man auch noch andere Interessen hat und ein normaler Mensch ist.

Auf der anderen Seite gehört der Shitstorm auch dazu, wenn es um Kommunikation und Eigendarstellung im Netz geht. Wie kommuniziere ich unliebsame Dinge im Netz?

Shitstorms sind vor allem ein Medienthema. Die allerwenigsten Politiker und Unternehmen hatten bisher einen richtigen Shitstorm. Ich sehe aber auch, dass über achtzig Prozent der Politiker keine Netiquette formuliert haben, in der klar definiert ist, wie man diskutieren sollte, was geht und was nicht geht und wie man reagieren wird, wenn jemand diese Grenzen überschreitet. Dann können Sie die Leute blockieren oder anzeigen. Aber: Jeder, der in die Politik geht, macht das, weil er das Land verändern möchte, weil er seine Stadt besser machen möchte. Sicher wird es immer Leute geben, die die eigenen Ideen nicht gut finden. Hatespeech gibt es immer. Aber die große Chance des Netzes ist es eben, dass es die verschiedenen Meinungen transparent macht. Am Stammtisch hat die Politik das so bisher lediglich nicht mitbekommen. Hatespeech war immer da! Durch das Netz kann man viel genauer schauen, was die Bürger denken und wie sie reden.

 

“Shitstorms sind vor allem ein Medienthema. Die allerwenigsten Politiker und Unternehmen hatten bisher einen richtigen Shitstorm.”

 

Eines ihrer erfolgreichen Blogformate sind die #Wahlplakatefromhell. Warum brauche ich in Zeiten der sozialen Medien noch ein Wahlplakat aus Pappe an der Straße?

Das Wahlplakat ist immer noch das zentrale Werbeinstrument aller Parteien und wird es auch noch in 15 Jahren sein. Plakate hängen sechs Wochen vor der Wahl in der Stadt, sie sind sichtbar und zeigen jedem Bürger, dass jetzt Wahlen stattfinden. Diese Funktion ist nicht unwichtig. Zudem würden Parteien einen Nachteil bekommen, wenn sie anfangen würden, als einzige auf Plakate zu verzichten. Das nennt man Plakatierungsdilemma.

Wahlplakate haben aber keinen Inhalt mehr.

Das war schon immer die große Kritik an Wahlplakaten. Es ist sehr schwierig, große und komplexe Themen auf ein Wahlplakat herunterzubrechen. Ein Wahlplakat kann auch nicht das komplette Programm einer Partei wiedergeben.

Wird denn eine Partei tatsächlich stärker wahrgenommen, wenn sie „Mehr Bildung!“ auf ein Wahlplakat schreibt?

Das ist auch eine Kritik, die ich an Wahlplakaten habe. Sie müssen schon etwas konkreter sagen, was Sie machen wollen – zum Beispiel, 5000 neue Lehrerstellen zu schaffen – und mit ihrem Plakat rüberbringen, was bessere Bildung eigentlich für sie bedeutet.

Wählen wir denn Politiker überhaupt für ihre öffentliche Darstellung oder wegen eines Wahlplakats?

Man kann auch fragen: Kennt ihr eigentlich euren Abgeordneten in eurem Wahlkreis? Wisst ihr, was der in den letzten Jahren gemacht hat? Als Spitzenpolitiker sind sie ständig in den Medien, aber als Kommunalpolitiker haben sie einen kleinen Kreis von Fans, Freunden und Familie, der sie und ihre Politik kennt. Da muss man schauen, dass man als Politiker auch in den fünf Jahren zwischen den Wahlen mit seinem Thema bei den Wählern bekannt wird. Alle fünf Jahre seine Plakate aufzuhängen, bedeutet also noch lange nicht, dass man gute Arbeit gemacht hat.

Man könnte ja sagen: Es werden ja nicht nur Wahlplakate immer inhaltsloser, sondern auch die Reden der Politiker selbst.

Diese Kritik gibt es, seit es Politiker gibt und ich bin kein Fan von pauschalem Politikerbashing. Es mag Politiker geben, die nur inhaltslos reden. Aber es gibt eben jenen Politiker, der lieber Akten liest und es gibt den Politiker, der das Rampenlicht sucht.

Nun war in Berlin gerade Landtagswahl. Welches Plakat war ihr Lieblingsplakat?

Es gab sehr viele schöne Plakate. Ich kann da kein Plakat herausgreifen. Innovativ fand ich aber die Piraten Friedrichshain-Kreuzberg, die mit LED-Plakaten geworben haben, die nachts leuchteten.

Herr Fuchs, vielen Dank für das Gespräch.

 

Weiterführende Links:

Das Gespräch führte Redakteur Sascha Blättermann.

Bildnachweis: Privat
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03. Juli 2018: Das Berlin-Institut für Partizipation hat ein Interview mit dem Vorstand der Tübinger Integrata-Stiftung, in dem dieser Polit@ktiv vorstellt. Den Beitrag finden Sie in unserer Presseschau.

11. Juni 2018: Vor dem DEMO-Kommunalkongress veröffentlicht das Kommunalfachblatt DEMO einen Fachartikel von Michael Mörike über die Bürgerbeteiligung der Zukunft. Den Beitrag finden Sie in unserer aktualisierten Presseschau.

04. Juni 2018: Wie können Beteiligungsprozesse noch mehr Bürger erreichen? Ideen im Blog-Gastbeitrag von Julian Merkel.

30. Mai 2018: Tipp: Besuchen Sie uns beim 13. Demo-Kom­munal­kon­gress am 22. Juni 2018 in Berlin und diskutieren Sie mit uns auf dem Podium.

28. Mai 2018: Die Entscheidung in Metzingen ist gefallen - und wir haben den gesamten Prozess in Bild und Ton dokumentiert.

06.05.18, Neu im Blog: Wir gehen gemeinsam mit Experten und Beteiligten der Frage nach, wie Bürgerbeteiliung 2030 aussehen wird.