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Die Zukunft der Jugendbeteiligung? Masse und Qualität!

Ein paar wenige Jugendliche zu beteiligen reicht nicht mehr aus. Wir müssen endlich über alle reden. Ein Debattenbeitrag von Erik Flügge. Teil 6 unserer Serie über Jugendbeteiligung.

Von Erik Flügge

Manchmal sagt man einer Veranstaltung zu und weiß noch nicht, auf was man sich einlässt. So ging es mir diesen Herbst. Der Kreisjugendring Rems-Murr fragte mich an, ob ich kurzfristig ein Jugendhearing im Bildungszentrum Weissacher Tal moderieren könnte. Ich sagte zu.

Ein paar Tage danach fanden die Auftraggeberin und ich die Zeit, miteinander zu telefonieren. Da erfuhr ich, für was ich eigentlich spontan zugesagt hatte: Alle Schüler eines ganzen Schulzentrums mit einer Haupt-, einer Realschule und einem Gymnasium. Alle Schüler ab der 8. Klasse, auch die, die von Beteiligung gar nichts wissen wollen. Das sind insgesamt 700 Schüler in einer großen Halle, der ich als einziger Moderator gegenüberstehe. Start: 9.00 Uhr. Und Mittags: Bürgermeister. Gemeinderäte. Schulleitung. Lehrer. Alle wollen sich das Ergebnis anschauen.

WHAT THE FUCK!
 

„Kann es sich eine Demokratie leisten, nicht jeden Einzelnen zu Wort kommen zu lassen?“

 

Jugendbeteiligung ist in der Breite der Republik organisiert über kleine Gruppen. Ein paar Jugendliche in einem Jugendgemeinderat hier, ein kleines Videoprojekt dort, ein Stadtschülerrat, in der einen Stadt und ein kleines Jugendforum in der anderen. Immer erreichen wir damit nur einen kleinen Ausschnitt der Jugend. Mal ist der Ausschnitt dramatisch klein, mal ist er akzeptabel groß. Aber zu selten stellen wir uns die Frage, wie alle jungen Menschen in unserer Demokratie die Erfahrung machen können, dass Politik ihnen zuhört. Zu selten sprechen wir darüber, dass keine Demokratie es sich leisten kann, nicht jedem einzelnen jungen Menschen eine positive Beteiligungserfahrung zu Teil werden zu lassen.

Seit ein paar Jahren habe ich den Fokus meiner Beteiligungsprojekte deswegen erweitert. Wenn ich mit Städten und Gemeinden Beteiligung plane, dann rede ich mit ihnen zuerst über Masse. Zum Beispiel gerade in Balingen, wo 600 Jugendliche aller Schularten (inkl. der Förderschule) an der Planung eines Jugendhauses beteiligt werden - nicht virtuell, sondern integriert in ein europaweites Ausschreibungs- und Baubeauftragungsverfahren und unter Einsatz von Workshops und WhatsApp, mit konkreten Plänen, Rückmeldungen und einer Baufachjury. Oder zum Beispiel in Heidelberg, wo alle Grundschüler an der Planung einer Parkanlage auf einer ehemaligen Kasernenfläche beteiligt werden.

Was als Anspruch so leicht klingt, ist in der Praxis aber alles andere als anspruchslos. Wenn wir ernsthaft die Masse der Jugendlichen erreichen wollen, dann müssen sich unsere Verfahren an die Realität anpassen. Wir müssen Moderations- und Organisationsaufwände senken, ohne Beteiligungsqualität zu verlieren. Alle Jugendliche zu beteiligen erfordert von uns als Organisatorinnen und Organisatoren der Jugendbeteiligung, dass wir uns mit formalen Verfahren auseinandersetzen. Wir müssen verstehen, wie genau eine Baubeauftragung läuft, um das Prozessdesign richtig aufzusetzen.
 

„Wir müssen unsere Verfahren der Realität anpassen“
 

Zurück zum Weissacher Tal: Weil die Kolleginnen vom Kreisjugendring Rems-Murr vor der Beteiligung von 700 Schülern in einer Halle auch nervös waren, wollte ich nicht noch Öl ins Feuer gießen. Ich erklärte, das ginge alles locker. Ich sagte, das sei kein Problem, so was bekommen wir hin. Mir selbst war wochenlang schlecht. 700 Teenies, von denen die meisten wohl keinen Bock auf Beteiligung mitbringen und über allem schwebt das Damoklesschwert, dass wir Mittags Ergebnisse vorweisen müssen, wenn die Politik kommt? Wie soll das gehen?

Dann kam der Tag: Am 23. November 2017 standen tatsächlich 700 Schüler vor mir. Wir haben dann Gruppen gebildet, schulartübergreifend, und schufen eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre im Raum. 700 Jugendliche formulierten ihre eigenen Thesen passend zu den Kompetenzen der Kommune. Sie gestalteten bunte Plakate mit ihren Wünschen, diskutieren diese direkt mit ihren Bürgermeistern, rangen ihnen feste Zusagen ab und haben sich sogar W-LAN für alle Schülerinnen und Schüler im Schulzentrum erkämpft. In der Abschlussrunde hörte eine ganze Schule leise zu, was die Erwachsenen an Rückmeldung zu geben hatten.

Gleich im Anschluss gab es eine Fachrunde mit allen Erwachsenen und den Jugendlichen. Das Thema: Was tun wir, damit wir die 700 Jugendliche nicht vor eine Wand laufen lassen? Wie gelingt die Rückkommunikation? Wie bekommen wir die Anliegen der Jugendlichen schnell genug gelöst? Dafür braucht es klare Aufgabenverteilungen und eine Klärung der entsprechenden Ressourcen.

 

„Jugendbeteiligung muss einen anderen Charakter haben als Schule“
 

Das Beispiel zeigt: Es geht uns um alle. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich die Zukunft der Jugendbeteiligung genau darum dreht: Alle. Der Gewinn in der Masse ist, dass wir Jugendliche erreichen, die von sich selber noch nicht wussten, dass sie sich einbringen wollten. Statt weiterhin nur offen einzuladen, sollten wir anfangen, wirklich alle Jugendlichen zusammen zu bringen. Auf zentralen Veranstaltungen, zu denen Jugendliche geschickt werden. Das, was sie dann dort erleben, muss nur einen anderen Charakter haben als die Schule.

Ich habe übrigens diese Veranstaltung damit begonnen, den Jugendlichen zu verraten, dass mir ihre Ergebnisse egal sind. Sie müssen heute nichts für mich erreichen, sondern für sich. Und alle haben die Chance ergriffen. 

 

Bisher erschienen:

Bildnachweis: David Sievers, Franziska Molina
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