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„Stuttgart in 20 Jahren? Ein Silicon Valley in grün!“

Jan Lutz vom Reallabor für nachhaltige Mobilitätskultur über seine Vision vom autofreien Stuttgart, das Fahrrad als Mobilitätsform und warum vielleicht bald Kühe im Parkhaus stehen. Auftakt der Debattenserie #StadtderZukunft.

Herr Lutz, wie bezeichne ich Sie am Besten?
Ich finde, dass der Begriff Change Agent das, was ich mache, am Besten umschreibt: ein 007 für den Wandel.

Sie sind zum Beispiel Teil des Reallabors für nachhaltige Mobilitätskultur in Stuttgart - ein Verbund vielfältigster Projekte in und aus Stuttgart. Was verstehen Sie unter nachhaltiger Mobilitätskultur?
Seit 2009 suche ich nach Ideen, die Stadt besser zu machen. Das Institut für Landschaftsplanung und Ökologie der Universität Stuttgart kam vor drei Jahren auf mich zu, als es selbst nach Projekten suchte, welche die Stadt verbessern können. Heute ist mir beim Wort Mobilitätskultur der Zusatz Kultur sehr wichtig: Ich spreche zum Beispiel in meinen Projekten hauptsächlich über den Radverkehr in der Stadt und da haben wir vor allem ein Mentalitätsproblem. Wir brauchen eine Kultur, die über nachhaltige Mobilität nachdenkt und auch die Bereitschaft, das eigene Nutzerverhalten entsprechend anzupassen. Da werden wir in den nächsten Jahren noch gewaltige Schritte gehen müssen. Ich weine jeden Tag, wenn ich mit dem Fahrrad durch die Stadt fahre.

Wie beschreiben Sie die Kultur der Mobilität heute?
Ein wichtiger Baustein für die Mobilitätswende ist und bleibt das Fahrrad. Mit dem Fahrrad wird vor allem die Nahmobilität bewältigt, also Wege, die sich in einem Radius von ca. 5km befinden. Die Nahmobilität macht die Hälfte unseres Verkehrsaufkommens aus. Viele Strecken davon kann man sogar auch zu Fuß gehen. Im Jahr 2010 haben wir begonnen die Critical Mass aufzubauen, eine monatliche Radausfahrt, die nicht mit dem Schild auf der Straße protestieren wollte, sondern das Radfahren vorleben und feiern sollte. Seitdem hat sich da einiges getan: Wir haben heute zum Beispiel Radrennen und wir haben gut aussehende Menschen, die einen gewissen Lifestyle ausstrahlen und inzwischen ist ein Forum entstanden, in dem sich Radfahrer wohlfühlen, sich engagieren, einen Fahrradclub gründen, ein Lastenrad anschaffen oder sich für die Sicherheit beim Radfahren einsetzen.

 

„Wir brauchen eine Kultur, die über nachhaltige Mobilität nachdenkt
und Bereitschaft, das eigene Nutzerverhalten anzupassen.“

 

Als Autofahrer bemerke ich die Critical Mass allerdings meistens dann, wenn die Radfahrer im Verband den Autoverkehr aufhalten.
Nochmal: Das Fahrrad ist Teil des Verkehrs. Die Frage ist, wer im Verkehr tatsächlich bestimmt und über andere Gruppen entscheidet. Würden dann nicht auch Busse, Blinde oder ein Hagelschauer den Verkehr behindern? Das Argument greift einfach zu kurz.

Laut der Straßenverkehrsordnung gibt es ganz klare Regeln.
Sicher gibt es Gesetze, aber es gibt eben auch Menschen, die sich für eine Verbesserung des Bestehenden einsetzen. Nichts ist in Stein gemeißelt und Veränderung ist wichtig für eine lebendige Demokratie.

Welche Kultur wünschen Sie sich in Bezug auf das Fahrrad?
Das Thema Automobilität ist nicht nur vom Auto an sich her dreckig, sondern auch soziologisch. Hermann Knoflacher spricht vom Virus Auto: Autofahrer seien Junkies, die sich ohne Anstrengung fortbewegen und wie bei Drogen auch im selben Hirnbereich angetriggert werden. Ich glaube, das Produkt Auto ist nicht neutral: Denken Sie an Ölkriege, Ressourcenkriege oder auch Feinstaub. Das Auto verändert den Menschen und das ist das Potential, an dem wir noch etwas erreichen können. Sehen Sie: Wir sind hochmobil und das sollten wir auch bleiben, aber wir müssen ressourceneffizienter werden.

Wie kann eine Kommune denn sicherstellen, dass Mobilität in der Stadt zukunftsfähig bleibt?
Da gibt es verschiedene Spieler. Die Politik ist nur einer davon und sie ist leider viel zu ängstlich. Die Verhältnismäßigkeit stimmt nicht mehr. Es fehlen einfach bestimmte gesunde Rahmenbedingungen. Ich sehe das Thema Mobilität vor allem im Bereich des Wohnens. Wohnraum wird immer knapper und immer teurer - das Stichwort heißt Gentrifizierung - und zusätzlich verknappen Parkplätze den teuren Stadtraum, den das Wohnen eigentlich braucht. Stattdessen leisten wir uns hunderttausende Pendler jeden Tag. Der Pendler ist einer der kleinen Stellschrauben, die nachhaltiger werden muss.

 

„Vor fünf Jahren war die Frage noch verrückt,
ob es die Automobilindustrie in naher Zukunft noch geben wird - heute darf man sie stellen.“

 

Wie würden Sie die Mobilitätskultur in Stuttgart beschreiben?
In Stuttgart hat sich in den letzten Jahren einiges getan, aber durch die Haltung als konservativer Automobilstandort sind wir europäisch gesehen auf keinem grünen Zweig. Vor fünf Jahren war die Frage noch verrückt, ob es die Automobilindustrie in naher Zukunft noch geben wird - heute darf man sie stellen.

Was fehlt Ihnen konkret in Stuttgart?
Mir fehlt eine Strategie seitens der Stadt und der Wille beispielsweise beim Radverkehr etwas zu verändern. Das fängt an bei der Frage, wie ich es schaffe, die Bevölkerung mitzunehmen. Meine Idee wäre es, den Stadtraum wieder zur Verfügung zu stellen. Herr Zetsche könnte zum Beispiel die autofreie Stadt Stuttgart ausrufen und dadurch den Raum bekommen, autonomes Fahren zu testen oder andere Mobilitätsformen auszuprobieren. Wir müssen wieder spielen und kreativ werden. Und nochmal: Die Hälfte unseres Verkehrsaufkommens besteht aus Strecken, die unter 5km lang sind. Dafür braucht man das Auto nicht.

Aber allein schon Teile Stuttgarts autofrei zu gestalten, würde praktisch nicht funktionieren.
Durch den privaten PKW-Verkehr ist der Raum wie durch eine klebrige Masse zugekleistert und der Anblick von Blechlawinen Alltag. Unsere Wahrnehmung kann den Ist-Zustand gar nicht verändern. Ich glaube stattdessen, dass genau die Räume da wären und es auch ein Teil des Prozesses ist, entsprechende Mobilitätsformen zu finden, wie der Pendler ohne seinen PKW in die Stadt kommt.

 

„Herr Zetsche könnte die autofreie Stadt Stuttgart ausrufen
und dadurch Raum bekommen, autonomes Fahren zu testen.“

 

Nun werden wir Stuttgart nicht morgen autofrei bekommen. Was müssen wir denn jetzt tun, um zum Beispiel die Feinstaubwerte zu senken?
Naja, es geht ja nicht nur um das Auto, sondern auch um das Konsumverhalten. Schauen Sie sich die Containerschiffe an, die mit Schweröl angetrieben auf den Meeren herumschippern und Sinnbild dafür sind, dass wir bei all unserem Konsum die Dosis ganz vergessen haben. Es ist ja kein Problem, das Auto mal zu nutzen, sondern, es immer zu nutzen. Mobilität, Wohnen, Konsum – alles muss hinterfragt werden, denn die Dosis macht das Gift.

Die hohe Feinstaubbelastung begründet sich aber auch an heizenden Kaminen und nicht nur Pendlern, die in die Stadt fahren.
Was die Pendler angeht: Vielleicht sind Elektromotoren ein erster Schritt oder auch die Möglichkeit, Autos mit Autogas auszustatten. Für den Diesel gibt es den Twintech-Katalysator. Aber all diese Brückentechnologien nehmen wir nicht in Angriff, weil wir im Denken in den Siebziger Jahren hängengeblieben sind. Das liegt auch an der Stadtplanung: Eine Stadt, die autogerecht plant, bekommt eben auch autogerechte Bürger. Andere Städte wie Kopenhagen haben zum Beispiel angefangen jährlich Parkplätze abzuschaffen. Das würde die Sache in Stuttgart umso besser machen, weil das Raum für Innovation bringt und nicht zuletzt haben wir in Stuttgart die ganze Zulieferindustrie mit ihrem Hightech ja da. Und wie gesagt: Wohnen ist ein wichtiger Schlüssel für die Ökologie von Mobilität. Ölbeheizte Einfamilienhäuser mit Satteldach gepaart mit Zersiedelung werden da sicher nicht die Lösung sein.

Am Ende brauchen die Geschäfte in der Königsstraße dennoch ihre Ware.
Heute kannibalisiert der Onlinehandel den Einzelhandel. Vielleicht brauchen wir ja keinen Einzelhandel mehr, weil wir irgendwann alles online kaufen? Und Onlinehandel kann sogar ökologisch und nachhaltig sein. Sicher kann ich manche Dinge nur schlecht online kaufen, aber möglicherweise gibt es ja ein paar Straßen weiter eine Manufaktur, die genau das produziert, was ich suche. Das stärkt dann wiederum den lokal gewachsenen Einzelhandel. Wettbewerb und Nachfrage gab es immer, da müssen wir uns von Schwarz-Weiß-Denken verabschieden.

 

„Vielleicht brauchen wir in der Stadt keinen Einzelhandel mehr,
weil wir irgendwann alles online kaufen?“

 

Ist es nicht zu einfach, immer nur auf Stuttgart zu zeigen?
Es ist vor allem eine große Chance. Weil wir die Räume nicht haben, weil wir im Kessel liegen, weil wir durch die Topographie nie Fahrradstadt werden können, haben wir noch viel mehr als andere Städte die Notwendigkeit, entsprechende Prozesse voranzutreiben. Wir müssen eine Strategie entwickeln und da dann natürlich auch die Frage stellen, wer wann und mit welchem Verkehrsmittel fahren soll - oder auch nicht. Aber das ist nicht nur Aufgabe der Stadt, sondern auch der Autoindustrie und der Zivilgesellschaft.

Wer soll denn diesen Dialog anleiten?
Ich glaube, dass da alle Seiten gleichberechtigt gefragt sind. Ich bin zum Beispiel ein großer Fan von Liquid Democracy. Da haben Sie permanent eine Stimme, aber wollen halt nur zu bestimmten Themen abstimmen, bei denen Sie Interesse und Wissen haben und ich wiederum kann Menschen auswählen, weil ich weiß, wer Experte für welches Thema in meinem Umfeld ist. Die Automobilindustrie hat jetzt die größte Motivation, Prozesse für eine nachhaltige Mobilitätskultur anzuführen, auch weil sie Vertrauen zurückgewinnen muss.

Wie realistisch ist die autofreie Stadt am Ende?
Ich glaube, dass die autofreie Stadt auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Ganz im Gegenteil wird der Prozess sicher neue Ideen aufbringen zum Beispiel beim ÖPNV. In Stuttgart muss dort dringend nachgebessert werden. Die momentane Infrastruktur schafft gerade einmal einen Zuwachs von zehn Prozent bei den Fahrgästen. Durch die vielen Baustellen hat das Bahnhofsprojekt in Stuttgart dieses Defizit ans Licht gebracht und die Stadt dadurch leider noch weiter in die Vergangenheit zurückgeworfen.

 

„In Stuttgart fehlt ein klares Bekenntnis der Stadt für grüne Lösungen.“

 

Wo stehen wir in Stuttgart denn in zwanzig Jahren?
Ich würde mir ein Silicon Valley in Grün wünschen, ein Ort, an dem wir grüne Lösungen für die Welt erforschen und exportieren. Als ich damals anfing, mich mit diesen Fragen zu beschäftigen, habe ich gesehen, dass es einen echten Bedarf gibt für solche Lösungen. Aber uns fehlt da noch die entsprechende Start-Up-Kultur und die Denkweise, die es in anderen Metropolen schon gibt.

Heute gibt es in Stuttgart viele Initiativen, die genau nach diesen Lösungen suchen.
Das stimmt. Ich habe auch einige Projekte in diesem Bereich voran gebracht. Sie werden in Stuttgart nur kaum angenommen, obwohl der Markt da ist und das Bedürfnis auch. Es fehlt die institutionelle Hilfe. Da geht es nicht nur um finanzielle Fragen, sondern auch um ein klares Bekenntnis der Stadt. Ich sehe das zum Beispiel an meinem Citizen-Science-Projekt luftdaten.info: Ein Selbstbausatz, um die Feinstaubbelastung zu messen. Dieses Projekt eskaliert gerade weltweit, aber in Stuttgart wird es ignoriert.

Kann man das Stuttgart der Zukunft heute schon sehen?
Das ist eine gute Frage. Ich sehe gerade die Diskussion um die Nutzung der Parkhäuser und kenne die Ebene 0, auf der in Stuttgart Landwirtschaft betrieben wird, weil es auf dem Parkhausdach Urban Gardening Flächen gibt. Vielleicht stehen bald Kühe im Parkhaus, weil die Flächen umgenutzt werden. Ideen wie Urban Gardening oder Vertical Farming sind auch nicht neu, man muss sie nur anwenden. Wo man das Stuttgart der Zukunft sicher nicht sehen kann, zeigt der Bahnhof, weil Tunnelröhren als hoch unflexible Infrastruktur sich nicht für die Herausforderungen der Zukunft anpassen lassen.

Herr Lutz, vielen Dank für das Gespräch.

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Das Gespräch führte Redakteur Sascha Blättermann.

Bildnachweis:Privat
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