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„Geduld ist essentiell": Erfahrungen aus einer internationalen Mediation

Unser Mitarbeiter Torge Ziemer beobachtete ein Wochenende lang ein diplomatisches Tauziehen über die Situation in der Arktis. Das sind seine Erfahrungen nach dem Verhandlungsmarathon - und seine Erkenntnisse über Mediation in der ganz großen Politik.

Von Torge Ziemer

Anfang Juli haben 26 Tübinger Masterstudierende der Politikwissenschaft ein besonderes Experiment gewagt: Drei Tage lang wurden unter Realbedingungen Verhandlungen zu einem internationalen Konflikt simuliert. Anlass zu diesem ungewöhnlichen Projekt war ein Seminar zu internationalem Konfliktmanagement und Mediation am Institut für Politikwissenschaft der Universität Tübingen. Kern des Seminars war es, in die besonderen Umstände, Handlungsregeln und Verfahrensweisen internationaler Konfliktverhandlungen einzutauchen und verschiedenste Theorieansätze, Konzepte und Methoden zur erfolgreichen Beendigung internationaler Gewaltkonflikte durch Mediationsprozesse kennenzulernen.

Simulationen und Planspiele als didaktische Verfahren im Rahmen eines politikwissenschaftlichen Studiums sind in Tübingen kein allzu neues Phänomen. So nimmt schon seit 1997 jedes Jahr eine Delegation aus Tübingen an der „National Model United Nations“ (NMUN), der weltweit größten Simulation von Verhandlungen im Rahmen der Vereinten Nationen in New York, teil.

 

Offizielle Kleiderordnung, Diplomatensprache, Rückzugsräume:
Eine Simulation ganz nah an der Wirklichkeit

 

Im Rahmen einer solchen Situation begibt man sich in die Rolle eines Diplomaten, um sich mit komplexen politischen Zusammenhängen auseinanderzusetzen, unterschiedlichste Verhandlungstaktiken und Konfliktlösungsmechanismen kennenzulernen und anzuwenden, aber auch auf andere Teilnehmer einzugehen, Verständnis für ihre Positionen zu entwickeln und letztendlich eine für alle Seiten vorteilhafte Lösung herauszuarbeiten. All dies soll möglichst unter Realbedingungen ablaufen: Mit einer offiziellen Kleiderordnung (Anzug & Krawatte oder Kostüm), einer in Diplomatenkreisen übliche Anrede und einem geeigneten Veranstaltungsort mit einem offiziellen Plenum und ausreichend Rückzugsmöglichkeiten für informelle Gespräche. Jeder der Teilnehmenden übernimmt eine bestimmte Rolle, zum Beispiel den Außenminister des Landes X oder die Vertreterin der NGO Y. Dabei ist es von hoher Relevanz für den Erfolg der Simulation, dass sich die Teilnehmer tief in die vorgegebene Rolle hineinversetzen, ihre persönlichen Meinungen, Emotionen und Charakterzüge zurückstellen und so realistisch wie möglich im Sinne ihrer Rolle und der von ihr vertretenen Interessen agieren und verhandeln.

 

Seewegerechte, Klimaschutz, Streit um Ressourcen - große Themen in nur drei Tagen Verhandlung

 

Im Vorfeld der Simulation war es Aufgabe einer vielköpfigen Vorbereitungsgruppe, einen passenden Konfliktfall sowie die dazu passenden Rollen auszuwählen. Dabei fiel die Wahl auf den in Medien und Öffentlichkeit eher wenig präsenten, aber aufgrund des voranschreitenden Klimawandels für die Zukunft umso bedeutsameren Konflikts um die Arktis.

Hintergrund dessen sind einerseits der unter dem Eis des Nordpolarmeers vermutete gewaltige Ressourcenreichtum (insbesondere Öl und Gas), daraus wiederum resultierend der Streit um Gebietsansprüche von Anrainerstaaten (unter anderem Dänemark, Kanada, den USA, Russland und Norwegen), aber auch Fragen nach Seewegerechten, Schutz des Klimas, Wahrung der Rechte der indigenen Bewohner oder die wachsende Militärpräsenz vieler Staaten in der Region. Eine Menge Themen für eine dreitägige Agenda.

Insgesamt wurden 22 Rollen an die Teilnehmer vergeben. Neben zahlreichen Ministern der wichtigsten Anrainerstaaten sowie einigen Vertretern der indigenen Bevölkerung nahmen an den Verhandlungen auch Vertreter von NGOs wie Greenpeace und nicht zuletzt drei Mediatoren, unter anderem der amtierende UN-Generalsekretär António Guterres, teil. Die Aufgabe der Mediatoren was es, die Agenda für die Verhandlungstage aufzustellen, die Aushandlungsprozesse zu moderieren und zwischen den mal mehr oder mal weniger gut aufeinander zu sprechenden Konfliktparteien zu vermitteln.

 

Das größte Problem bei der Simulation: Immer 100 Prozent in seiner Rolle zu bleiben.

 

Drei Tage, von frühmorgens bis spät abends, wurde von 22 Diplomaten in unterschiedlichen Arbeitsgruppen um die großen und kleinen Fragen im Arktiskonflikt gerungen, oft bis ins kleinste Detail – unter schwindender Konzentration und wachsender Müdigkeit. Jede noch so kleine Pause wurde von den Verhandlungspartnern genutzt, um in informellen Kreisen Meinungen auszutauschen, Angebote zu machen oder einzuholen sowie mit Gleichgesinnten eine Strategie festzulegen.

Dennoch zeigte sich schnell, wie schwierig es bei so zahlreichen und unterschiedlichen Interessenlagen in einem überaus komplexen Themenfeld ist, einen Konsens zu entwickeln, mit dem alle Parteien wenigstens annähernd zufrieden sind. In den oft mehrere Stunden dauernden Sitzungen der Arbeitsgruppen wurde meist um Detailfragen gestritten, die ein enormes Fachwissen erforderten – in der Realität der Diplomaten mit ihren Mitarbeiterstäben ein geringeres Problem als für unsere 22 Studierenden. Unter solchen Bedingungen war es fast unmöglich, die gesamte Dauer der Simulation zu 100 Prozent in den Rollen zu bleiben und nicht doch allzu schnell die Position des eigenen Rollencharakters aufzugeben und vorschnelle Zugeständnisse zu machen.

Schließlich waren es vor allem die Müdigkeit und die Deadlines der Mediatoren, die die Verhandlungspartner zu einer zähen Einigung bewegten. Trotzdem wurde bis zuletzt um jede Formulierung in dem zu erarbeitenden Abschlussdokument gekämpft. Mitunter blieben dabei Emotionsausbrüche nicht aus. Spannend zu sehen war vor allem, wie sich je nach Zusammensetzung der Arbeitsgruppen unterschiedliche Konfliktdynamiken zwischen den Akteuren entwickelten. So waren sich die russischen und US-amerikanischen Minister untereinander eher einig als mit den indigenen Vertretern aus ihren eigenen Ländern. Das Interesse an Rohstoffen und nationalstaatlicher Souveränität war hier einfach größer als die Rücksichtnahme auf indigene Rechte und den Schutz ihres natürlichen Lebensraums. Auch die Art der Verhandlungsführung unterschied sich von Akteur zu Akteur. Während die Vertreter der USA und Russlands bis zu einem gewissen Grad rücksichtlos um ihre Interessen feilschten, nahmen andere Delegierte wie der norwegische Außenminister eine vermittelnde Position ein und versuchten, entstandene Gräben zwischen den Verhandlungspartnern durch möglichst viele Alternativvorschläge zu überwinden.

 

Am Ende steht eine Absichtserklärung - ein Teilerfolg.
Meist steckt der Teufel im Detail.

 

Und was ist am Ende bei den Verhandlungen herausgekommen? Ein 14-seitiges Vertragswerk mit zahlreichen Absichtserklärungen, unter anderem zum Umwelt- und Klimaschutz, zur Regelung des Fischfangs, zur Ressourcenförderung und zur Seenotrettung. Des Weiteren wurde die Gründung eines Sicherheitsforums zur Behandlung von sicherheitspolitischen Fragen, eines Expertenforums zur Ressourcennutzung sowie Abkommen zur Rüstungskontrolle, zum Verbot von Atomtests und zur Handelskooperation vereinbart. Einige Themen wurden vertagt beziehungsweise in andere Gremien übertragen, andere völlig ausgeklammert. Insgesamt sicher nicht der ganz große Wurf, aber zumindest ein Teilerfolg. Darin waren sich die meisten Teilnehmer in ihren persönlichen Reflektionen einig.

Was lässt sich also für ein Fazit nach drei Tagen Simulation ziehen? Internationale Verhandlungen sind ein anstrengendes, ein nerven- und kräftezehrendes Geschäft. Meist steckt der Teufel im noch so kleinsten Detail. Ein enormes Fachwissen ist von Nöten, welches sich ein Politiker oder Diplomat allein niemals aneignen kann. Und nicht zuletzt ist Politik auch auf dieser Ebene ein reines Geduldsspiel. Komplizierte Probleme brauchen meist langwierige Lösungsfindungsprozesse. Zu dieser Erkenntnis kann man aber nicht nur mit Blick auf den Arktiskonflikt gelangen. Dies gilt sowohl für die internationale als auch für die kommunale Politik.

 

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Bildnachweis: Thomas Nielebock und Jovana Horn
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