Medientipps: Demokratie und Bürgerbeteiligung im Netz

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angle-left Flächenverbrauch in der Kommune: Nachverdichtung um jeden Preis?

Bundesweit setzt sich die Erkenntnis durch, dass Kommunen ihren Flächenverbrauch senken müssen. Die Frage ist nur: Wie soll das gehen? Eine Debattenbeitrag von Anni Schlumberger

Vor Kurzem beklagte der Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung Baukultur, Reiner Nagel, in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung den üppigen Flächenverbrauch der Kommunen in Deutschland. Nagel wandte sich vor allem gegen den Wildwuchs von Neubaugebieten an Ortsrändern und sprach im Hinblick auf die Kombination von leeren Ortskernen und neuen Baugebieten am Rand von einem „Donut-Effekt“.

Nagel trifft hier unbestritten einen wichtigen Punkt, macht es sich aber recht einfach, wenn es um die Problemlösung geht. Er sagt: „Man sollte sich als Bauherr überlegen, ob man nicht vielleicht besser beraten ist, sich ein schon bestehendes Haus zu kaufen und zu sanieren.“ 

Sanierung vor Neubau mag in struktur- und bevölkerungsschwachen Regionen Deutschlands als eine durchaus sinnvolle Maxime gelten. In Zuzugsregionen besteht hingehen für den Bauherren gar keine Wahlmöglichkeit, ob er lieber sein Häuschen auf die grüne Wiese setzen oder einen Altbau sanieren möchte. Erstens ist der Kauf eines Hauses im Zentrum für viele Menschen nicht mehr finanzierbar (zumal wenn die Kosten der Sanierung noch aufgeschlagen werden müssen). Zweitens stehen weder in den Städten noch in anliegenden ländlichen Regionen so viele ältere (sanierungsfähige) Häuser zum Verkauf, dass der Bedarf auch nur annähernd gedeckt werden könnte. Nagel weist zwar auch 1,7 Millionen leerstehende Wohnungen in Deutschland hin, allerdings befindet sich lediglich ein Bruchteil von diesen in entsprechender Wohnlage. Um es drastisch auszudrücken: Was nützt der leere Altbau in der Uckermark, wenn mein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt im Raum Frankfurt, München oder Stuttgart liegt? Um langfristig aus dem Mietverhältnis auszusteigen oder überhaupt Wohnraum zu finden, besteht also häufig nur die Möglichkeit, selbst zum Häuslebauer zu werden.

Verzicht auf Baugebiete am Ortsrand kaum umsetzbar

Nagel empfiehlt Bauherren, wieder in die Zentren der Orte zu ziehen und damit die Ortsmitte wieder zu beleben: „Auch Neubau auf zu wenig genutzten Grundstücken in der Ortsmitte ist möglich.“ Auch dieser Vorschlag – so wünschenswert er ist – kann nur in Gegenden realisiert werden, die wenig Zuzug auszeichnet. In strukturstarken Regionen bringt der Verzicht auf die Erschließung von Baugebieten am Ortsrand zugunsten einer Nachverdichtung im Kern nur punktuell Erleichterung. Denn letztlich ist die Zahl an tatsächlich zu erwerbenden Baugrundstücken im Ortskern meist gering - gerade in ländlichen Gebieten möchten viele Besitzer „ihr“ Land nicht veräußern. Auch gibt es bestimmte Auflagen, zum Beispiel im Rahmen der Geruchsemission, die einer Nachverdichtung entgegenstehen und sie oft auch verhindern. Außerdem: In manchen Gegenden ist es gerade die lose Bebauung und Streuobstwiesen ortsbildprägend. Hier scheint eine Nachverdichtung um jeden Preis wenig ratsam. 

Was also tun? Fehlen Flächen im Kern, haben Kommunen kaum eine andere Wahl, als neue Baugebiete zu entwickeln, wollen sie den Verbleib oder gar den Zuzug junger Familien sichern und auf diese Weise ihre Infrastruktur zumindest bewahren (Kindergärten, Schule, Vereine etc.). Diese in Frage kommenden Flächen liegen allerdings meistens an den Rändern. 

Darüber hinaus: Auch wenn die Erkenntnis, den Flächenverbrauch langfristig senken zu müssen, bei allen Kommunen vorherrscht, hängen die kommunalen Mittel immer noch zu einem gewichtigen Teil mit der jeweiligen Einwohnerzahl zusammen. Und hier entsteht ein so genanntes collectiv-action-Problem: Solange nicht alle gleichermaßen verzichten, wird derjenige, der verzichtet, zum Verlierer. Oder anders herum: Wenn viele auf ein Baugebiet verzichten, gewinnt derjenige, der als Trittbrettfahrer agiert und ein solches ausweist. Während also eine Gemeinde vom Zuzug in allen Belangen profitiert, wird die Gemeinde, die darauf verzichtet, in vielerlei Hinsicht bestraft. Weder kann sie dauerhaft ihre Vereine mit Nachwuchs bestücken, noch Kindergärten- oder Schulen aufrecht erhalten. Eine schwindende Einwohnerzahl und die Überalterung der Bevölkerung werden auf Dauer die Attraktivität dieser Kommune mindern.

Auf Dauer leidet die Attraktivität der Kommune

Nichtsdestotrotz ist ein „Weiter so“ im Sinne einer ungesteuerten Neubaugebietserweiterung weder wünschenswert noch zukunftsträchtig. Reine Einfamilienhaussiedlungen können ebenso wenig idealtypische Lösungen darstellen wie anonyme Hochhaussiedlungen. Vielmehr gilt es, Flächen vorab sinnvoll zu entwickeln und so zu verbauen, dass es

  • mehr Mehr- als Einfamilienhäusern gibt,
  • alternative Wohnformen in das Gebiet integriert werden,
  • Plätze zum Treffen und Spielen mitgedacht werden und es
  • eine Anbindung an die örtliche Infrastruktur gibt.

Nicht ein Verbot von Neubaugebieten sollte Vorrang haben, sondern deren sinnvolle Gestaltung stärker in den Fokus rücken. Dies kann nur im Zusammenspiel zwischen politischen Entscheidungsträgern, kommunaler Verwaltung, Planern und der Bürgerschaft gelingen. In Form eines moderierten Bürgerdialogs werden dabei übergeordnete Ziele herausgearbeitet, Auflagen diskutiert und erst im Anschluss konkrete Planungen erstellt.

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