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Repräsentative Bürgerbeteiligung: Ein unauflösbarer Widerspruch

Warum Bürgerbeteiligung nicht repräsentativ sein kann. Ein Gastbeitrag von Michael Mörike, Vorstand der Integrata-Stiftung für humane Nutzung der Informationstechnologie.

Von Michael Mörike, Vorstand der Integrata-Stiftung

Zunächst sollten wir den Begriff der repräsentativen Bürgerbeteiligung klären: „Repräsentativ“ nennt man eine Teilmenge, die weitgehend dieselben Eigenschaften hat wie die Gesamtheit. Repräsentativ wäre in diesem Sinne also Bürgerbeteiligung dann, wenn die relativ kleine Zahl von teilnehmenden Bürgern dieselben Vorschläge äußern würde wie die Gesamtmenge.

Es gibt Beispiele der bürgerlichen Meinungsäußerung, die repräsentativ sind: Repräsentativ kann zum Beispiel eine Meinungsumfrage sein, die Umfrageinstitute täglich durchführen – und dabei die Gesetze der Statistik bemühen: Für eine solche Umfrage wird eine Mindestanzahl von zufällig ausgewählten Bürgern nach ihrer aktuellen Meinung zu vorgegebenen Themen befragt. Die Befragung sollte dabei so erfolgen, dass die jeweilige Frage nicht auch schon eine bestimmte Antworte impliziert.

Passt das auch mit den Prozessen einer Bürgerbeteiligung zusammen?

Von repräsentativer und konsultativer Bürgerbeteiligung

Das Ziel von Bürgerbeteiligung ist in der Praxis meist nicht repräsentativ, sondern konsultativ: Die Bürger werden um Rat und nach Ideen gefragt. Dabei entscheiden sie nicht, denn das obliegt dem Gemeinderat, der repräsentativ zusammengesetzt ist, soweit es das Gesetz als repräsentativ versteht. Ob nun ein Planungsbüro, ein inspirierter Verwaltungsbeamter oder ein Bürger die besten Ideen liefert, ist dabei egal – denn letztlich zählen Argumente, die für die besten Ideen stehen und eben nicht die Personen, die sie hervorgebracht haben.

Für eine repräsentative Bürgerbeteiligung müsste zunächst mathematisch die Mindestanzahl von zufällig auszuwählenden Bürgern in einer Kommune bestimmt werden. Wenn von den ausgewählten Bürgern einige bei der Beteiligung nicht mitmachen möchten, müssen entsprechend andere Einwohner, zufällig ermittelt unter all denen, die bis dahin aus der Gesamtmenge nicht ausgewählt wurden, nachrücken. Oft wird die Mindestzahl der auszuwählenden Bürger nach Gefühl bestimmt, was dann aber per se schon nicht mehr repräsentativ ist.

Bei einer bundesweiten Meinungsumfrage scheinen diese Schritte nicht weiter schwierig. Es ist aber schon sehr viel schwieriger bei einer zeitaufwändigen Bürgerbeteiligung auf kommunaler Ebene: Man kann nicht einfach so mit denjenigen starten, die ihren Teilnahmewillen bekundet haben, ohne für Nichtwillige Ersatz zu finden. Das wäre dann nicht nur nicht mehr zufällig, sondern auch nicht mehr repräsentativ. Dieser Schritt ist bereits die erste Schwierigkeit, die bei repräsentativer Bürgerbeteiligung zu meistern ist.

Wer darf mitmachen – und wer nicht?

Aber ist es nur die zeitaufwändige Auswahl der Bürger, die eine repräsentative Beteiligung schwierig macht? Eine weitere Schwierigkeit bei repräsentativer Bürgerbeteiligung ist, dass Bürger sich im Laufe des Prozesses fast immer aufwändig eine Meinung zum Thema bilden müssen – ebenso wie Gemeinderäte, die Verwaltung oder die Planungsbüros. Kann man repräsentative Meinungsbildung tatsächlich gestalten? Rein mathematisch und theoretisch ist das möglich, aber wie sieht das in der Praxis aus?

Die dritte Schwierigkeit liegt in der Abgrenzung: Soll die Beteiligung repräsentativ für die Bürger der Gemeinde sein oder für eine ganz andere Gesamtmenge: Dürfen die Eigentümer von Grundstücken, die auf der Gemarkung der Gemeinde liegen, aber außerhalb wohnen, teuilnehmen? Haben die Pendler, die bereits ihr halbes Leben in der Gemeinde verbringen, aber nicht wohnen, das Recht, bei der Beteiligung mitzumachen? Bei der bisherigen konsultativen Bürgerbeteiligung kann man alle Bürger ohne Schwierigkeiten beteiligen, bei einer repräsentativen Beteiligung nicht mehr.

Der entscheidende Unterschied zwischen einer repräsentativen Beteiligung und der repräsentativen Meinungsumfrage ist: Während Meinungsbildung ein zeitlich dynamischer Prozess ist, sei es beim Einzelnen oder in der Gruppe, ist die Meinungsabfrage eine Momentaufnahme, die einfach repräsentativ abgefragt werden kann. Wenn eine Gemeinde gestaltet werden soll, muss dazu ein  Meinungsbildungsprozess bei vielen Menschen stattfinden. Dieser läuft nicht nur unterschiedlich schnell ab und kann auch praktisch nicht repräsentativ gestaltet werden. Repräsentative Bürgerbeteiligung ist deswegen ein unauflösbarer Widerspruch.

 

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Jürgen Ertelt: „Mehr Jugendbeteiligung mit digitalen Medien und Internet wagen“

Wie digitale Jugendbeteiligung gelingen kann: Ein Gastbeitrag von Jürgen Ertelt vom Beteiligungsprojekt jugend.beteiligen.jetzt.

Von Jürgen Ertelt

Bürgerbeteiligung ist ein grundlegender Bestandteil zur Stärkung unserer Demokratie. Mit Blick auf die demografischen Verschiebungen ist Jugendbeteiligung besonders wichtig für eine jugendgerechte Gesellschaftsentwicklung. Es gilt heute die Interessen der nächsten Erwachsenengeneration zu sichern.

Der Alltag und die Kommunikation von Jugendlichen sind eindeutig digital und medial geprägt. Daraus folgt, dass eine Lebenswelt bezogene Partizipation der jungen Bürger*innen nicht ohne „e“ wie elektronisch realisiert werden kann. Die Planung von Beteiligungsverfahren muss die Zugangsvielfalt mit digitalen Möglichkeiten und Online-Angeboten in den Fokus nehmen. Es sollten permanente, differenzierte Beteiligungsmöglichkeiten offeriert werden: Ein Beteiligungsbetriebssystem ist das anzustrebende Programm. Das ist schwieriger umzusetzen, als wir es von Software und medialen Helfern erwarten.

Jugendbeteiligung digital

Partizipation heißt aktiv werden, um den Weg zur gesellschaftlichen Teilhabe mitzugestalten. Dies beinhaltet, dass sich Bürger*innen - dazu gehören natürlich Kinder und Jugendliche - bei öffentlichen Entscheidungsfindungen auf verschiedenen Ebenen engagiert einbringen: lokal, regional, national und europäisch. Digitale Beteiligung erweitert diesen Ansatz um den produktiven Einsatz audiovisueller Medien wie Foto, Video und Audio.

ePartizipation erfolgt demnach in elektronischer Form durch die Nutzung von Online-Informationsangeboten und internetbasierter Technologie. Digitale Jugendbeteiligung setzt also im Unterschied zu klassischen Formen der Beteiligung vorrangig auf technische Medien. Das heißt, eine politisch intendierte, Entscheidungen anstoßende Teilhabe, bei der Jugendliche ein für sie leicht erfassbares Spektrum elektronischer Informations- und Kommunikationstechnologien – vom Smartphone bis zur Kameradrohne – nutzen, um sich untereinander auszutauschen und sich öffentlich mitzuteilen. Kurz gefasst, geht es um interaktive Politikgestaltung mit adäquaten digitalen Mitteln in Online-Netzen und um korrespondierende Teilhabe an der digital geprägten Gesellschaft. Die Möglichkeiten von Anwendungen im Bereich der sogenannten Virtual Reality (Abbildungen von künstlichen Darstellungen) und der Augmented Reality (Einblendungen digitaler Informationen in Abbildungen von Realität) schaffen durch verbesserte Visualisierungen weitere Zugänge zu Informationen und Entscheidungsalternativen. Spielerische Angebote mit vernetzten Computerspielen (z.B. Minecraft) fördern die kreative Auseinandersetzung mit zu gestaltenden Welten. Hier liegt viel neues Potenzial um mehr Jugendbeteiligung zu bewegen.

In der Evolution von Internet und digitalen Medien lassen sich Zwischenschritte in den Stufenmodellen der Beteiligung markieren und bespielen. Neu sind virale Effekte in Social Media, die viele Menschen zu gemeinsamen Standpunkten oder solidarischen Aktionen – z.B. Flashmobs – zusammenführen, „Gefällt mir“- Stafetten zu plakatierten Meinungen oder auf Zustimmung zielende Kampagnen, die durch Masse Einfluss nehmen möchten. Herausragend sind Formen des gemeinsamen ökonomischen Handelns durch sogenanntes Crowdfunding. Die „Share“-Ökonomie des Internets gibt hier ein Beispiel, wie sich alternative Produkte – vom Sachbuch über die Freizeitanlage und den Kulturtreff, bis hin zum Nischenprodukt – durch Zusammenlegung privater Finanzen auch ohne öffentliche Mittel und alte Marktgesetze platzieren lassen. Diese Form direkter Partizipation drückt sich an dieser Stelle nicht nur in Worten aus, sondern setzt in erster Linie auf monetäres Handeln, um schnelle Lösungen und Umsetzungen von Interessen herbeizuführen.   

Gründe für digitale Beteiligungsverfahren

Transitive, ergebnisorientierte Teilhabe beinhaltet immer, dass es einen Grund für das Partizipationsverfahren gibt und somit, dass es tatsächlich etwas zu entscheiden gibt. Es geht stets um die Entwicklung und Abstimmung von Vorlagen und Empfehlungen für die gewählten Vertreter*innen der parlamentarischen Demokratie und nicht um deren Umgehung durch Abstimmungen, die keine legitimierte Basis haben. Die gewählten Gremien haben sich im besten Fall dazu bereit erklärt, die dokumentierten Ergebnisse des Beteiligungsprozesses zu verhandeln und in ihren Entscheidungsprozess einzubeziehen. Eine gelingende Partizipation ist an ein sichtbares Ergebnis gebunden. Hierbei ist es erforderlich, dass eine Öffentlichkeit für den Anlass der Auseinandersetzung geschaffen wird und eine nachvollziehbare Transparenz des Verfahrens hergestellt wird. Digitale Jugendbeteiligung kann dies mit ihren medialen Instrumenten und Online-Angeboten vorzüglich abbilden.

Jugendbeteiligung muss sich stets an den Lebensumständen junger Menschen ausrichten – räumlich, sozial, thematisch und medial. Erfolgreiche digitale Partizipation verlangt gleichwohl eine strukturelle Anbindung an politische Entscheidungsprozesse. Sie benötigt dafür ausreichende Ressourcen in materieller Ausstattung und personaler Assistenz. In allen Phasen des Beteiligungsprozesses sollten Jugendliche involviert sein.

Gute Gründe für mehr Jugendbeteiligung mit digitalen Medien und Internet lassen sich in eine kurze Liste zusammenfassen:

  • Beteiligung wird unabhängig von Ort und Zeit möglich.
  • Eine permanente Dokumentation des Prozesses findet statt.
  • Transparenz und Öffentlichkeit des Verfahrens sind gegeben.
  • Entscheidungen, die aus dem Beteiligungsprozess hervorgehen und seine Wirksamkeit verdeutlichen, werden nachvollziehbar.
  • Der Alltag und die Kommunikation Jugendlicher sind medial geprägt. Daran anknüpfend ist heute keine Jugendbeteiligung mehr ohne „e“ möglich.
  • Jugendmedien zu nutzen erleichtert die Ansprache der Zielgruppe.
  • Ein pseudonymer Zugang ist möglich.

Tools für mehr Beteiligung

Werkzeuge für mehr Jugendbeteiligung können digitale Medien oder Online-Angebote sein, am besten beides. Es bleiben aber Werkzeuge, das heißt, die verwendeten Tools sind kein Garant für den Erfolg des Beteiligungsverfahrens, sie optimieren es. Entscheidend für eine gelingende Partizipation sind der politische Wille, das Konzept, der strukturierte Prozess und die Kommunikation der Teilnehmenden. Die digitalen Zutaten sind unter Einbeziehung der Teilnehmenden und nach Maßgabe des Verfahrens zu wählen - nicht umgekehrt. Ein Werkzeug kann nie eine „eierlegende Wollmilchsau“ sein, aber es kann den Zugang zu mehr Jugendbeteiligung durch einfache, multimediale, smarte Möglichkeiten des Mitmachens öffnen. Die Qualitätsstufen der Partizipation sollten gerade zum Einstieg flexibel gehandhabt werden; niedrigschwellige Angebote für mehr ad-hoc-Beteiligung sollten vor hehrem Anspruchzählen. Durch unterschiedliche Zugänge – digital und analog, offline und online – können weitere Teilnehmende gewonnen werden.

Inzwischen wurde eine Vielfalt von Software-Lösungen entwickelt, zum Teil als Leistungen sogenannter Startups im informationstechnischen Servicebereich. Einige Produkte sind mit einem restriktiven Geschäftsmodell versehen und im Quellcode nicht zugänglich, andere trumpfen mit nachvollziehbaren Algorithmen auf und sind als „open source“ leichter an die Anforderungen des Beteiligungsprozesses anpassbar.

Jetzt für morgen sorgen und Zukunft partizipativ gestalten

Die demografischen Bedingungen unserer Gesellschaftsentwicklung
verlangen hinsichtlich der unterrepräsentierten Jugendlichen ein anwaltliches Handeln, um Interessen von Jugendlichen nach vorne zu stellen.

Jugendbeteiligung wird dabei zur inklusiven Demokratiestärkung, die Interessen der nächsten Erwachsenengeneration absichert und Spaltungen überbrückt. Die aktuellen Begleiterscheinungen wenig gewachsener Beteiligungskultur sowie vernachlässigter Ansprache und Einbeziehung junger Menschen im politischen Diskurs lassen sich leider auch im Wahlergebnis der Bundestagswahl 2017 ablesen: Mangelhafte Aufnahme der Interessen von Kindern und Jugendlichen plus Beifall für populistische Antworten aufgrund eingesparter politischer Bildungs- und Beteiligungsangebote für Jugendliche.

Partizipation junger Menschen wird zum Frühwarnsystem für
unberücksichtigte und verkannte Anliegen. Sie kann zur Vermeidung von Politikverdrossenheit beitragen, die in die Fänge extremistischer Gruppierungen treiben kann. Jugendstudien alleine helfen nicht Lösungen herbeizuführen, sondern die Subjekte müssen handelnd einbezogen werden. Jugendbeteiligung wirkt identitätsstiftend und verbindet mit dem, was wir emotional „Heimat“ nennen. Die „Alten“ sollten dies begrüßen, geht es doch um die Sicherung ihres politischen Erbes.

Über Jürgen Ertelt

Jürgen Ertelt ist Sozial- und Medienpädagoge und realisiert als Webarchitekt Konzepte für die Bildungsarbeit mit vernetzten digitalen Medien. Er ist seit mehr als 30 Jahren medienpädagogisch aktiv. Politisch engagiert er sich zu Herausforderungen des Internets mit Blick auf Demokratie, Staat und Gesellschaft.

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Partizipation in der Schule: Wenn Schüler mitbestimmen dürfen

Florian Kieser vom Landesschülerbeirat erklärt, wo Schüler heute mitreden dürfen – und warum das bisher nicht funktioniert.

Von Florian Kieser, Landesschülerbeirat von Baden-Württemberg

Was läuft an meiner Schule gut? Was kann man verbessern? Rund 1,5 Millionen Schülerinnen und Schüler werden im Schuljahr 2017/18 in Baden-Württemberg zur Schule gehen und jeder von ihnen hat seine ganz eigenen Vorstellungen davon, wie Schule aussehen soll.

Als Schüler kann man sich in Baden-Württemberg mit seinen Ideen durchaus Gehör verschaffen und etwas verändern. Die Betonung liegt hierbei jedoch leider auf dem „kann“: Oftmals werden die Strukturen an den Schulen nicht eingehalten und die Schülervertretung nicht in alle Entscheidungen miteinbezogen.

Dazu kommt: In vielen Fällen sind den Schülern ihre Rechte gar nicht erst bekannt. Sie wissen also gar nichts von ihren Einflussmöglichkeiten. Dabei ist eigentlich genau das essentiell: Jeder Schüler muss in der Schule über seine Rechte und Einflussmöglichkeiten im Rahmen einer entsprechenden Demokratieerziehung aufgeklärt werden.

Es ist wichtig, dass die Schulleitungen und auch die große Politik die Schülerinnen und Schüler bei jeder Entscheidung anhören und deren Meinung vor allem ernst nehmen. Schließlich wird Schule gerade für sie gemacht. Sie gehen tagtäglich in die Schule und erfahren Bildungspolitik am eigenen „Leib“. Sie wissen, was gut und schlecht läuft und wie eine ideale Schule für sie aussieht.

 

Wie und wo Schüler mitreden können

 

In Baden-Württemberg kann man an seiner Schule vierfach mitwirken:

  1. Wähle Deinen Klassensprecher!

    Die Aufgabe des Klassen- oder Kurssprechers ist es, Euch als Gesamtes, aber auch einzelnen Schüler gegenüber den Lehrern, der Schulleitung, den Eltern und den anderen Schülervertretern im Schülerrat zu vertreten. Er spricht bei Problemen mit dem Lehrer im Namen der Klasse beziehungsweise des Kurses oder nimmt beispielsweise bei Elternabenden mit beratender Stimme teil.
     
  2. Bringt Euch beim Schülerrat ein!

    Die Klassensprecher sind Mitglied des Schülerrats, das „Herz“ der Schülervertretung. Der Schülerrat setzt sich aus allen Klassen- und Kurssprechern der jeweiligen Schule zusammen und gibt die Leitlinie der Arbeit der Schülervertretung vor: Er fasst Beschlüsse zu allen schulischen Themenbereichen, legt den Jahresplan fest, organisiert Veranstaltungen und kann sogar Arbeitskreise zu bestimmten Themen einsetzten. Die Schulleitung muss die Mitglieder des Schülerrats des Weiteren über alle Angelegenheiten und Veränderungen, welche die Schülerinnen und Schüler betreffen, an der Schule unterrichten und anhören. Auch bei Lehrerkonferenzen kann die Schülervertretung mit beratender Stimme teilnehmen.
     
  3. Unterstützt den Schülersprecher!

    Geleitet und nach außen vertreten wird der Schülerrat durch den Schülersprecher. Er wird entweder vom Schülerrat oder von der gesamten Schülerschaft zu Beginn des Schuljahres gewählt. Der Schülersprecher koordiniert gemeinsam mit seinen Stellvertretern die Schülervertretung an der Schule und ist für die Durchführung der Beschlüsse des Schülerrats verantwortlich. Als oberster Schülervertreter steht er im ständigen Kontakt mit der Schulleitung, dem Elternbeirat und ist gemeinsam mit drei weiteren vom Schülerrat gewählten Vertretern Mitglied der Schulkonferenz, dem höchsten Beschlussorgan der Schule.
     
  4. Begleitet die Schulkonferenz!

    Die Schulkonferenz ist der "runde Tisch" der Schule und setzt sich aus Vertretern von Lehrern, Eltern und Schülern zusammen, die jeweils vier Vertreter in das Gremium entsenden. Damit haben die Schüler genauso viel Einfluss auf die Entscheidungen wie Eltern und Lehrer. Die Schulkonferenz entscheidet beispielsweise darüber, wann die 1. Stunde beginnt, wie mit dem Handy umzugehen ist, welche Neuanschaffungen getätigt werden oder wie die neue Schul- und Hausordnung aussieht. Zudem ist sie bei der Besetzung der Schulleiterstelle beteiligt und darf bei Beschlüssen der Lehrer zu allgemeinen Fragen der Erziehung und des Unterrichts mitreden.
     
  5. Und außerhalb der Schule? Der Landesschülerbeirat!

    Schüler in Baden-Württemberg können nicht nur in der Schule mitbestimmen, sondern auch auf Landesebene – über den Landesschülerbeirat als die demokratisch legitimierte Vertretung der Schüler in ganz Baden-Württemberg. Dieser ist ein offizielles Beratungsgremium des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport – also der Behörde, die für Bildungspolitik und somit für alle Schulfragen in Baden-Württemberg zuständig ist. Er vertritt die Interessen und Anliegen der 1,5 Millionen Schüler gegenüber der Öffentlichkeit und anderen Verbänden und Akteuren der Bildungspolitik (Landtagsabgeordneten, Landeselternbeirat, Gewerkschaften usw.). Als Beratungsgremium kann er dem Ministerium Vorschläge und Anregungen unterbreiten und steht im ständigen Austausch mit der Kultusministerin und ist bei allen bildungspolitischen Änderungen /Grundschulempfehlungen, Debatte um G8/G9 usw.) eingebunden.
     

Mehr Mitbestimmung und mehr Recht für die Zukunft
 

Leider funktioniert auch auf Landesebene in Baden-Württemberg die Mitbestimmung seitens der Schüler noch nicht richtig, weil die Anregungen und Forderungen des Landesschülerbeirats nicht immer Anklang in der Politik finden. Dabei sind es gerade die Schülerinnen und Schüler, welche die Adressaten der Bildungspolitik sind. Da sie tagtäglich in die Schule gehen und die Bildungspolitik am eigenen „Leib“ erfahren, wissen sie, was gut und schlecht läuft und wie eine ideale Schule für sie aussieht. Dafür ist es jedoch ebenfalls unverzichtbar, dass den Schülervertretungen auch ausreichend Rechte und Einflussmöglichkeiten gegeben werden, in dem man beispielsweise die beschriebenen Strukturen einhält.

Darüber hinaus wäre es sinnvoll, die Rechte und Pflichten der Schülervertretungen in Zukunft noch zu erweitern: Schüler brauchen noch wesentlich mehr Einflussmöglichkeiten - eine Erweiterung des Aufgabenbereichs der Schulkonferenz oder ein Antragsrechts der Schülervertretung in der Gesamtlehrerkonferenz wären hierfür ein Beispiel.

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Eine Beteiligungs-App macht noch keine Bürgerbeteiligung

Für gute Bürgerbeteiligung braucht man keine Beteiligungs-App. Statt auf sachorientierte Dialoge und zielgruppenspezifische Konzepte zu setzen, wird eine technische Lösung entwickelt, die letztlich nur ein Feigenblatt kommunaler Mitbestimmung sein kann.

Ein Kommentar von Anni Schlumberger

Groß war es zu lesen: Die Stadt Tübingen führt eine Beteiligungs-App ein und wird zum Vorreiter in Sachen Bürgerbeteiligung. Es klingt einfach: Möglichst viele Einwohner sollen sich die App nach deren Fertigstellung auf ihr Smartphone laden und schon dürfen sie durch einfaches Klicken mitmachen - allerdings nur ab und an, wenn der Gemeinderat dies für notwendig hält.

Eine Bürgerbeteiligungs-App sollte keinen Selbstzweck darstellen, sondern die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an kommunalen Entscheidungen stärken. Kann sie das leisten?

 

1. Gute Bürgerbeteiligung erreicht möglichst alle relevanten Zielgruppen

Grundsätzlich kann sich jeder Einwohner, der ein Smartphone besitzt, die Beteiligungs-App herunterladen. Geplant ist, dass jeder einen Zugangscode erhält, der an den Namen, die Anschrift und das Geburtsdatum gekoppelt ist. Entsprechend kann nach Abschluss einer Befragung eine Auswertung nach Alter und Geschlecht vorgenommen werden.

Bei guten Beteiligungsprozessen wird im Vorfeld die Zielgruppe klar definiert: Sollen alle Bürgerinnen und Bürger erreicht werden? Gibt es eine bestimmte Zielgruppe, die insbesondere erreicht werden soll (Jugendliche, Senioren, Anwohner, bestimmte Interessengruppen, etc.)? Auf dieser Basis werden dann Methoden und Kanäle ausgewählt.

Fazit 1: Statt spezifischen Lösungen beschränkt sich eine Beteiligung per App auf „One-Size-Fits-All“, d.h. eine Beteiligung umfasst grundsätzlich (nur) all jene, die die App besitzen.

 

2. Gute Bürgerbeteiligung baut auf umfassende Information

Eine App kann aus verschiedenen Menüs bestehen, allerdings liegt ihr eigentlicher Sinn in der Schlankheit und Einfachheit.

Gerade in Zeiten von Fake News und Filterblasen ist es essentiell, dass sich Bürgerinnen und Bürger im Beteiligungsprozess eine auf Fakten basierte Meinung bilden können. Gute Bürgerbeteiligung setzt auf möglichst umfassende Information: Einerseits über den Gegenstand (Hintergründe, Rechtsgrundlagen, bestehende Planungen), andererseits über den Prozess (Ziele, Zeitplan, Möglichkeiten und Grenzen). Information ist eine Grundvoraussetzung für die fundierte Meinungsbildung jenseits von Vorurteilen. Sie trägt nachweislich zur Transparenz und Glaubwürdigkeit eines Verfahrens bei.

Fazit 2: Umfassende Informationen laufen dem Prinzip einer App entgegen.

 

3. Gute Bürgerbeteiligung setzt auf einen sachorientierten Dialog

Mit Hilfe einer App können Stimmungsbilder eines Teils der Bevölkerung abgefragt werden.

Gute Bürgerbeteiligung setzt aber auf einen sachorientierten Dialog zwischen Bürgern und politischen Entscheidungsträgern. Neutrale Moderatoren dienen dabei als Ansprechpartner und Vermittler, die nicht nur auf die Netiquette achten, sondern Impulse setzen, Debatten ordnen und Fragen beantworten.

Fazit 3: Eine App eignet sich nicht dafür, gestalterisch in Dialoge einzugreifen und diese zu strukturieren. Man denke an WhatsApp-Gruppen, in denen schnell unklar wird, wer was wann gesagt hat und welche Argumente bereits eingebracht wurden.

 

4. Gute Bürgerbeteiligung ist keine Stimmungsabfrage

Mittels einer App kann eine Frage mit "ja“ oder „nein“ beantwortet werden.

Gute Bürgerbeteiligung bindet Bürger längerfristig ein und lässt sie an der Zukunft der Kommune aktiv mitwirken. Statt „ja“ und „nein“ können Ideen und Anliegen eingebracht, Argumente gesammelt und gewichtet werden. Hier hat der Prozess nicht das Ziel, einfache Antworten zu finden, sondern sich aktiv mit Möglichkeiten, Grenzen und Alternativen auseinander zu setzen. Auf diese Weise entsteht substantieller Input, der es dem Gemeinderat erleichtert, Entscheidungen zu treffen.

Fazit 4: Eine App bietet lediglich eine oberflächliche Meinungsabfrage.

 

5. Gute Bürgerbeteiligung wirkt sich nachhaltig positiv auf die kommunale Entwicklung aus

Im Anschluss an eine Abstimmung per App kann – falls das überhaupt geplant ist – das Zwischen- oder Endergebnis angezeigt werden. Aber was sagt das aus?

Gute Bürgerbeteiligungsprozesse legen im Vorfeld offen, was mit den Ergebnissen passiert. Der Austausch von Argumenten oder auch das Generieren von Vorschlägen kann dem Gemeinderat einen Handlungs- und Entscheidungsrahmen geben. Nicht alle Ideen können umgesetzt werden, aber sie finden in den meisten Fällen Eingang in die politische Entscheidungsfindung. Diese Art von Rückmeldung stärkt das Vertrauen und die Motivation, sich auch in Zukunft wieder einzubringen.

Abstimmungen hingegeben haben lediglich ein „ja“ oder „nein“ zum Ziel. Die Überzeugung mittels Pro- und Contra-Argumenten findet– zumal via App – nicht statt. Zuspitzung und Polarisierung stehen über Dialog und Konsens.

Davon abgesehen setzen Abstimmungen, sollen sie ein möglichst umfassendes Meinungsbild ergeben, eine gewisse Repräsentativität voraus. Handelt es sich tatsächlich um ein weichenstellendes Thema, müssen alle – Appbesitzer oder nicht – einbezogen werden. Ist die per App gestellte Frage letztlich unerheblich, stellt sich die Frage, warum man sich dann daran beteiligen sollte.

Fazit 5: Eine Abstimmung per App fördert Polarisierung statt Dialog.

 

Fazit: Eine Beteiligungs-App führt nicht zu guter Bürgerbeteiligung

Eine Beteiligungs-App kann gute Bürgerbeteiligung nicht ersetzen. Sie macht sie auch per se nicht besser. Warum soll sie dann zum Einsatz kommen?

Es wird von Befürwortern immer wieder argumentiert, dass die Beteiligung per Handy die Menschen da abholt, wo sie sind. Dies spricht allerdings weniger für eine App, sondern vor allem für den Einsatz Smartphone-kompatibler Beteiligungskanäle. Statt für viele zehntausend Euro eigene Lösungen zu entwickeln, die – das ist die Natur der Sache – auch betreut und weiterentwickelt werden müssen, hätte man auch für deutlich weniger Geld auf eine der etablierten Online-Plattformen zurückgreifen können. Diese bieten eine Vielzahl an Modulen und Methoden an, können unbegrenzt Informationen bereitstellen – hier können Dialoge strukturiert und sachorientiert moderiert werden. Darüber hinaus besteht bei den Betreibern der Plattformen ein beachtliches KnowHow, welches sich nicht nur auf technische Funktionen beschränkt, sondern auch die Prozessgestaltung und Moderation von Beteiligungsprozessen umfasst.

Apps sind kurzlebig. Werden sie nicht regelmäßig verwendet, verschwinden sie nach und nach vom Smartphone. Selbst sehr erfolgreiche Apps, wie beispielsweise „Quizduell“, sind nach einem Jahr nur noch auf wenigen Geräten zu finden.

Gute Bürgerbeteiligung umfasst eine seriöse Planung, Durchführung und Dokumentation. Sie nimmt Menschen und ihre Anliegen ernst. Statt konzeptionell basierter Beteiligung und sachorientierten Dialogen findet bei App-basierten Verfahren eine teure Schmalspurbeteiligung statt. Der Vorwurf des Feigenblatts ist dann nicht mehr weit. „Dem Handy die Meinung sagen“, titelte das Tagblatt. Dazu brauche ich keine App. 

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Hintergrund

Der Tübinger Gemeinderat hat beschlossen, eine Beteiligungs-App speziell für Tübingen für 200.000€ entwickeln zu lassen. 

Die von der Stadt Tübingen in Auftrag gegebene App soll folgendes können:

  1. Die Bürger abstimmen lassen. Das soll etwa zweimal im Jahr geschehen zum einem anstehenden Projekt der Stadt Tübingen.
  2. Die App enthält KEINE ausführlichen Informationen zum Thema, eventuell aber rudimentäre Texte. 
  3. Es soll ein Forum angeboten werden, das zunächst aber unbetreut sein wird, weil kein Geld für die Betreuung da ist. Diese war im Gemeinderat stark umstritten.
  4. Die App ist direkt verbunden mit dem Einwohnerregister technisch auf eine Art mit einem Token, damit die Abstimmung anonym bleiben kann und damit man nicht zweimal abstimmen kann.
  5. Der erste Token wird den Einwohnern (nicht stimmberechtigten Bürgern!) per Brief zugeschickt.
  6. So wird auch verhindert, dass jemand abstimmen kann, der in der Zwischenzeit weggezogen ist. Ein Neubürger bekommt den Ersttoken mit seiner Anmeldung.
  7. Kein Außenstehender darf an der Abstimmung teilnehmen. Wer keinen Brief bekommt, kann nicht teilnehmen.
  8. Die App wurde beautragt bei einer Firma (neon-Gelb), die schon seit einiger Zeit eine Städte-App anbietet, in der alle Informationen über die Stadt abrufbar ist. (Durchaus sinnvoll) Dieser Teil der allgemeinen Info soll in der Tübinger App abgeschaltet werden.

Und diese App soll nun Stadt für Stadt in Baden-Württemberg weiterverkauft werden, die die Stadt Tübingen einen Teil ihrer Kosten wieder reinholt.

 

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Demographischer Wandel: „Viele Kommunen machen sich echte Gedanken!“

Susanne Schwarz von der Sozialstation Esslingen über den demographischen Wandel in der Pflege, wie Kommunen sich vorbereiten und warum Senioren das Netz entdecken sollten. Teil 2 der Serie #StadtderZukunft

Frau Schwarz, was bedeutet demographischer Wandel für Sie ganz konkret in Ihrem Arbeitsalltag bei der Sozialstation Esslingen?
Grundsätzlich: Es gibt immer mehr ältere Leute, auch wenn das natürlich erst einmal nicht bedeutet, dass alle älteren Menschen auch hilfebedürftig sind. Dennoch nimmt gerade die Zahl der hochaltrigen Menschen zu und da haben wir den größten Bedarf an Hilfsleistungen. Wir merken aber auch eine Veränderung in den familiären Strukturen: Es gibt weniger Angehörige, die sich kümmern oder kümmern können. Das kann daran liegen, dass sie weit weg wohnen, aber manchmal sind auch dreißig Kilometer schon zu weit, um mal kurz zu helfen. Oft sind die Angehörigen auch berufstätig und haben Kinder, die schulpflichtig sind. Auch wenn wir als Sozialstation Esslingen e.V. vergleichsweise gut da stehen, gibt es insgesamt einen konkreten Fachkräftemangel. Die Anfragen von Kunden nehmen zu. Übrigens braucht nicht nur der ambulante Bereich Fachkräfte, sondern auch Krankenhäuser und Pflegeheime.

Wann fängt Altsein eigentlich für Sie an?
Das ist eine ganz schwierige Frage und ich kann sie so einfach gar nicht beantworten. Sie könnten jetzt das gesetzliche Renteneintrittsalter als Schwelle nehmen, aber es gibt Menschen, die müssen oder wollen vorher in den Ruhestand geben und andere, die können oder müssen noch weiter arbeiten. Also eignet sich das Renteneintrittsalter nicht wirklich. Wir erleben im Alltag Leute, die bereits in jungen Jahren pflegebedürftig werden, und es gibt Menschen, die sind im höheren kalendarischen Alter noch fit, manche davon wollen sich dennoch ein bisschen unterstützen lassen. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, da Menschen als alt zu bezeichnen. Im Prinzip spielt das kalendarische Alter wahrscheinlich keine so große Rolle, sondern eher der Gesundheitszustand: Kann ich meinen Alltag noch selbständig meistern, wie weit bin ich noch beweglich, wie komme ich durch den Tag? Habe ich Schmerzen, habe ich gesundheitliche Einschränkungen und wie viel Energie verspüre ich?

Welche Bedürfnisse haben ältere Menschen, wenn sie zu Ihnen kommen?
Zu uns kommen meist Menschen mit konkreten Bedürfnissen: Manche möchten, dass wir ihnen einmal in der Woche die Wohnung putzen, andere brauchen mehr hauswirtschaftliche Versorgung, weil sie die gesamte Arbeit im eigenen Haushalt nicht mehr schaffen oder sie möchten Unterstützung bei der Körperpflege. Wir beraten Menschen, helfen ihnen natürlich bei der Körperpflege, übernehmen die vom Arzt verordnete Behandlungspflege, leisten umfassend hauswirtschaftliche Hilfe, wir bringen ihnen Essen auf Rädern, vermitteln einen Hausnotruf und bieten kostenlos eine Gruppe für pflegende Angehörige an. Manchmal kommen Menschen aber auch, weil sie Redebedarf haben, sich informieren und vorsorgen wollen oder wissen möchten, wie die Pflegeversicherung funktioniert.

Der demographische Wandel ist für Sie also ein echter Geldsegen.
Wir sind ein eingetragener Verein und dürfen keine Gewinne machen. Der Anteil derjenigen, die Hilfe brauchen, wächst, aber der Markt an Fachkräften ist leer. Die Preise, die wir verlangen, sind zum großen Teil vorgegeben, so dass ich nicht von Geldsegen reden kann. Ein Geldsegen sind vielleicht die sogenannten „Best agers“ und kaufkräftigen Senioren, die Ihr Geld aber hauptsächlich für Reisen, Kultur, Wellness und andere Annehmlichkeiten ausgeben.

 

„Die Anteil derjenigen, die Hilfe brauchen, wächst.
Aber der demographische Wandel ist für uns kein Geldsegen.“

 

Was sagen Sie den Menschen, die zu Ihnen kommen?
Ich versuche herauszufinden, wo Menschen Bedürfnisse haben, wo sie Unterstützung brauchen und was sie noch gut können. Es geht aber auch darum, Menschen zu ermutigen, etwas Neues auszuprobieren: Würde es mir als Angehöriger nicht helfen, auch andere Angehörige in einer Gruppe kennenzulernen und sich auszutauschen? Wäre es eine Idee, einen Hausnotruf einzurichten? Kann Tagespflege eine Option sein? Auch wenn ich jahrelang meinen Haushalt selber geschafft habe, kann ich mich jetzt unterstützen lassen. Wenn ich einen Pflegedienst in Anspruch nehme, binde ich mich dadurch nicht ewig an ihn, ich kann die Hilfen auch verändern oder wieder absagen. Auch das kann Mut machen, Hilfen einmal auszuprobieren.

Glauben Sie, dass ältere Menschen spezielle Angebote brauchen oder sollten Angebote nicht immer auch generationenübergreifend sein?
Bei uns bekommt natürlich erst einmal jeder Hilfe und gerne laden wir auch jüngere Leute ein, zu unseren Veranstaltungen zu kommen. Manche Termine finden allerdings nachmittags statt, weil viele Ältere abends nicht mehr rausgehen wollen oder einen Angehörigen pflegen. Gewisse Themen, zum Beispiel „Pflegebedürftigkeit“ interessiert die Menschen meist erst dann, wenn sie selbst - dann meist im fortgeschrittenen Alter - oder ihre Angehörigen betroffen sind. Freizeitangebote für Senioren interessieren jüngere Menschen oft nicht so, weil Musikstil, Lebensgewohnheiten oder Interessen variieren.

Welche Bedürfnisse haben die Menschen, die heute noch nicht alt sind? Wie müssen die sich vorbereiten?
Jüngere Leute sollten sich auf jeden Fall mit dem Thema Pflege und Pflegebedürftigkeit auseinandersetzen. Ich sage immer: Leben Sie, genießen Sie Ihr Leben, denn das Leben kann sich jederzeit schlagartig oder auch schleppend verändern. Überlegen Sie sich doch einfach mal für sich, wo und wie Sie sich gerne helfen lassen würden, wenn Sie alt oder pflegebedürftig sind. Fragen Sie sich, was die Menschen, die in Ihrem Angehörigenkreis später nach Ihnen schauen werden, von Ihnen eigentlich wissen sollten. Sprechen Sie über eine Patientenverfügung mit anderen Vertrauten und denken Sie über eine Vollmacht nach. Informieren Sie sich über Stellen, die Ihnen helfen, gerade dann, wenn es um finanzielle Fragen geht. Sonst kann es später heftig werden, weil Sie in kürzester Zeit sehr viel auf die Beine stellen müssen. Reden Sie mit Ihren Nächsten, wie Sie einmal bei Pflegebedürftigkeit versorgt sein wollen. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein anderer schon automatisch weiß, was Sie gerne möchten. Und: Überlegen Sie rechtzeitig, ob Ihr Wohnumfeld geeignet ist, um dort im Alter wohnen zu können oder ob es nicht besser ist, rechtzeitig in einer besser geeigneten Wohnung neu Fuß zu fassen. Auch gibt es inzwischen vielfältige Projekte, zum Beispiel zum generationenübergreifenden Wohnen oder zum WG-Leben im Alter. Wer kann, kann auch finanzielle Vorsorge treffen.

Wenn junge Menschen sich nicht mit dem Thema Pflege auseinandersetzen – heisst das, dass sie sich auch nicht um die Angehörigen kümmern?
Das kann man so pauschal nicht sagen. Viele Angehörige sind sehr stark eingebunden in die Familie. Aber es ist eben so, dass sie, wenn sie woanders wohnen, aber genauso, wenn sie zwar in der Nähe wohnen, aber zur Arbeit müssen und womöglich dazu noch einen weiten Weg haben, eben nicht noch den Angehörigen pflegen können. Die Familie kann da aber trotzdem wichtig bleiben und das Sorgen ist weiterhin da, aber die Hilfen können nicht immer konkret geleistet werden, sondern eher im organisatorischen Bereich. In meiner langjährigen beruflichen Erfahrung habe ich oft erfahren, dass Angehörige, die ein gutes Verhältnis zu den Eltern oder anderen Verwandten hatten, sich auch, wenn sie weiter weg wohnen, kümmern und sorgen. Da, wo das Verhältnis schon immer schwierig war, ist weniger Kontakt da oder die Begegnungen sind angespannt und finden aus reinem Pflichtbewusstsein statt.

 

„Es darf nicht sein, dass die jüngere Generation ihr Leben nicht leben darf,
weil sie sich permanent um ein pflegebedürftiges Familienmitglied kümmern muss.“

 

Müssten ältere Menschen auf dem Dorf nicht mit den Jungen in die Stadt ziehen, weil sie auf dem Dorf nicht ausreichend versorgt werden können?
Das kann man so generell auch nicht sagen. In manchen kleineren Gemeinden gibt es gute Strukturen, weil sich Kommunen auf den Weg gemacht haben und beispielsweise in genossenschaftlichen Modellen versuchen, sich dem demographischen Wandel entgegenzustellen und Nachbarschaften oft noch intakt sind. Es kommt sicherlich auf die einzelne Gemeinde und die einzelne Situation an - auch, was Versorgung durch Ärzte, Apotheken und Pflegedienste betrifft. Bedenken Sie auch, dass ambulante Dienste in ländlichen Strukturen ganz anders aufgestellt sind, weil sie zum Beispiel viel längere Fahrstrecken und -zeiten haben. Aber wie gesagt: Ich sehe viele kleinere Kommunen, die sich wirklich Gedanken über das Thema machen.

Was fehlt denn den jungen Menschen auf dem Dorf?
Das müsste man die jungen Menschen dort fragen. Die, die fest eingebunden sind in Gemeinschaften und das Vereinsleben, wollen ja gar nicht unbedingt weg. Anderen ist manchmal ein Dorf zu klein und sie suchen städtische Strukturen. Viel hängt aber bestimmt von beruflichen Perspektiven ab. Hat jemand aufgrund von Studium oder Ausbildung einmal in der Stadt gelebt, gewöhnt er sich manchmal an die dortige Infrastruktur und hat einen neuen Freundeskreis und da fällt es schwer, wieder zurück aufs Land zu ziehen.

Nun ist es aber Teil eines Generationenvertrages, dass Jüngere sich um Ältere kümmern: Haben junge Menschen auch eine Verantwortung dazu?
Wenn es darum geht, sich um Ältere zu sorgen und sich um sie zu kümmern, dann sehe ich das schon. Ganz raus aus der Verantwortung ist man in der Regel als Angehöriger nicht. Aber auf der anderen Seite gibt es viele Einzelschicksale, bei denen ich sehr gut verstehen kann, dass junge Menschen ihre Angehörigen nicht pflegen wollen oder sogar ganz den Abstand suchen. Dann sollte das aber kommuniziert werden, damit professionelle Strukturen installiert werden.

An der Pflege zerbricht das familiäre Gefüge?
Ich würde es nicht zerbrechen nennen. Aber bei Menschen mit Demenz helfen zum Beispiel unsere gelernten Verhaltensweisen nicht mehr weiter: Einem dementen Menschen können Sie nicht einfach sagen, dass er mit einem Verhalten aufhören soll, das funktioniert nicht. Wenn man ihm vor einer Minute gesagt hat, dass er die Wohnung bitte nicht verlassen soll, kann er das in der nächsten Minute dennoch tun. Solche Lebenslagen können pflegende Angehörige dauerhaft aber alleine gar nicht bewältigen, ohne selber krank zu werden. Da brauchen sie Hilfe. Je früher Angehörige Hilfe annehmen und sich auch um sich selber sorgen, umso länger halten familiäre Gebilde eine Pflegesituation aus. Es darf nicht sein, dass die jüngere Generation ihr Leben nicht leben darf, weil sie sich permanent um ein pflegebedürftiges Familienmitglied kümmern muss.

Wäre es dann nicht gut, wenn wir auf den Dörfern wieder eine stärkere heterogene Altersstruktur haben? Was kann denn Ihrer Meinung nach eine Kommune tun, damit sie für jüngere Menschen wieder attraktiv wird?
Die Infrastruktur muss stimmen, sowohl für Familien mit kleinen als auch mit heranwachsenden Kinder bzw. Jugendlichen, es müssen Schulen, Ausbildungsmöglichkeiten und Arbeitsplätze vorhanden sein und auch der ÖPNV muss ausgebaut sein. Auch ein schnelles Internet ist sicherlich eine Voraussetzung. Ansonsten muss auch bei diesem Thema am besten die Jugend befragt werden.

 

„Das Internet kann durchaus Einsamkeit verkleinern,
wenn es auch nie einen persönlichen Kontakt ersetzen kann.“

 

Wie kann denn eine Kommune sich am Besten dem demographischen Wandel stellen?
Eine Kommune muss Beratungsangebote schaffen bzw. vorhandene fördern und entsprechende professionelle Strukturen vorweisen. In Esslingen starten wir zum Beispiel regelmäßig große Aktionstage oder sogar -wochen, in denen wir Menschen über Demenz informieren und sie darauf aufmerksam machen, aufeinander aufzupassen und Hilfen in Anspruch zu nehmen. Hier kann eine Kommune sehr gut informieren. Auch die Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg unterstützt Kommunen beim Aufbau solcher Strukturen. Ob jemand zuhause wohnen bleiben kann, ist auch immer sehr stark vom Wohnumfeld abhängig, denn der beste zwischenmenschliche Kontakt kann auch dann nichts mehr ausrichten, wenn das Wohnen aufgrund von Treppen, zu engen Fluren und nicht barrierefreien Bädern unmöglich geworden ist. Da kommen der Wohnungsbau und die Stadtplanung ins Spiel … Die gesamte Infrastruktur muss stimmen. Eine Kommune kann auch neue Wohnprojekte anstoßen oder begleiten, Ehrenamtliche gewinnen, stärken und wertschätzen und Pflegedienste unterstützen.

Was meinen Sie mit aufeinander aufpassen?
Schauen Sie nach Ihrem Nachbarn: Geht der Rollladen nach oben oder ist er die ganze Zeit unten? Sprechen Sie mit der älteren Dame im Haus und machen Sie ein Zeichen mit ihr aus, falls sie Hilfe braucht: Sie kann beispielsweise jeden Morgen eine rote Kanne ans Fenster stellen und wenn die Kanne dort nicht mehr steht, wissen Sie, dass etwas nicht stimmt. Bieten Sie alten Menschen in der Nachbarschaft an, sie mitzunehmen, vielleicht für sie einzukaufen oder sie zum Arzt zu begleiten. Oder muss der alte Nachbar ernsthaft jede zweite Woche die Kehrwoche machen?
Vielleicht könnten auch mehrere, die alleine, aber im selben Quartier leben, sich zusammenschließen und einen Teil ihrer freien Zeit miteinander verbringen, anstatt einsam vor dem Fernseher zu sitzen. Das erfordert aber ein mutiges Aufeinanderzugehen!

Alter bedeutet also Einsamkeit?
Nicht zwangsläufig, aber ja, das kann so sein, wenn die Angehörigen sehr weit weg wohnen, es vielleicht auch keine mehr gibt und Freunde verstorben, weggezogen oder dement geworden sind. Es gibt aber auch viele ältere Menschen, die allein sein wollen und die Ruhe nicht als Einsamkeit werten.

Was kann eine Kommune noch tun?
Sie kann auch das ehrenamtliche Engagement fördern und Strukturen verbessern für Menschen, die nicht mehr gut hören oder sehen, in dem man beispielsweise die Ampeln mit Hilfstechnik ausstattet oder viele Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum anbietet. Das Thema demographischer Wandel ist damit auch ein Thema der Stadtentwicklung: Wenn ich nicht mehr ganz mobil bin, ist es schwer, in den Bus zu steigen. Oder denken Sie an die Wohnstrukturen: Vielleicht wohnen Sie in Ihrem Traumhaus, aber ist dieses Haus auch pflegegerecht? Kann ich in diesem Haus eigentlich heute noch weiter wohnen oder wäre es besser, mir schon mit 60 oder 65 eine neue Wohnung zu suchen? Dann muss es aber auch attraktiven und vor allem bezahlbaren Wohnraum geben. Der soziale Wohnungsbau ist praktisch eingestellt worden, das ist ein Problem.

Wo liegt eigentlich heute der Unterschied zwischen einem Alters- und einem Pflegeheim?
Inzwischen reden wir fast nur noch von Pflegeheimen, in denen Menschen leben, die ihre allerletzte Lebensphase dort erleben. Das klassische Altersheim gibt es so fast nicht mehr. Dafür gibt es heute das Betreute Wohnen, das aber nicht unbedingt das verspricht, was man sich gemeinhin unter „betreut“ vorstellt. Da muss man genau hinsehen. Sicher ist es gut, wenn der Grundsatz ambulant vor stationär dazu dient, dass Menschen so lange wie möglich zu Hause bleiben und möglichst selbstbestimmt leben können, aber es kann der Punkt kommen, wo es zuhause nicht mehr geht. Und da kann ein Pflegeheim ein Segen sein.

 

 „Leben Sie! Genießen Sie Ihr Leben!
Es kann sich jederzeit schlagartig oder auch schleppend verändern.“

 

Wie sehen Sie denn die Möglichkeiten des Internets an, gerade für ältere Menschen? Hier warten doch viele Informationen auf sie und Foren sind zum Beispiel eine Möglichkeit, sich vielleicht weniger einsam zu fühlen?
Ich sehe auch, dass ältere Menschen das Netz verstärkt nutzen, auch wenn es immer noch viele gibt, die sich aktiv ausklinken. Ich finde es gut, wenn sich jemand mit 70 Jahren noch an die Technik wagt, weil man sonst einfach den Anschluss verpasst. Denken Sie nur an virtuelle Arztsprechstunden oder das Übermitteln von medizinischen Werten via Internet, das in der Zukunft sicherlich kommen wird. Das Internet kann ja auch Nähe herstellen, z.B. wenn man mit Freunden oder den Enkelkindern skypt. Auch Spiele und Gedächtnistraining sind über das Internet möglich, Essen kann bestellt werden usw. Es kann durchaus Einsamkeit verkleinern, wenn es auch nie einen persönlichen Kontakt ersetzen kann.

Das Netz ist also gerade für alte Menschen ein Segen?
Ja. Ich sehe das schon so. Allerdings muss eine gewisse Technikaffinität gegeben sein und man muss jemand haben, der bei Problemen rasch hilft. Je früher sich jemand mit den Möglichkeiten des Netzes auseinandersetzt, umso besser kann er die Vorteile nutzen. Ich kenne zum Beispiel einen erblindeten Menschen, der sich von einem Smartphone unterstützen lässt: Das Ortungssystem sagt ihm beispielsweise, in welche Richtung er laufen muss. Das kann er aber nur, weil er sich, als er noch sehen konnte, mit der modernen Technik beschäftigt hatte. Übrigens: Auch für Angehörige kann es vorteilhaft sein, per Netz in Verbindung zu bleiben. Beim Skypen sieht man sich und man kann Veränderungen bemerken. Oder eine GPS-Technik kann genutzt werden, um jemanden zu orten, der bei einem Spaziergang gesundheitliche Probleme bekommen oder aufgrund einer dementiellen Erkrankung die Orientierung verloren hat. Da gibt es inzwischen sehr gute Hilfen.

Frau Schwarz, vielen Dank für das Gespräch.

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Das Gespräch führte Redakteur Sascha Blättermann.

Bildnachweis:Privat
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